Eine Nation unter Strom

Kann man Elektrizität sehen? Steven Schneider erzählt, wie sie die Schweiz verändert hat – und zwar in Bildern.

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An der Landi 1939 besichtigen Soldaten einen Generator, der «Elektrizität aus Muskelkraft» fabriziert. Foto: Keystone (aus dem Buch)

Elektrischer Strom – das ist eine Bewegung von Ladungsträgern, technisch gesehen, mehr nicht. So funktioniert er weltweit. Trotzdem ist er gerade in der Schweiz zum nationalen Mythos geworden. Ihr Haushalt traditionell gepflegter Ideen und Werte nämlich, ihr ganzes Sonderfalldenken – es liess sich wunderbar ­patent anschliessen an jenen Strom.

So machte sich hier ein Kleinstaat mit seiner Elektrizität unabhängig vom Ausland, von der ausländischen Kohle; er gewann die Wasserkraft seiner ureigenen alpinen Natur ab; und was er dabei an Erfin­der­geist und technischen Grosstaten aufbrachte, das verhalf ihm zu Weltrang. Und Reichtum.

Elektrische Beleuchtung ist anfangs vor allem eine Attraktion für den Tourismus: 1886 brennen im Luzerner Hotel Schweizerhof schon 1400 Glühlampen, aus der Leuchten- wird die erste Schweizer Lichterstadt. Foto: zvg (aus dem Buch)

Weihnachtsfreude mit Stromanschluss: Tankstelle in Zollikofen, 1952. Foto: Keystone (aus dem Buch)

Kalibrierung der Zähler durch den Branchenverband SEV im Jahr 1959: Zu Beginn der Elektrifizierung wurde der Strom gemäss der nominellen Leistung der Apparate verrechnet, im 20. Jahrhundert dann nach dem effektiven Konsum. Foto: Electrosuisse (aus dem Buch)

Schaden Kühltürme dem Fremdenverkehr? Widerstand gegen die Atomkraft gibt es noch vor der Kritik an der Wachstumsgesellschaft. Modell von Kaiseraugst mit zwei Türmen. Foto: Alpiq (aus dem Buch)

Abschied vom Land, das für immer verschwindet: Letzte Messe in Salanfe VS, bevor das Wasser in den Stausee eingelassen wird. Foto: Archives de l’Abbaye de St-Maurice (aus dem Buch)

Manche warten, bis sie nasse Füsse bekommen: 1908 erhält das Wägital im Kanton Schwyz den ersten Stromanschluss – sechzehn Jahre später müssen alle Bewohner ihre Häuser wegen des Baus einer Staumauer verlassen. Foto: zvg (aus dem Buch)

An der Landesausstellung 1883 in Zürich: Glühlampen geben den Fabrikaten des Chocolatiers Sprüngli einen weichen, beinahe blendfreien Glanz. Foto: ETH-Archiv (aus dem Buch)

Schaukochen im Freien: 1936 will das Elektrizitätswerk des Kantons Zürich die Frauen von Hofstetten davon überzeugen, von Gas- oder Holz- auf Elektroherde umzusteigen. Foto: EKZ (aus dem Buch)

Um das Stromsparen populär zu machen, demonstriert Bundesrat Ogi 1988 Effizienz beim Eier-, 1990 dann auch beim Reiskochen. Foto: Keystone (aus dem Buch)

Höhenangst? Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg montieren Arbeiter an der Hochspannungsleitung über den Gotthard Signalkugeln, die Piloten vor dem Hindernis warnen. Foto: Alpiq (aus dem Buch)

Damit wuchs sich, was 1879 mit der Einschaltung der ersten Glühbirnen in einem Hotel in St. Moritz begann, zur Elektri­fizierung einer Nation, aber eben auch eines National­bewusstseins aus. «Elektrisiert» heisst das Buch, in dem der Aargauer Journalist Steven Schneider diese ­Geschichte erzählt. Er tut es mit wirtschafts-, technik- und gesellschaftsgeschichtlichen Fragen und wenigen, griffigen Texten. Vor allem aber mit Fotos.

Auch wenn jene Ladungsträger und ihre Bewegung unsichtbar blieben, brachten sie nämlich doch haufenweise Bilder hervor. Und das nicht nur mit den Kraftwerken, die zunächst unscheinbare Zweckbauten waren, bald aber architektonische Inszenierungen von Fortschritt und Modernität: Der Allmacht des Stroms entspricht seine Allgegenwart.

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Und das ist es denn auch, was Schneiders Band auszeichnet, als Ergebnis seiner Nachforschungen in einer Reihe von Firmen- und Pressearchiven: der Blick auf den Alltag, in dem der Strom fliesst, vor und hinter den Kulissen und auch mitten durch sie hindurch. Da gibt es den elektrischen Christbaum an einer Tankstelle im bernischen Zolli­kofen (oben) oder die Kontrolle der Stromzähler in den Fünfziger­jahren; einem Jahrzehnt, in dem die Schweiz sogar messbar ein echter Sonderfall war. Sie verbrauchte damals doppelt so viel Strom pro Kopf wie Deutschland und dreimal so viel wie Italien.

Es gibt aber auch das projektierte AKW in Kaiseraugst, aus dem nie etwas wurde (1970er-Jahre, unten). Oder Bundesrat Ogi bei einer seiner ­legendären Stromsparshows (1990) – Vorzeichen fast schon, von heute aus gesehen, ­jener «Wende» oder eben auch Krise, mit der es die heimische Elektrizitätsindustrie mittlerweile zu tun bekommen hat. Der Strom hat sich als zwiespältiger Segen erwiesen. Und so kippt auch das Sinnbild mit den Arbeitern, die nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Wagemut auf der Hochspannungsleitung über den Gotthard beweisen: Was sie montieren, sind keine Weihnachtsbaumkugeln, sondern Signale, die vor einem Hindernis warnen.

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Steven Schneider: Elektrisiert.
Geschichte einer Schweiz unter Strom.

Verlag Hier und Jetzt, Baden 2017.
216 Seiten
187 Fotos

ISBN: 978-3-03919-422-3 | ca. 39 CHF

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