Archiv für die Kategorie ‘Weisheiten’

Flapsiger Fluch

Herr Winfried am Mittwoch den 14. Juli 2021

LIVE ab 11.55: YB-MK vor dem Saisonstart

Nein, die Nachbesprechung des EM-Finals ist noch nicht zu Ende.

England ist unfähig im Penaltyschiessen, Italien hat die “Euro 2020” gewonnen, so what? So einfach ist es nicht. Die bedachten Italiener haben die Lotterie Liturgie der Zentimeterentscheidungen ganz gekonnt für sich eingesetzt: dank ihrem Don Giorgio Chiellini.

Das Wort wo Herr Chiellini da sagte, ist “Kiricocho”. Die exklusive Aufnahme entstand wenige Sekunden vor Bukayo Sakas Penalty, der bekanntlich der letzte war.

“Kiricocho” geht auf eine alte Argentinische Legende zurück. Ein Fan mit dem Namen pflegte stets die Trainingseinheiten des Spitzenclubs Estudiantes zu besuchen. Bald bemerkte der damalige Trainer, dass sich immer ein Spieler verletzte, wenn “Kiricocho” dabei war. Also schickte der besagte Coach den Unglücksbringer jeweils zum nächsten Gegner in die Trainings.

Das Wort “Kiricocho” eignet sich also hervorragend, um den gegnerischen Schützen vor dessen Penaltyschuss entscheidend abzulenken. Chiellini hat diesen Trumpf mit seiner ganzen Routine ausgespielt.

Klare Kopfsache

Rrr am Mittwoch den 7. Juli 2021

Das Penaltyschiessen: Die Mutter aller Psychospiele.

Der norwegische Sportpsychologe und Forscher Geir Jordet hat sämtliche Elfmeterschiessen analysiert, die es seit 1976 an Welt- bzw. Europameisterschaften und in der Champions League gab. Die wichtigsten Erkenntnisse, die er und andere Wissenschafter zusammengetragen haben, finden Sie im Internet.

Bevor Sie sich in die Studien vertiefen und vermutlich nie wieder auftauchen: Wussten Sie, dass …

… die Angst am grössten ist, wenn sich der Spieler noch im Mittelkreis befindet? Sobald er sich dem Penaltypunkt nähert, wird die Angst kleiner und der Fokus liegt hauptsächlich auf der Schussabgabe. https://psycnet.apa.org/record/2011-30466-006

… individuelle Auszeichnungen schlecht sind für die Treffsicherheit? Nachdem sie einen prestigeträchtigen Preis wie “Spieler des Jahres” entgegennehmen konnten, verschossen Spieler in 35 Prozent aller Fälle. Vor der Auszeichnung missrieten denselben Spieler nur 11 Prozent der Penaltys. https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/10413200902777263

… positives Denken hilfreicht ist? Kann ein Penaltyschütze den Sack zumachen, trifft er in 92 Prozent aller Fälle. Droht bei einem Fehlschuss die Entscheidung zugunsten des Gegners, sinkt die Trefferquote auf 62 Prozent. https://journals.humankinetics.com/view/journals/jsep/30/4/article-p450.xml

… man sich nicht einreden sollte, Elfmeterschiessen sei reine Glückssache? Spieler mit dieser Einstellung verschiessen häufiger als jene, die überzeugt sind, dass sie die Kontrolle über die Situation haben. https://www.researchgate.net/publication/286266457_The_Russian_roulette_of_soccer

… das ausgiebige Feiern eines jeden Penaltygoals hilfreich ist? Das erhöht die Chance, dass die eigene Mannschaft am Schluss gewinnt. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/20544488/

Knifflige Kombinationen

Rrr am Dienstag den 22. Juni 2021

Die Schweiz trifft in den Achtelfinals auf … wen eigentlich?

Eine aufmerksame Leserin hat mir folgendes E-Mail zugesandt:

“Sehr geehrte Frau Kolumnistin, wie werden die Gegner der vier besten Gruppendritten in den Achtelfinals bestimmt? Ich habe irgendwo eine Rangliste aller Gruppendritten gesehen. Ist diese entscheidend für die Zuordnung? MfG, F. V., B.”

Liebe Franziska, die Rangliste aller Gruppendritten ist eine reine Spielerei. Für die Festlegung der Achtelfinal-Paarungen zählt einzig und allein der Mechanismus, den die UEFA in ihrem Turnierregulatorium auf den Seiten 20 und 21 beschreibt.

Grundsätzlich gab es 15 mögliche Kombinationen, welche vier besten Gruppendritten weiterkommen. Für jeden dieser 15 Fälle hat die UEFA festgelegt, wer in den Achtelfinals auf wen treffen soll. Inzwischen sind acht Kombinationen nicht mehr möglich. Ich habe sie rot durchgestrichen.

Es bleiben sieben Kombinationen, und wie Sie sehen, trifft die Schweiz als 3.A (Dritter der Gruppe A) in vier Fällen auf den Sieger der Gruppe F (Frankreich, Portugal oder Deutschland) und in drei Fällen auf den Sieger der Gruppe B (Belgien). Die Angaben im heutigen “Bund”, wonach auch ein Team aus der Gruppe E mit Spanien und Schweden in Frage kommt, ist natürlich Unfug.

Wen die Schweiz erwischt, entscheidet sich morgen Mittwoch. Bis dahin haben Sie genügend Zeit, alle möglichen Varianten durchzurechnen. Sollten Sie an Dyskalkulie leiden oder das Kopfrechnen wegen des schwülen Wetters nicht vertragen, greifen Sie am besten auf de Tabellenrechner im kicker zurück. Dabei werden Sie feststellen, dass Belgien als Gegner eher unwahrscheinlich ist. Aber wie sagte doch mein verstorbener Ehemann so trefflich: Der Ball ist rund, und das Spiel dauert mindestens 90 Minuten.”

Viele Varianten

Rrr am Montag den 21. Juni 2021

Reicht es der Schweiz für die Achtelfinals? Unsere Kolumnistin erklärt die Ausgangslage.

“Im besten Fall steht die Schweizer Mannschaft schon heute abend gegen 23 Uhr als Achtelfinalist fest. Vielleicht auch erst am Dienstag- oder Mittwochabend. Und vielleicht gar nie. Wobei das Scheitern doch eher unwahrscheinlich ist, denn die Datenanalytiker von Goalimpact beziffern die Chancen der Schweiz aufs Weiterkommen auf 96,8 Prozent.

Wie auch immer, es ist ganz einfach: Damit die Schweiz im Turnier bleibt, müssen zwei der folgenden Dinge passieren:

Gruppe C (heute ab 18 Uhr): Österreich und die Ukraine spielen nicht unentschieden.
Gruppe B (heute ab 21 Uhr): Finnland verliert gegen Belgien ODER Russland verliert gegen Dänemark ODER Russland spielt Unentschieden gegen Dänemark, während es im anderen Spiel kein Unentschieden gibt.
Gruppe D (morgen ab 21 Uhr): Kroatien und Schottland spielen Unentschieden ODER Schottland gewinnt mit einem Tor Differenz (schiesst dabei maximal drei Tore) ODER Tschechien verliert gegen England mit 3 Toren Differenz (und schiesst selber keine Tore) ODER England verliert gegen Tschechien mit 2 Toren Differenz (und schiesst selber höchstens zwei Tore).
Gruppe E (Mittwoch ab 18 Uhr): Polen gewinnt nicht gegen Schweden ODER Polen gewinnt gegen Schweden mit zwei Toren Differenz, ohne mehr als zwei Tore zu erhalten)
Gruppe F (Mittwoch ab 21 Uhr): Frankreich gewinnt gegen Portugal ODER Ungarn gewinnt gegen Deutschland ODER Portugal gewinnt gegen Frankreich mit zwei Toren Differenz, ohne mehr als drei Tore zu schiessen.

Das hat mir alles mein Grossneffe erklärt, er arbeitet auf Twitter bei Swiss Football Data.

Am besten ist es, wenn Sie diese Zeilen ausdrucken und in den nächsten Tagen immer bei sich führen. Sobald Sie zwei grüne Häckchen setzen können, hat es die Schweiz geschafft. Wenn Sie am Mittwoch gegen 23 Uhr immer noch nicht zwei grüne Häckchen haben, ist die Schweiz ausgeschieden.

Sollte die Schweiz weiterkommen, wird ihr Achtelfinal am kommenden Sonntag in Sevilla stattfinden, am Montag in Bukarest oder am Dienstag in Glasgow – auf jeden Fall in einem Abendspiel ab 21 Uhr. Nun wünsche ich Ihnen weiterhin eine gefreute Europameisterschaft.”

Kurios kuratierter Kurssturz

Herr Winfried am Mittwoch den 16. Juni 2021

Heute: Volkswirtschaftslehre mit Cristiano Ronaldo.

Cristiano Ronaldo ist ein Vorbild vor dem Herrn. An der Medienkonferenz vor dem Spiel gegen Ungarn erhielt der Portugiese Coca-Cola vorgesetzt. Anstatt aber brav am Getränk des EM-Sponsors zu nippen, krallte sich CR7 die beiden Flaschen, schob sie zur Seite, und griff sich gesundes Quellwasser.

Die Kids in Europa trinken also jetzt auch lieber Wasser statt Cola, weil das natürlich cooler ist. Noch hatten sie kaum Zeit, ihre Eltern um Nachschub zu fragen, da hat die Börse bereits reagiert. Cristianos Manöver liess den Aktienwert von Coca-Cola regelrecht abstürzen.

Zum Wochenschluss am Ende des 11. Juni lag der Aktienwert über 56 USD. Zum Börsenbeginn am Montag (US-Zeitzone) war die Medienkonferenz mit Ronaldo bereits geschehen. Sie sehen den Kurseinbruch deutlich. Bild: Twitter

Die besagte Handbewegung des Portugiesen kostete die Coca Cola Company also schätzungsweise 4 Milliarden US-Dollar. Soll noch einer sagen, Fussballer täten sich nicht karitativ betätigen.

Erhellende Ergebnisse

Rrr am Dienstag den 15. Juni 2021

Herr Rrr meldet sich kurz aus dem Abstimmungsstudio.

“Das Volk hat gesprochen: 52 Prozent sind der Meinung, dass der Coiffeur-Besuch im Nati-Camp keine gute Idee war. 15 Prozent finden die blonden Nati-Stars eine lässige Aktion. Die restlichen 33 Prozent haben keine Ahnung keine Meinung.

Fast 15’000 Blick-Leser haben sich an der Volksabstimmung beteiligt, sie ist somit repräsentativ.

Ich konnte kurz mit einem befreundeten Politologen sprechen, der zwei Semester Politologie an der Uni Freiburg studiert hat. Der Politologe verweist darauf, dass 52 Prozent zwar mehr als die Hälfte ist, aber keine klare oder gar überwältigende Mehrheit. Immerhin 48 Prozent ertrugen das Xhaka-Foto ohne Herzkasper und/oder Wutanfall.

Trotzdem ist der Volkswille natürlich ohne Wenn und Aber zu akzeptieren. Das heisst, die Blondierungen sollten umgehend rückgängig gemacht werden, am besten noch vor dem hohen Auswärtssieg morgen abend in Rom. Sollten die Nationalspieler dieser Forderung nicht nachkommen, müsste man sich ernsthaft fragen, warum eigentlich solche Abstimmungen durchgeführt werden.”

Verschiedene Fanempfehlungen

Val der Ama am Freitag den 11. Juni 2021

RL exklusiv: Wen Sie bitte mögen wollen.

Wie Sie wahrscheinlich wissen, ist heute Anpfiff zur Fussball Europameisterschaft 2020. Zu Ihrer Information erklären Ihnen unsere Redakteure, wer gut ist und oder auch wer in Bälde den Titel gewonnen haben wird.

Herr Noz
Mein Favorit ist Schottland. Die find ich einfach gut, ein sympathisches Land mit einer ehrlichen Gastronomie. Und weil Irland ja nicht spielt, nehme ich halt Schottland, das ist fast wie Irland. Auf keinen Fall gewinnen darf Ungarn, weil das ist eine faschistische Autokratie. Gut, Polen auch. Hm. Österreich eigentlich auch bald. Sogar im Staate Dänemark ist inzwischen vieles faul. Gopf. Niemand soll gewinnen. Meine qualifizierte Meinung.

Herr Briger
Herr Noz hat mir Liebesentzug angedroht, als ich im Polen-Shirt auf die Redaktion kam. Und richtig entliebt hat er mich, als ich dann stattdessen das Ungarn-Shirt übergezogen habe. Darum bin ich jetzt für Finnland, damit bin ich an jedem Hipster-Event auf der sicheren Seite.

Herr Shearer
England wird Europameister, obwohl, die sind ja gar nicht mehr dabei in diesem Europa. Nicht gewinnen soll bitte Ungarn, weil das ist eine faschistische Kleptokratie (so sagt man dem glaubs auf fremdwörtisch). Aber so wichtig ist der ganze EM-Firlefanz auch nicht, bloss ein schöner Zeitvertreib, bis endlich wieder YB ist.

Herr Winfried
Wie Herr Briger unterstütze ich Finnland, da war ich kürzlich via Netflix. Und auch noch ein wenig die Niederlande, die fägen immer. England mögte ich es ausserdem gönnen. Die hätten mal wieder einen Höhenflug verdient. Lieber nicht Europameister: Spanien (bin immer noch traumatisiert vom ewigen Ballbesitz-Fussball), Frankreich (langweilig wenn der Topfavorit gewinnt) – und die Türkei (nervt irgendwie immer noch).

Maldini
Gewinnen tut der Italiener, mögen tu ich zum Beispiel den Dänen.

 

Val der Ama
Belgien gewinnt, weil sackstark. Weiter die Dänen, die werden wohl überraschen. Die Kroaten lieber nicht, weil die dann blöd feiern täten und weiter wegen Politik nicht die Russen, nicht Polen oder Ungarn und auch nicht Portugal wegen Pepe. Und keinesfalls Italien wegen Inzaghi, die Türkei wegen Erdogan, Österreich wegen Kurz und Deutschland wegen Schumacher 82 sowie die Schweiz wegen den Abstimmungsresultaten vom 13.6.

Herr Rrr
Was interessiert mich diese EM, wenn der erfolgreichste Verein der Welt nicht mitspielt? Real Madrid ist der spanische Rekordmeister, hat 13 Mal die Champions League, zweimal den UEFA-Pokal sowie 11 weitere internationale Titel gewonnen. Das sollen diese Deutschen, Franzosen oder wer auch immer erst mal nachmachen.

Besonders betroffene Bundesliga

Herr Noz am Sonntag den 30. Mai 2021

Eitel Freude allenthalben: Bald dürfen wir alle wieder ins Stadion, dann kommt endlich auch der Heimvorteil zurück. Oder? ODER?

Es ist kompliziert.

Keystone

Der Heimvorteil ist kein Mythos, es gibt ihn wirklich, das weiss nicht nur der common sense, das lässt sich auch statistisch belegen. Erklärt wird der Vorteil in der Regel durch die Anwesenheit der Fans, die das Heimteam zu mehr Leistung antreiben und zudem den Schiedsrichter beeinflussen, der unbewusst lieber auf Probleme verzichtet und darum die gegnerische Mannschaft benachteiligt.

Dank Corona flippt die Forschung natürlich aus, weil: Endlich kann man das mal anständig testen.

Eine soeben erschienene Studie (Matos et al. 2021) stellt dann zum Beispiel recht überraschend fest, dass es in der obersten portugiesischen Liga trotz Geisterspielen weiterhin einen Vorteil für das Heimteam gegeben hat. Eine andere Studie (Fischer/Haucap 2020) kommt zum Schluss, dass dies in Deutschland nur in der Zweiten und Dritten Liga der Fall gewesen ist, in der Ersten Bundesliga aber nicht, dort sei der Heimvorteil tatsächlich weggefallen. Tilp und Thaller (2020) aus dem diesbezüglich neutralen Österreich bestätigen diesen Befund und sprechen sogar von einem Heimnachteil.

Das polnische Team Krawczyk/Strawiński (2020) vergleicht die Effekte für die vier europäischen Top-Ligen (England, Spanien, Italien, Deutschland) und kann belegen, dass der Heimvorteil tatsächlich ausschliesslich in der Bundesliga verschwunden ist. Eine Erklärung könnte sein, so die Autoren, dass in der Bundesliga Tickets, Bier und Würste billiger sind und insgesamt eine engere Bindung zwischen dem Klub und der Fangemeinschaft besteht, so dass es eben wirklich weh tut, wenn diese fehlen. Oder andersrum: In den anderen Topligen kommt es gar nicht mehr drauf an, ob noch Leute im Stadion sind.

Mit dieser Erkenntnis entlassen wir Sie nun ins Restwochenende.

Einleuchtende Expertisen

Rrr am Montag den 10. Mai 2021

Unsere Kolumnistin hört Unerhörtes.

“Am Samstag war das Hildi zu Besuch. Es gab weisse Spargeln aus dem Seeland an einer Frühlings-Vinaigrette, und zum Dessert den Match der Young Boys gegen Basel. Das Hildi hat drum kein Bezahlfernsehen, deshalb schaut sie die Spiele ganz gern bei mir. Gerade hatte die zweite Halbzeit begonnen.

“Der junge Mann am Mikrofon hat völlig recht”, rief Hildi plötzlich aus. “YB zeigt heute wieder eine hochstehende Leistung.”

Ich musste lachen. “Nein, Hildi, Herr Signer vom Teleclub hat gerade gesagt, YB sei zu Beginn der zweiten Hälfte hoch stehend.”

“Ja, eben, das sagte ich doch. YB ist hochstehend! Deshalb sind sie ja auch Meister.”

“Nein, Hildi. YB ist hoch stehend. Jetzt. In der ersten Halbzeit waren sie nicht so hoch stehend.”

“Aber Du hast doch in der Pause gesagt, dass beide Mannschaften gut spielen?”

“Nun gut, es war ansprechend. Nicht unbedingt hochstehend.”

“Aber jetzt schon?”

“Hochstehend ist es noch nicht. Aber YB ist hoch stehend, das ist sicher eine gute Voraussetzung, um gegnerische Fehler zu erzwingen.”

Ich mache mir manchmal ein wenig Sorgen, ob das Hildi langsam schwerhörig wird. Aber wir werden alle älter, keine Frage. Am Schluss sagte der ältere Herr im Studio übrigens: “Wir sahen ein hochstehendes Spiel.” Das hat das Hildi überhört, und ich wollte die Sache nicht verkomplizieren, aber im Grunde hatte Herr Fringer natürlich recht.

Luzide Lektüre

Herr Noz am Dienstag den 20. April 2021

Zur Abwechslung mal was Lesenswertes aus Basel.

Auch farblich gelungen

Der unlängst zu Unrecht verstorbene Grüne Politiker und Rechtsanwalt Daniel Vischer (1950–2017) hat Memoiren hinterlassen, die nun bei der löblichen Edition 8 als Buch erscheinen.

Das umfangreiche Werk versammelt präzis analysierte Episoden der jüngeren Schweizer Politik, persönliche Erinnerungen an den Basler ‘Daig’ und allerhand anderweitig gesellschaftlich Relevantes (stets nach dem einschlägigen Motto ‘parteiisch, aber fair’). Einige Promis werden dabei durchaus in den wohl verdienten Senkel gestellt, aber es handelt sich nicht eigentlich um fiese Tacklings oder Blutgrätschen.

Fussball? Richtig, um den geht es regelmässig auch, denn Vischer war nicht nur ein animal politique, sondern verstand auch was vom Runden Leder. Was für linke Politiker ja nun nicht gerade selbstverständlich ist. (Aber Sie wissen: Ein anderer grüner Daniel hatte sich kürzlich auch schon bereits als Fussballchecker geoutet.) Ja, der Vischer wäre womöglich gar einer fürs Radio Gelbschwarz gewesen, denn eigentlich habe er Fussballreporter werden wollen, sich dann aber leider nie getraut.

Das Buch ist rhetorisches Tiki-Taka – filigrane Technik, präzise Querpässe, solide Defensive –, wobei Vischer zuweilen etwas anachronistisch den Libero gibt. Dafür wird endlich mal Luhmann rehabilitiert. Und die 80er-Bewegung. Und sogar der Fall DD wird kurz angeschnitten (allerdings derjenige von 1968).

Daniel Vischer: Eckdaten. Linke Politik und rechter Fussball. Zürich 2021. 328 Seiten. 24 Franken

Ein Ball für YB

Rrr am Samstag den 17. April 2021

Das Wort zum Sonntag spricht heute Pfarrer Kurt Marti.

Für jedes Nationalliga-Fussballspiel wird ein neuer Ball, der sogenannte «Matchball», verwendet. Das soll keine billige Angelegenheit sein. Einer meiner Buben behauptet, er koste ungefähr 80 bis 90 Franken. Ich weiss nicht, ob das stimmt. Auf jeden Fall werden diese Matchbälle meistens von Firmen gestiftet, die im gedruckten Matchprogramm und am Lautsprecher dankend erwähnt werden.

Bei einem Meisterschaftsspiel in Bern, im Stadion Wankdorf, nun – Young-Boys gegen Lugano – hatten sich Kirchgemeinderat und Pfarrer der Markus-Gemeinde in Bern an der Stiftung des Matchballs beteiligt und wurden gebührend erwähnt. Auf den Rängen quittierten amüsierter Beifall und Gelächter die entsprechende Mitteilung im Lautsprecher. Ein Journalist schrieb zwar hintendrein, es wäre vielleicht «christlicher» gewesen, statt den Young Boys einem armen, kleinen Fussballklub einen Ball zu spenden.

Nun muss man aber wissen, dass das Wankdorfstadion der YBs zum Gebiet der Markus-Kirchgemeinde gehört. Da war es vielleicht keine so üble Idee, dass Kirchgemeinderat und Pfarrer diese Tatsachen durch ihre Spendegeste einmal manifest gemacht haben. Trotz des Kirchenballs hat der Platzklub das Spiel verloren. Das war vielleicht gut so. Sonst wären abergläubische Gemüter noch auf den Gedanken gekommen, dass Kirchenbälle Erfolgsbälle sind und auf übernatürliche Weise ins Goal des Gegners fliegen. Man weiss ja nie.

Natürlich ist die Stiftung eines Matchballes Werbung. Oder: PR (= Public Relations). Immerhin: sympathischere PR als die sehr christlichen Kugelschreiber aus Beinwil! Zudem gehörten die Young Boys seinerzeit zu den Vorkämpfern der Samstagabendspiele, und der kirchliche Matchball mag als nachträgliche Honorierung ihres erfolgreichen Einsatzes für die Verlegung des «grossen» Matches vom Sonntag auf den Samstag gelten.

Kurt Marti, Notizen und Details 1964 – 2007, Göttingen 2021, S. 255/256 (reformatio 8-1968)

(Anm. d. Red.: Beim erwähnten Spiel muss es sich nach unseren Recherchen um die Begegnung vom 8. Mai 1968 handeln, Sie erinnern sich sicher. Denn das war das einzige Mal zwischen 1950 und dem Zeitpunkt der Publikation des Textes, dass YB daheim gegen Lugano verlor.)

Ungemeine Unterschiede

Rrr am Mittwoch den 14. April 2021

Aus unserer Serie “Interessante Grafiken aus aller Welt”.

Heutiges Thema: So unterschiedlich werden in Europa die Abstände eingehalten.