Archiv für die Kategorie ‘Regelrecht’

Edis Exit

Rrr am Montag den 20. September 2021

Edi Gottlieb sieht Rot.

Gottlieb ist Innenverteidiger bei Hapoel Tel Aviv. Im Heimspiel gegen Maccabi Petah Tikva lief die 90. Minute, als ein Fan den Platz stürmte und einen Hapoel-Spieler von hinten attackierte. Kurz darauf brachte Gottlieb den Störenfried zur Strecke. (Bewegtbilder gibts hier.)

Der Ref zog den VAR bei – und stellte dann Gottlieb vom Platz. Der israelische Fussballverband hat inzwischen klar gemacht, dass das ein Fehlentscheid war. Trotzdem droht Gottlieb eine Sperre, denn rote Karten können in der israelischen Liga nicht nachträglich zurückgenommen werden.

Vom Platz verwiesen wurde natürlich auch der Fan. Mittlerweile sitzt er im Gefängnis. Nach Angaben der Strafvollzugsbehörde flucht er ständig und weigert sich, eine Maske zu tragen. Sein Anwalt sagte, er könne wegen dem vielen Fluchen nicht mit dem Mann kommunizieren.

Alles Ansichtssache

Rrr am Sonntag den 19. September 2021

Obacht! Bilder können täuschen.

Und Filme auch. Wir schalten um in die zweithöchste englische Liga, wo Luton Town gegen Swansea City spielt. Der Herr in Rot ist Henri Lansbury, ex-Arsenal-Hoffnung und nun bei Lutown unter Vertrag.

Bevor Sie nun vorschnell einen Platzverweis gegen Lansbury fordern, beachten Sie bitte noch diese Perspektive

Wie Sie sehen, wollte Lansbury bloss einen Freistoss rasch ausführen. Der Herr in Weiss, Ryan Manning von Swansea, verhinderte das – ob bewusst oder unbewusst, darüber gehen die Meinungen auseinander. Wie auch immer, der Ref zeigte beiden Spielern Gelb.

Die Szene ereignete sich übrigens in der 28. Minute, Luton führte zu diesem Zeitpunkt 3:0. Am Schluss stand es 3:3.

Positive Partizipation

Val der Ama am Donnerstag den 9. September 2021

Es gibt wirkungsvolle Alternativen zum Dauersupport.

Sie haben gestern vor dem Knüller von Belfast die Liga Portugal 3-Partie zwischen Caldas SC und Oliveira Hospital verfolgt? Gute Wahl. In der zweiten Halbzeit der Partie ereignete sich eine Szene, die beweist, dass die Zuschauer manchmal tatsächlich einen Unterschied machen können.

Beim Stand von 1:1 und interessanterweise bereits in der 53. Minute tat der Goalie von Oliveira Hospital das, was Goalies sehr gerne machen, wenn sie auf Zeit spielen wollen. Sie wissen schon: Rumstehen, die Kleider richten, die Mitspieler irgendwohin beordern etc. Die Zuschauer pfiffen aber nicht, sondern zählten lautstark die Zeitspielsekunden. Bei 20 zeigte der Schiedsrichter Gelb. Caldas SC gewann die Partie mit 3:1.

Guis Gebot

Rrr am Sonntag den 22. August 2021

Das Wort zum Sonntag spricht Guillaume Hoarau.

Keine Sorge, es dauert nur drei Sekunden.

Andere äusserten sich ausführlich zu den Tumulten nach dem Abpfiff von FCSG-Sion, zum Beispiel Serey Die in seinem bereits legendären Auftritt während des Interviews mit Nicolas Lüchinger. Mit dem Vorwurf, St. Galler Fans hätten Sions Goalie Timothy Fayulu rassistisch beschimpft, wird sich nun die Liga befassen müssen. Das fordert jedenfalls der FC Sion auf Twitter.

Sions Trainer Marco Walker sagte an der Pressekonferenz: “Ich hatte mit den Tumulten nichts zu tun, weil ich dort war, wo ein Trainer hingehört: Auf der Bank. Aber beim Thema Rassismus gilt es, eine klare Linie zu ziehen.” St. Gallens Trainer Peter Zeidler: “Ich kann nur sagen: Wenn ein Klub für den Kampf gegen Rassismus steht, dann der FC St.Gallen.”

St. Gallens Präsident Matthias Hüppi hat sich noch nicht zu Wort gemeldet. Er machte aber schon im Sommer 2020 klar, dass “Rassismus und Diskriminierung beim FC St. Gallen nicht den kleinsten Platz haben”. Damals hatte die Liga den Verein gebüsst, weil ein Fan einen Zürcher Spieler rassistisch beschimpft hatte.

Monströs misslungene Metaphorik

Frau Götti am Mittwoch den 26. Mai 2021

BREAKING NEWS: Schweizer Stadien dürfen ab 20. August wieder gefüllt werden

Ilse v. Mueller-Fridnau begrüßt Sie zu Sprechstunde Nummer IV.

In meinem letzten literarischen Auswurf in diesem Fachorgan hatte ich Ihnen die Analyse einer lexikalischen Monstrosität in der Welt des Fussballes versprochen. Sollten Sie sich darauf gar ein wenig gefreut haben, muss ich Sie leider enttäuschen.

Nicht dass ich Ihnen jetzt das Versprochene vorenthalten würde. Jedoch handelt es sich bei diesem um etwas in höchsten Maße Unerfreuliches. Aber henu. «Es hilft alles nichts, wir müssen ran», sagte meine alte Deutschlehrerin jeweils, bevor sie uns nach den langen Ferien wieder zum Konjugieren schickte.

Wir befassen uns heute mit der Wendung «Spielermaterial», meist benutzt oder besser missbraucht im Problemkreis eines von einem Verein zu einem andern übertragenen Fußballspielers. Dass eine solche Wendung höchst problematisch und verletzend ist, illustriert zum Beispiel Folgendes.

Ausgehend von dem Begriff könnte ich ausführlich über die zunehmende Verdinglichung, Entmenschlichung und Materialisierung dieser unserer Welt referieren. Ich halte diese Ausführungen jedoch für unnötig und beschränke mich statt ihrer in aller Kürze auf den Hinweis darauf, woher der Begriff stammt und wodurch er völlig zu Recht in Ungnade fiel.

Er taucht zum ersten Male auf bei dem großen Dichter Theodor Fontane (ausgerechnet bei ihm, wie schrecklich!). Und zwar im Jahre 1852 in seinem Bericht «Ein Sommer in London» in einem militärischen Kontext: «Der englische Soldat, als rohes Menschenmaterial noch immer unvergleichlich (…)» Zu beruhigen vermag nur, dass der begnadete Meister der sprachlichen feinen Klinge und des Wortwitzes einen derartigen Begriff nur mit doppeltem Boden gebrauchen würde.
Karl Marx wählte die Wortfügung einige Male in «Das Kapital» (1867) – natürlich in kritischem Sinne. Später im Ersten Weltkrieg war oft von den vielen Verlusten an «Kriegs- und Menschenmaterial» die Rede.
Und – jetzt kommt das Monströse – Adolf Hitler benutzte den Ausdruck mehrfach in seinem politischen Grundlagenwerk «Mein Kampf». Im Zweiten Weltkrieg wurden KZ-Häftlinge, die nicht zu Arbeitszwecken einzusetzen waren, als «unbrauchbares Menschenmaterial» bezeichnet.

Kurzum:
Der Begriff hat eine absolut abscheuliche Ausprägung und ist unbedingt zu vermeiden. In seiner Monstrosität sprengt er beinah den Rahmen eines schiefen Bildes.

Haben aber Sie eine dahingehende Frage? So wenden Sie sich ohne Scheu an mich via meinen geschätzten Kollega Dr. Rüdisühli.

Seien Sie auch dieses Mal auf Freundlichste gegrüßt von Ihrer Ilse v. Mueller-Fridnau

Wahlhelfer wider Willen

Val der Ama am Donnerstag den 29. April 2021

Lästige Demokratie.

Den Marcelo kennen Sie noch. Er spielt seit 2007 bei Real Madrid und hat seinen Job als Linksverteidiger schon recht ansprechend interpretiert. Marcelo gestaltet mit und ist im Mittelfeld, wie auch im Sturm meist anspielbar. Allerdings wird halt auch er nicht jünger und so kam es, dass er diese Woche zum ersten Mal seit knapp drei Jahren wieder mal in der K.-o.-Phase der Champions League randurfte.

Fraglich aber, ob er auch nächste Woche gegen Chelsea mit dabei sein kann. Weil Marcelo besitzt seit 2011 auch die spanische Staatsbürgerschaft und nun wurde er doch just für die Madrider Stadtratswahl als Wahlhelfer ausgelost. Die findet übrigens einen Tag vor dem Rückspiel statt.

Immerhin, für den gemeinnützigen Dienst winkt ihm eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 65 Euro.

(Bild: Sergio Perez/Reuters)

Auszubügeln gibt es immer etwas

Frau Götti am Dienstag den 20. April 2021

Ilse v. Mueller-Fridnau begrüßt Sie zu Sprechstunde Nummer drei.

Aus aktuellem Anlass verschiebe ich die Besprechung der im letzten Beitrag angekündigten Monstrosität auf einen noch zu bezeichnenden späteren Zeitpunkt. «Gut Ding will Weile haben», wie die Poetin sagt.

Ich ziehe stattdessen die Beantwortung zweier eingereichter Depeschen vor, deren Anfragen ähnlichen Inhalts sind.
Gut, sie zielen damit auch beide am eigentlichen Thema der schiefen Bilder vorbei. Aber so war es auch zuvor schon. Offenbar scheint die Fragestellung die Leserschaft zu überfordern, sodass ich den Themenbereich hiermit leicht öffne.
Item. Kommen wir zu angesprochenen Anfragen. Deren erstere kommt von beschlagener Stelle und lautet folgendermaßen:

«Mich beschäftigt (…) ein Problem: Kurz bevor die 90 Minuten um sind, erklären mir die TV-Kommentatoren bei jedem Spiel, gleich sei die ‹reguläre Spielzeit› zu Ende. (…) Aber was ist danach? Beginnt nun die irreguläre Spielzeit? Sind dann alle ab der 91. Minute erzielten Tore auch irregulär? Warum greift der VAR da nicht ein?»

Und gleich angefügt die zweite Anfrage, von ähnlich beschlagener Provenienz:
«Immer mal wieder heisst es ja ‹da wurde X mit nicht legalen Mitteln gestoppt› oder ‹dieses Eingreifen von Y war illegal› (…) Viel richtiger aber «müsste es ‹regelwidrig› heissen oder ‹sanktionswürdig», niemals aber ‹illegal›.»

Beide Herren haben natürlich recht. Es geht nicht an, leichthin und unbedacht juristische Begriffe auf die doch eher spielerische Welt des Fussballes anzuwenden. Zu ernsthaft ist der Kontext, in dem sie sonst verwendet werden, und gerade in der Jurisprudenz ist Präzision und Stringenz der Begrifflichkeit absolut unabdingbar.

Soweit für heute. Zum Schluss wie immer das Angebot, sich bei Fragen an mich via Kollega Dr. Rüdisühli zu wenden.

Freundliche Grüsse, Ihre Ilse v. Mueller-Fridnau

Ersatz um die Ecke

Rrr am Montag den 29. März 2021

Konsternation in St. Gallen.

“Eimol chunnt was weg üserem verein und denn da”, seufzte ein Ostschweizer User im Fussballforum von Reddit. Das Tordebakel im Kybunpark sorgte in der Tat europaweit für wenig vorteilhafte Schlagzeilen.

Aber egal, zum Glück hatte es ja nebenan bei der IKEA ein Ersatztor.

Tor-Probleme sind in St. Gallen übrigens nicht neu. Europas ältester Fussballverein spielte offensichtlich die ersten 13 Jahre seines Bestehens mit zu kleinen Toren. Das fiel erst 1892 den Grasshoppers auf, die nach der 0:1-Niederlage reklamierten. Das Rückspiel in Zürich mit normalen Toren gewann GC 6:0. “Der FCSG ersetzte darauf seine Tore durch solche in der Normgrösse”, heisst es in der Klubhistorie.

Der zwölfte Mann

Rrr am Sonntag den 28. Februar 2021

Ballbub verhindert Tor.

Wir schalten um nach Algerien und kommen gerade rechtzeitig zum Zweitliga-Spiel zwischen HB Chelghoum Laïd und MSP Batna.

Ein Angriff der Gastgeber wird abgeblockt, und die Gäste glänzen durch blitzsauberes Umschaltspiel. Schon läuft der Konter! Und da, der Schuss am herausgeeilten Torwart vorbei … gleich wird der Ball im Netz zappeln … oder doch nicht? Film ab.

Und wie reagierte der Schiedsrichter? Das geht aus den algerischen Medienberichten leider nicht eindeutig hervor. Die einen schreiben, es habe Penalty für Batna gegeben. Andere behaupten, der Referee habe einfach das Spiel weiterlaufen lassen. Klar ist, dass die betrogenen Gäste das Spiel 1:2 verloren.

Prima Premiere

Rrr am Sonntag den 21. Februar 2021

Im dritten Anlauf hats geklappt: Erster YB-Saisonsieg gegen Servette.

2:0 gewannen die Young Boys im Wankdorf und bauten ihren Vorsprung auf den Tabellenzweiten auf 18 Punkte aus. Es war der siebte Sieg in Folge für den Fussball-Schweizermeister.

(Foto: Stefan Wermuth)

Schon nach drei Minuten lagen die Gastgeber vorn, weil Rouiller den von Camara abgelenkte Ball ins eigene Tor beförderte. Die frühe Führung spielte dem Meister in die Karten, er kontrollierte fortan das Spiel gegen die unbequemen Servietten. Noch vor der Pause verwertete Nsame eine schöne Flanke von Maceiras zum 2:0.

In der zweiten Halbzeit versuchten sich die Young Boys im schwierigen Spagat zwischen Spielkontrolle und Kräfteschonen vor dem Europa-League-Gastspiel in Leverkusen. Die Genfer kamen nun besser ins Spiel und hatte ein leichtes Plus bei den Ballanteilen, ohne dass sie sich zwingende Chancen hätten erarbeiten können.

Pechvogel des Tages: Felix Mambimbi. Ein Tor aberkannt, weil Camara zuvor gefoult hatte. Und ein Foulpenalty nicht bekommen, weil der Videoreferee kein Foul sah. Traurig aber VAR.

Komplett überflüssig war die gelbrote Karte, die sich Camara in der Nachspielzeit einhandelte. (Für Trainer Seoane war sie “sehr ärgerlich”). Wie auch immer: Weiter geht es für YB am Donnerstag (21.00) in Leverkusen. Die Werkself spielte heute 1:1 in Augsburg.

Ein klarer Ball

Rrr am Montag den 25. Januar 2021

Zwei Bälle im Spiel. Und niemand merkt es.

Bei Vaduz-YB lag von der 46. bis zur 54. Minute ein zweiter Ball auf dem Spielfeld, auf der Platzhälfte der Liechtensteiner, nahe der Seitenlinie.

Den Schiedsrichtern entging das Malheur. Der VAR in Volketswil blieb auch stumm, obwohl der Ball in der TV-Übertragung mehrmals zu sehen war. Allerdings nur am Rand, weil die Young Boys in der fraglichen Zeitspanne keinen einzigen Angriff über links vortrugen.

Und wieso konnte da einfach ein Ball liegen?

Weil es seit dieser Runde keine Balljungen mehr gibt. Die Swiss Football League hat die Corona-Massnahmen verschärft, um den Kreis der in ein Spiel involvierten Personen zu verkleinern. Neu werden einfach zwölf Bälle rund ums Spielfeld deponiert (Beispiel hier) – die Spieler müssen sie selber holen.

Der Ball, der zu viel war, schaute sich also ein bisschen das Spiel an; ob es ihm gefiel, wissen wir nicht. Klar ist nur: Als die Kamera in der 55. Minute wieder in die Gegend schwenkte, war er plötzlich weg. Irgendjemand hatte ihn diskret verschwinden lassen. Ein Balljunge wars nicht. Vielleicht ein Security? Der Fürst? Oder hatte ihn einfach ein Vaduzer Spieler weggekickt?

Wir werden es wohl nie wissen.

Ein Fall für Sturs Uder (IX)

Herr Maldini am Dienstag den 29. Dezember 2020

Unser altbekanner TV-Richter hat ein weiteres Urteil gefällt.

“Der Fussballer Jean-Pierre Nsame, Stürmer des BSC Young Boys, beging im Spiel YB-Cluj vom 10. Dezember 2020 in der 90. Spielminute ein grobes Foul an seinem Gegenspieler Andrei Burca, für welches er korrekterweise vom Unparteiischen Benoît Bastien umgehend des Feldes verwiesen wurde.

Die Schwere von Herrn Nsames Vergehen war daran zu erkennen, dass sich Burca nach dem Zusammenstoss mehrfach auf dem Kunstrasen wälzte und danach länger liegen blieb.

Als Einzelrichter ist es meine Pflicht, solch’ krassen Verfehlungen nachzugehen und entsprechend Bildmaterial zu visionieren. Nach längerem Studium komme ich zu folgendem Schluss: Herr Nsame wollte in dieser Szene nicht nur einen Angriff Clujs unterbinden, sondern seinem Gegner zustätzlich einen klassischen Pferdekuss verpassen.

Leider war das Einsteigen von Herrn Nsame alles andere als perfekt, weshalb ich als Stilnote nur 7 von 10 möglichen Punkten vergeben kann. Bei 10 von 10 Punkten hätte ich ein Auge zugedrückt, aber so muss ich Herrn Nsame leider noch eine zweite Spielsperre aufbrummen. Das Urteil kann nicht angefochten werden, ich muss jetzt dringend in die Ferien fahren. Sie haben sich über den gestrigen Tweet der Uefa drum leider zu früh gefreut.”