Inszenierte Höhepunkte

Die Fotografin Katia Repina wirft einen nüchternen Blick hinter die Kulissen der Porno-Industrie.

Fast vier Jahre lang haben Sie auf Pornosets fotografiert. Was reizte Sie, sich so intensiv mit dieser Branche auseinanderzusetzen?

Ganz grundsätzlich faszinieren mich kontroverse, tabuisierte Themen. Zudem interessierten mich die sozialen und gesellschaftlichen Fragen. Werden Darstellerinnen und Darsteller fair behandelt? Arbeiten Sie freiwillig in diesem Business? Aber auch: Sind Pornos mitschuldig an der Gewalt gegen Frauen?

Die Pornoindustrie stellt man sich als abgeschottete, halbseidene Welt vor. Wie kamen Sie so nahe ran?

Das brauchte viel Zeit. Ich war an einer Porno-Messe in Barcelona und sah dort ein nicht sonderlich engagiertes Paar, das auf einer Bühne Sex hatte. Die Zuschauer filmten und fotografierten eifrig, auch ich machte einige Bilder. Über Twitter fand ich dann die Darsteller und kontaktierte sie. Als sie meine Fotos sahen, waren sie schockiert!

Warum?

Wohl weil sie keine solch intimen Bilder erwartet hatten. Auf meinen Aufnahmen waren sie nicht am Performen, es war kaum Explizites zu sehen. Vielmehr hatte ich versucht, Momente einzufangen, in denen die Darsteller relaxt waren, gelangweilt, vielleicht sich selbst. Meine Bilder zeigten diese Menschen quasi nackter, als sie in ihren Filmen sind.

War das Ihre Eintrittskarte?

Nicht ganz. Mein Wunsch, bei Dreharbeiten fotografieren zu dürfen, stiess auf wenig Begeisterung. Alle sagten ab, bis auf einen Mann. Durch ihn kam ich auf den ersten Dreh.

Und wie war der?

Ziemlich hardcore! Gedreht wurde eine MILF-Szene mit vielen seltsamen Hilfsmitteln für alle erdenklichen Körperöffnungen. Und dann sagte plötzlich der Setfotograf, er müsse schnell weg, drückte mir seine Kamera in die Hand und bat mich, Fotos zu schiessen. Kein schöner Moment, denn mein Fokus war ja ganz ein anderer. Ich wollte keine Geschlechtsorgane in Nahaufnahme ablichten.

Was für Menschen machen Pornos?  

Ich kann nur über Spanien Auskunft geben. Die wirtschaftliche Not ist dort gross. Viele junge Menschen finden keine Arbeit oder können ihr Studium nicht finanzieren. Es lockt das schnelle Geld im Pornobusiness. Doch heute verdient man selbst dort nicht genug zum Leben. Viele Darstellerinnen müssen zusätzlich Strippen, Web-Cam-Dienste anbieten oder sich sogar prostituieren.

Wie hoch sind die Gagen für eine Szene?

Genaue Zahlen kenn ich nicht. Ich weiss nur, dass es für ausgefallene Praktiken und Fetische einen Bonus gibt – das wird besser bezahlt als die Standard-Nummer. Ebenfalls eine Rolle spielt natürlich auch der Bekanntheitsgrad der Darsteller.

Was für ein Verhältnis haben Pornodarstellerinnen zu ihrem Job?

Auf einem Dreh lernte ich Marta kennen. Sie war damals 23 und ist heute ein Star. Normalerweise geben Pornodarsteller wenig Privates preis, aber sie öffnete sich, und so habe ich viel über das Business gelernt. Meine Frage, ob sie unter ihrem Job leide, beantwortete sie stets mit einem entschlossenen Nein. Sie fühle sich als Athletin und gut dabei. Überhaupt musste ich hier mein Bild revidieren, viele Darstellerinnen sind sehr selbstbewusst, reflektieren ihre Arbeit und sehen sich nicht als Opfer. Trotzdem ist es so, dass immer noch viel zu viele Menschen, meist sind es Frauen, zu diesem Job gezwungen und ausgebeutet werden.

Sie haben die Frage eingangs angesprochen: Richten Pornos gesellschaftlichen Schaden an – oder sind sie gar verantwortlich für reale Gewalt gegen Frauen?

Von der feministischen Künstlerin Maria Llopis, die auch in der Post-Porn-Szene aktiv ist, stammt der Satz «Wir haben die Pornografie, die wir verdienen». Ich tendiere dazu, ihr recht zu geben. Wir leben in einer sexistischen und gewalttätigen Welt, also sind es auch die Pornos. Es wird gedreht, was die Leute sehen wollen, so abscheulich das manchmal leider auch ist.

Und das soll einfach so hingenommen werden?

Nein, natürlich nicht. Und es ist fatal, wenn heutzutage Jugendliche massenweise Pornos konsumieren und dieses oft doch sehr schäbige Frauenbild vermittelt bekommen. Meist noch bevor sie selber überhaupt das erste Mal Sex hatten. Und hier setzt die erwähnte Post-Pornografie an. Geschlechterstereotype sollen aufgebrochen und ganz neue Gegenbilder geschaffen werden. Weg von der männlichen Dominanz, der Gewalt, dem Leistungszwang – ein guter und wichtiger Ansatz.

Schauen Sie selber Pornos?

Ja, ich habe ein ziemlich unverkrampftes Verhältnis dazu. Aber ich schaue seltener und selektiver als früher. Und keine richtig harten Sachen. Wenn Frauen schlecht behandelt werden, widert mich das an. Während meiner Recherche habe ich zudem ganz damit aufgehört, vier Jahre lang.

Weil sie zu viele schmutzige Details erfahren haben?

Nein, die Produktionsfirmen, die ich begleitete, arbeiteten sauber und professionell. Sie behandelten die Darstellerinnen und Darsteller sehr anständig. Die Illusion funktionierte einfach nicht mehr, es turnte mich nicht mehr an.

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Katia Repina wurde 1988 in Moskau geboren und zog nach ihrem Wirtschaftstudium 2009 nach Barcelona, wo sie sich zur Foto- und Videojournalistin ausbilden liess. Seit 2017 lebt sie in New York. Ihre Projekte befassen sich mit Genderthemen, Identität und Sexualität.

Mehr Infos zur Fotografin und ihrem Schaffen finden Sie hier.