Geschlossene Werkstatt

Subkultur, aber richtig: Mélanie Veuillet zeigt beschlagnahmte Do-it-yourself-Arbeiten aus welschen Gefängnissen.

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Bladed weapon.

Draussen gibt es nichts, was es nicht gibt. Drinnen gibt es nichts. Oder fast nichts. Woher also, ­sagen wir: eine Stichwaffe nehmen? Zuerst eine Gabel mitlaufen lassen, im nächsten Kantinendienst. Dann vielleicht das Riemchen von der Uhr, das gibt den Griff. Einen Schuhbändel kürzen, das fällt niemandem auf, und daraus eine Schlaufe knüpfen, daran hängt das Stück dann versteckt unter dem Ärmel. Schliesslich biegt man zwei Zinken der Gabel zurück, damit das Ding besser sticht. Sieht jetzt fast wie ein Stinkefinger aus, aber das passt schon, denn ihr könnt mich alle.

Fake grenades.

Wood gun.

«Tools of Disobedience», Utensilien des Ungehorsams – so nennt Mélanie Veuillet ihre Serie, die es nun als Bildband gibt, nach einer Nomination bei den Swiss Design Awards 2015. Die junge Genfer Fotografin hat die Gegenstände dokumentiert, die Insassen von Haftanstalten in der ­Romandie heimlich gefertigt haben. Es sind Schlagringe, Messer und Keulen, aber auch Wasser­kocher, Transistorradios, Tabakpfeifen, Sägen, Seile, Strickleitern, sogar aus Holz geschnitzte Schraubenschlüssel – alles improvisiert, alles hundert Prozent Recycling, und zwar zwangsläufig. Von Ungehorsam zeugt dabei nicht nur die Stinke­fingergabel: Schon die blosse Existenz dieser Dinge ist ein Akt des Widerstands. Derartige Do-it-your­self-Arbeiten sind in der Haft untersagt, und Veuillet hat fotografiert, was die Wärter den Insassen abnehmen konnten; weil sie unvorsichtig waren, verpfiffen wurden oder ihre Zelle im falschen Moment durchsucht wurde.

Tattooing machine.

Pipe Material.

Hot plate, tattooing machine, stinger, pipe.

Brass knuckles.

Cigarette.

Evasion plans.

Fake Gun.

Mit einem so nüchternen Blick, als ginge es um eine ethnografische Dokumentation, hat ­Mélanie Veuillet das materielle Lexikon einer Subkultur zusammengetragen, die wirklich eine ist. Diese Dinge kommen aus dem Untergrund, und sie berichten nicht nur von Erfindergeist und Handwerkertalent, von einer umwerfenden praktischen Intelligenz. In ihrer ungeschminkten Funktio­nalität sprechen sie auch von den nicht minder ungeschminkten Bedürfnissen der Leute, die sie gebaut haben: die Waffen von der Gewalt in der Anstalt, die Heiz- und Kochgeräte von der Unwirtlichkeit in den Zellen, die Radios von einer Leere, die jede Ritze des Daseins ausfüllen muss.

Dann und wann blitzt aus der ganzen Not allerdings auch eine Art Witz. Gibt es einen Häftlingshumor? Einer hat sein Radio zur Tarnung in ein Buch eingebaut, das er sich wohl in der Gefängnis­bibliothek besorgte. Es sind Charles de Gaulles «Memoiren der Hoffnung».

 

 

BIldseite vom SA/DI 27./30. Mai

Mélanie Veuillet: Tools of Disobedience
Edition Patrick Frey, Zürich 2017
116 Seiten, 186 Abbildungen
etwa 43 Franken.

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