Kleine Leute, grosse Not

Es gibt einen von Legenden unverstellten Weg zum Werk von Annemarie Schwarzenbach: 3500 Bilder ihrer Reisen sind jetzt online.

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Unbekannt, 1936–1938

Morphiumsucht und Depressionen, Kliniken und Selbstmordversuche, schliesslich ein viel zu früher Tod nach einem Velo­unfall und einer Fehlbehandlung durch einen Psychiater wegen vermeintlicher Schizophrenie – taugt so eine Frau, taugt Annemarie Schwarzenbach als Schau­fensterpuppe für Leute, die ihr Leben aufhübschen möchten?

Cincinnati, 1936–1938

Knoxville, Tennessee, 1936–1938

Knoxville, Tennessee, 1936–1938

Birmingham, Alabama, 1936-1938

«Diesen Frühling wollen wir uns kleiden wie sie», unfugte das Modeheft ­«Bolero» anno 2012. Denn erstens «fasziniert uns ihre bewegte Geschichte». Zweitens «sind Exzentrik und Wagemut ein sexy Paar». Drittens «toppte» Schwarzenbach das alles noch mit ihrem «andro­gynen Look». Und, viertens: «Inspirationen finden Sie ab Seite 116.»

Unbekannt, 1936–1938

Monteagle, Tennessee, 1936–1938

Lumberton, North Carolina, 1936–1938

Charleston, South Carolina, 1936–1938

Lumberton, North Carolina, 1936–1938

Cincinnati, Ohio, 1936–1938

Lincoln County, Tennessee, 1936–1938

Scotts Run, West Virginia, 1936–1938

Scotts Run, West Virginia, 1936–1938

Charlottesville, Virginia, 1936–1938

Knoxville, Tennessee, 1936–1938

Man kann ja niemanden für seinen Nachruhm verantwortlich machen. Auch nicht Anne­marie Schwarzenbach, die Schriftstellerin, Journalistin und Fotografin, die schon zu Lebzeiten als widerspenstiger Spross der Zürcher Bourgeoisie und weltreisende Abenteurerin von sich reden machte. Seit der Wiederentdeckung ihres literarischen Schaffens vor drei Jahrzehnten ist …

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… die Mythenbildung allerdings längst in die Markenbildung gekippt («dunkler Engel, Tomboy, jeune dorée», tönt es in «Bolero»). Sodass es immer schwieriger wird, einen unverstellten Blick auf das zu bekommen, was die Frau eigentlich geschaffen hat, die vor 75 Jahren gestorben ist, am 15. November 1942.

So einen direkten Weg zu ihrem Werk gibt es nun aber: Das Schweizerische Lite­raturarchiv (SLA), das ihren Nachlass hütet, hat die Fotos online frei verfügbar gemacht, die Schwarzenbach vorab auf ihren Reisen in den Dreissiger- und Vierziger­jahren aufgenommen hat; in Europa, Asien, Amerika und Afrika. 3500 Bilder sind es, und wie bei jedem Fotografen ist das ein Eisberg mit einer schmalen Spitze. Doch wenn nicht alles täuscht, dann sind viele der prägnantesten Aufnahmen in den USA entstanden: 1936/37 bereiste Schwarzenbach den Norden, 1937/38 dann den Süden. Und da zeigt sich eine engagierte Reporterin, die hier nicht der Selbsterfahrung wegen unterwegs war. Sondern wegen der anderen.

Was sie kümmerte, das waren die kleinen Leute während der Grossen Depression. Sie hat sie besucht, im Alltag auf den Strassen, vor ihren Hütten, bei der Plackerei. Schliesslich fing Schwarzenbach die ganze Trostlosigkeit, die auf dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten lag, in emblematischen Szenen der Verödung ein. «Stadt des ewigen Versprechens» – so nannte sie selbst, was sie in Birmingham, Alabama (Mitte), zu Gesicht bekam.

tomboy-styles-1930s-1

Alle Fotos aus dem Literaturarchiv bei Wikimedia Commons: hier

Präsentation von 2008 über drei von Schwarzenbachs Reisen: hier

1 Kommentar zu «Kleine Leute, grosse Not»

  • Hanspeter Bundi, Meikirch sagt:

    Habe mich soeben durch einige von Schwarzenbachs Bildern aus Afghanistan geklickt. Nicht nur der Buddha von Bamiyan, der von dummen Leuten gesprengt wurde, auch andere Sujets machen melancholisch. Darüber, was seit dem Einmarsch der sowjetischen Truppen, dem Einmarsch der amerikanischen Truppen, dem Einmarsch der europäischen Truppen und dem Aufstand der Taliban alles kaputtgeschossen wurde.
    Frage: War früher alles besser?
    Gegenfrage: Wo sind auf diesen Bildern und im öffentlichen Leben dieses alten Landes die Frauen?

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