Unzertrennlich seit 1931

Der Bieler Fotograf Rolf Neeser tauchte in den Alltag von Silvia und Walter Frei ein – einem Liebespaar, das kürzlich die eiserne Hochzeit feierte.

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Wann ist man alt? Vielleicht dann, wenn man von jener Lebensphase, in der sich die anderen alt vorkommen, so spricht wie von der Jugend: «Wir gehen immer ­öfter zum Apotheker. Wir sind ja auch nicht mehr siebzig.»
So haben es Walter und Silvia Frei einem Reporter der Zeitschrift «Illustré» erklärt, der sie in Biel besuchte. In der Stadt kennt man die zwei; sie sind Originale, eine Art Besucher, die aus einem anderen Universum kommen, und zwar ihrem eigenen, während ihnen umgekehrt die Welt auf dem Weg zum Einkauf Tag für Tag ein bisschen fremder wird. Mittlerweile sind sie beide neunzig, am 1. November war …

… ihr Ehejubiläum, und zwar das fünfundsechzigste. Also die «Eiserne Hochzeit», aber auf französisch hat sie einen Namen, der viel besser zu diesem Paar und seiner Liebe passt, die in ihrer Kraft schon an ein Wunder grenzt: ­«noces de palissandre» nämlich. Palisander ist ein Holz; man braucht es im Instrumentenbau, und tatsächlich ist das Musizieren eine der Leidenschaften, die die beiden teilen, neben dem Malen und den Antiquitäten. «Es waren die gemeinsamen Interessen, die uns …

… zusammenbrachten», sagen sie: «Die Liebe kam danach, sie ist daraus gewachsen.» Womöglich hält sie auch dar­um schon fast so lange, wie es Silvia und Walter gibt: Kennen­gelernt haben sie sich als Kinder befreundeter Familien in den ­Ferien. Das war im Frühling 1931, da waren sie vierjährig, und seither haben sie sich nie mehr aus den Augen verloren. Was dann also nicht nur 65, sondern schon 86 Jahre macht.Der Bieler Fotograf Rolf Neeser ist tief in den Alltag der beiden eingetaucht. Seine Bilder – demnächst auch in der Ausstellung zum Wettbewerb um den Prix Photoforum zu sehen – berichten aus jener Welt, die sie sich eingerichtet haben, die frühere Konzertsängerin und der pensionierte Professor für Kirchengeschichte und Seelsorge an der Uni Bern. Fernsehen, Radio und dergleichen gibt es bei ihnen nicht. Ihre Kleider sind selbst genäht, und das nach einer längst vergangenen Mode, so wie ihre Wohnung überhaupt ein Refugium für lauter Dinge ist, die hier geschützt sind vor dem gewöhnlichen Lauf der Zeit – ihre Verliebtheit inbegriffen. «Er schreibt mir täglich Liebesgedichte», berichtet Silvia Frei, «und liest sie mir vor.» Womöglich gehört zum Alter ja auch das: das Gelingen einer eigenen Zeitrechnung, die von den Gesetzen der Welt unabhängig ist. Als ob es kein Gestern gäbe.

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Ausstellung zum Wettbewerb «Prix Photoforum 2017»: ab 3. Dezember im Photoforum Pasquart in Biel, www.photoforumpasquart.ch

Vertreten sind neben Rolf Neeser die folgenden Künstlerinnen und Künstler:

Florian Amoser, Lena Amuat & Zoë Meyer, Jeremy Ayer, Kyra Tabea Balderer, Maciej Czepiel, Léa Girardin, Roberto Greco, Ruben Hollinger, Florian Luthi, Céline Manz, Rolf Neeser, Thi My Lien Nguyen, Jennifer Niederhauser Schlup, Alessia Olivieri, Guadalupe Ruiz, Senta Simond, Alfio Tommasini, Ruben Wyttenbach

28 Kommentare zu «Unzertrennlich seit 1931»

  • Brigitte Cavelti-Lehmann sagt:

    Diese Fotoserie freut mich riesig. Ich bin in Luzern im Geissenstein aufgewachsen und kannte schon die Eltern von Walter.
    Ihn sehe ich immer noch vor mir, wenn er mir mit seiner Mappe begegnete und freundlich grüsste. Dass er Christkatholische Theologie im damals noch stockkonservativen Luzern studierte war für mich eine Art Nimbus der ihn umgab. Wie er sein Leben dann zusammen mit Silvia gestaltete hätte ich mir damals nicht vorstellen können.
    Wenn ich diese Fotos anschaue sind Walter und Silvia immer noch das besondere und auf ihre Art jung gebliebene spezielle Paar, so wie ich sie auch bei Konzerten und persönlichen Begegnungen immer erlebte. Viva!

    .

  • Nikolai Schulz sagt:

    Die idealen Kandidaten für unser gemeinnütziges Projekt MEMORO – Die Bank der Erinnerungen e.V., online in 16 Ländern, gegründet in Italien, siehe auch http://www.memoro.org/de-de/.
    Im Großraum München filmen wir selbst, woanders kann man eigene zeitspezifische Erinnerungen hochladen. Jeweils um die 3-5 Minuten jeweils, gerne 10 Clips pro Zeitzeuge ab 60 Jahren. Danke Niko

  • Chiara Herold sagt:

    ausserordentliche Bilder. Ich staune.

  • Rudolph sagt:

    Man meint, selber ist man voller Liebe und Verständnises.
    Aber sowas wunderbares ! Diese Menschen atmen Luft des Himmels.

  • Bajnoczi Arpad sagt:

    Merci Rolf,
    Wunderbare Bilder. Wunderbare Geschichte. Bin zutiefst Berührt.

  • Cécile sagt:

    Tolle Fotos! Berührende Geschichte. Danke.

  • Edith und Fritz sagt:

    Wir haben am 10.10.2017 unser 60.jubilaeum gefeiert in Kenya wo wir seit 20 Jahren den Winter verbringen.wir freuten uns dass wir das noch Feiern durften.

  • josiane sagt:

    hat mich auch sehr berührt.. Kein Radio ,kein Fernseher.. gemeinsame Interessen haben sie zusammengebracht, und die Liebe kam HINTERHER..
    und hat soooo lange gehalten ,während die heutigen Ehen zu 50% geschieden werden . Wer Ohren hat ,der höre

  • Elli Hofmann/Zürich sagt:

    Es ist einfach wunderbar, dieses Paar hat meinen grossen Respekt und Anerkennung, zeigen Stärke und Individualität, gehen Ihren Weg und folgen Ihren Lebensmustern,
    soll das eine Ermutigung für uns Alle sein

  • Nick Schaefer sagt:

    Der grösste Reichtum auf Erden.
    Wunderbar.

    Wieso bringen wir das nicht unseren Kindern bei?
    Wieso schützen wir das nicht?
    Wo wir stattdessen das Gegenteil fördern?

  • Nauer sagt:

    ganz, ganz toll! Herzlichen Glückwunsch

  • Bernhard Schlegel sagt:

    Berührendes Paar, berührende Bilder…

  • Déjà-vu sagt:

    Sensible Aufnahmen, wunderbares Paar. Merci für diesen bereichernden Beitrag!

  • herr bert sagt:

    sind Bild zwei und drei arrangiert? wenn nicht, sehr gut.

    • Bernhard Straessle sagt:

      Ist das so wichtig? – Die Fotografie kann selten die Realität mit einigen Schnappschüssen einfangen, geschweige denn Gefühlswelten. Ging es dem Fotografen darum, in einem – meinetwegen gestellten – Bild die Zuneigung und Liebe eines alternden Paares darzustellen, so ist es ihm ergreifend gut gelungen. Solange sich die Aussage des Bildes mit der Aussage des Textes deckt, hinterfrage ich die Aufnahme nicht.

    • neeser sagt:

      hier ist nichts arrangiert – sie wohnen genau da und das ist ihr weg zum einkauf..

  • Arthur & Renate Bassi sagt:

    Dieser Beitrag hat mich riesig gefreut! In meiner Familie gibt es auch eine solche Geschichte: meine Schwester Jg. 1928 und ihr Mann Jg. 2927 kannten sich auch seit dem Kindergarten und waren über 65 Jahre verheiratet. Leider ist ihr Mann kürzlich gestorben. Meine Frau und ich haben es erst auf 57 Ehejahre gebracht………… Alles Gute dem Superpaar!!

  • Therese Affolter sagt:

    Vielen Dank für diesen wirklich berührenden Bilderartikel! Die Liebe spricht aus Ihren Fotographien! Und nun weiss ich endlich, wer hinter den beiden eindrücklichen Persönlichkeiten steckt, wenn ich ihnen jeweils auf einer Broccante begegnet bin und ganz bewundernd stehen blieb.

  • neeser sagt:

    herzlichen dank

  • Waltraud Könner sagt:

    Dies ist eine Geschenk des Himmels! und/oder, eine Gnade Gottes, die nur „Auserwählten“ zuteil wird – glaube ich. Warum sonst gibt es sie sonst so selten? – – Geträumt und gewünscht haben es sich wohl viele (ich auch) – aber „das Leben“, ein solches Leben; dazu gehören ZWEI Seelen, die zueinander passen – oder sich passend machen können.
    Wunderschön -auch die Fotografien dazu- und Danke, dass uns die ach,
    „so böse Presse“ auch anderes beweist: So böse ist sie wohl gar nicht… :-)
    Mit freundlichen Grüßen aus Luxemburg – ich schaue immer wieder gerne der Schweizer Presse „in die Karten“.

  • Peter Berger sagt:

    Danke für wieder einmal einen erfreulichen aufbauenden Bericht. Möge er in dieser herzlosen Zeit manche Gedanken anregen. Dem Paar alles Gute.

  • Bruno Froehlich sagt:

    Sprechende Bilder, der Gang des Paares in der Koerperhaltung wie der von eineiigen Zwillingen, wunderbarer Ausdruck der jahrzehntelangen Verbundenheit. Danke fuer den praechtigen Beitrag und den beiden noch viele gemeinsame Jahre zu wuenschen.

  • Andri Chr. Kober sagt:

    Walter Frei war (m)ein unheimlich (im posititven Sinn) und umfassend humanitisch gebildeter Professor an der christkatholischen tehologischen Fakultät in Bern. Er befasste sich für uns Studenten (und wohl noch mehr für sich ;) bspw. mit den Sonetten von Michelangelo oder den Liebesgedichten von Abaelard an Heloïse: „Wir haben nichts so wenig in unserer Hand wie unseres Herzens Stimme“, heißt es in einem Brief Abaelards an Heloise. Als der das schrieb, war er Abt von St. Gildas zu Rhuys in FR und hatte das Frauenkloster Paraklet bei Troyes gegründet, in dem Heloise als Äbtissin waltete. Der Briefwechsel der Liebenden gilt als erster Briefroman der Literaturgeschichte. Also lauter Perlen und Trouvaillen der Kunst- und Literaturgeschichte, die er mit uns teilte – aus tiefstem Herzen. Vivat!

  • Nicole Hirt sagt:

    Eine wunderschöne, berührende geschichte. Wohltuend in unserer digitalisierten zeit. Es zeigt auch, dass man heute sehr wohl noch nach „altem schema“ leben kann. Die geschichte inspiriert und wärmt einem das herz. Man muss sich nur trauen, seinen (einzigartigen) weg zu gehen.
    Die bilder unterstreichen die geschichte hervorragend. Ein grosses lob und einen grossen dank, sie haben mir den tag verschönt!

  • Denise sagt:

    Wunderschöne Fotos, tolles Paar, es braucht mehr Unkonventionelle in diesem Land!

Kommentar

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