Der Schweiss und die Herrschaft des Stahls

Wer gewinnt im Ringen von Maschine und Mensch? Die Fotostiftung Schweiz wirft einen zweiten Blick aufs Werk von Jakob Tuggener.

Drehbank, Maschinenfabrik Oerlikon, 1949. © Jakob Tuggener-Stiftung

Dass er den Platz noch immer nicht habe, der ihm gebührt – das kann heute keiner mehr sagen. Einen «Berühmten ohne Erfolg», so hat sich Jakob Tuggener zwar selber genannt, und zu Lebzeiten stimmte das auch: Das Schaffen des 1904 geborenen Zürcher Fotografen stand so quer in der Landschaft, und seine künstlerische Haltung war so kompromisslos, dass von seinen gegen siebzig druckfertig entworfenen Bildbänden nur gerade zwei erschienen; darunter sein «Bilderepos der Technik» namens «Fabrik».

Nach seinem Tod 1988 war Tuggener dann eine Legende ohne Bilder: Wegen eines Erbstreits war sein Nachlass unter Verschluss.

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Doch seit das Kunsthaus Zürich im Jahr 2000 diesen ganzen Schatz gehoben und ihn in einer ebenso opulenten wie erfolgreichen Ausstellung präsentiert hat, steht dieser Tuggener, wenn auch mit Verspätung, an seinem Ort: unter den grossen Avantgardisten der Fotogeschichte.

Weitere Ausstellungen und Publikationen folgten, und 2004 lancierte die Fotostiftung Schweiz auch Tuggeners zweites grosses Thema neben der Welt der Industrie, nämlich den Glamour der besseren Gesellschaft («Ballnächte»). Jetzt kommt man dort erneut auf ihn zurück und vertieft sich mit «Maschinenzeit» ganz in Tuggeners lebenslange Faszination für die Wunder des industriellen Zeitalters. Eine Entdeckung ist das grundsätzlich nicht, eine Neuentdeckung auch nicht unbedingt, wohl aber ein zweiter, gründlicherer Blick auf das Schlüsselthema dieses Fotografen.

Was dieser zweite Blick zeigt, ist nicht nur die immer wieder genannte Poesie eines «Bilderdichters» (Tuggener über Tuggener), der damals so irritierend modern, so expressiv und dynamisch fotografierte, wie Sergei Eisenstein oder Fritz Lang (und auch er selber) ihre Filme drehten: Man erkennt hier auch eine Vision der Gesellschaft, einen Kommentar zur Lage der Zeit, den man von Tuggener nicht unbedingt erwarten würde, zumal er sich kategorisch dagegen wehrte (und das mit Erfolg), als Sozialkritiker verstanden zu werden. So kraftvoll nämlich die Arbeiter in ihrem Ringen mit den Maschinen erscheinen, so sehr ihnen ihr Schweiss einen eigenen Glamour verleiht, so reibungslos verschwinden sie zugleich im Räderwerk dieses Molochs.

Tuggener hatte offensichtlich einen Ahnung davon, dass es nicht die Menschen sein würden, die dereinst im Ringen mit den Maschinen gewinnen. Das anbrechende Computerzeitalter hat er dann noch erlebt. Aber es ist kein Wunder, dass er ihm nichts abgewinnen konnte.

Arbeit im Kessel, 1935. © Jakob Tuggener-Stiftung

Druckleitung, Vernayaz, 1938. © Jakob Tuggener-Stiftung

Heizer am Elektroofen, 1943. © Jakob Tuggener-Stiftung

Werkzeugmaschinenfabrik Tornos, Moutier, 1942. © Jakob Tuggener-Stiftung

Weberei, Glattfelden, 1940er-Jahre. © Jakob Tuggener-Stiftung

Berti, Laufmädchen in der Maschinenfabrik Oerlikon, 1936. © Jakob Tuggener-Stiftung

«Amore», Maschinenfabrik Oerlikon, 1940er-Jahre. © Jakob Tuggener-Stiftung

Arbeiter, Maschinenfabrik Oerlikon, 1940er-Jahre. © Jakob Tuggener-Stiftung

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«Jakob Tuggener – Maschinenzeit»: Fotostiftung Schweiz in Winterthur, bis 28. Januar 2018.