Schärfer als die Natur erlaubt

Was, wenn wir die Welt durch die Augen eines Roboters sähen? Ein Zürcher lässt eine Maschine fotografieren.

Das auf dem Bild, das ist Peter. Eigentlich. Trotzdem heisst sein Porträt «Ceci n’est pas Peter». Warum? Weil es, genau genommen, 680-mal Peter ist: Zusammengesetzt aus 680 Einzelbildern, Detailaufnahmen von verschiedenen Regionen von Peters Gesicht, aufgenommen in exakt 19 Minuten und 5 Sekunden, am Vormittag des 16. Juli 2014.

Damals hat Daniel Boschung, Fotograf und Technik-Afficionado aus Zürich, ebendiesen ­Peter angewiesen, sich in den Vintage-Coiffeursessel in seinem Fotostudio zu setzen, eine bequeme Haltung zu suchen – und sich anschliessend möglichst nicht mehr zu bewegen. Denn dann kam der Roboter zum Zug – Robophot, ein feuerwehrrot lackiertes, anderthalb Meter grosses Ungetüm mit einem armlangen Kameraobjektiv als «Kopf» –, der sich ruckelnd und sirrend daran machte, ­Peters Gesicht regelrecht zu kartografieren.

Das Resultat einer solchen «Face Cartography»-Fotosession – Boschung hat in den vergangenen Jahren dutzende Personen auf diese Weise porträtiert – ist jeweils ein raumhohes Bild mit einer Auflösung von 900 Mega­pixeln. Das ist so gestochen scharf, wie kein menschliches Auge je wird sehen können. Das ist Maschinen-Optik.
Und wir, die wir dann vor diesen riesigen, ultrarealistischen Bildern stehen? Wir sind zunächst einmal irritiert, weil wir vor lauter Details nicht wissen, wo hingucken. Ist das jetzt noch Peter, oder eben nicht mehr? Und warum ist uns dieser virtuell herangezoomte Peter 2.0 nicht ganz geheuer? Vielleicht, weil wir hier zu viel Information bekommen? Eine Intimitätsgrenze überschreiten? Oder vielleicht, weil uns die Überlegenheit der Maschine – im wahrsten Sinne des Wortes – ins Gesicht springt?

An der Ausstellung «Us & Them» zum Zusammenleben von Mensch und Roboter erstellt Robophot Porträts von Besuchern. Selfie-Bewerbung an facecartography@digitalbrainstorming.ch.
Kunstraum Walcheturm, Zürich. Vernissage Di 15. 11., 18–21 Uhr. Ausst. bis So 20. 11., tägl. 11–20 Uhr.

5 Kommentare zu «Schärfer als die Natur erlaubt»

  • E. Schneider sagt:

    wiedermal eine schwierige Redaktion, dann halt so:
    Ich möchte Ihre Beobachtungen, resp. Gedanken zu dieser Arbeit ‚korrigieren‘, auch oder vor allem deshalb, weil Sie ein Ich als wir vorgeben. Also: dass wir, resp. Sie nicht wissen wo hingucken, hat v.a. mit der ÜberBildgrösse von Porträts und nicht mit dem Detailreichtum zu tun, und damit dass dieser mittels ‚Flachlegen‘ von 3D auf 2D in eine Gleichzeitigkeit, resp. In einen Stillstand gezwungen wird. Das Unwohlsein ist nicht mit der Informationsfülle, Intimität oder einer Überlegenheit eines Roboter-Blicks zu erklären, sondern mit der Intention des Autors. Es sind Bilder, die sehr angestrengt wirken, sind Ausdruck von Kontrolle. Es ist halt oft so: beeindruckende Leistung in der Technik wird mit Anwendung davon verwechselt.

  • trudi Frey sagt:

    Das ist doch jetzt schon so. Wenn man einen Beleg von einer Umbuchung von einem Konto zum anderen macht und einen Beleg sich schicken lassen will bekommt man zur Antwort aber das ist nicht normal. Eben Luftgeschäft unsichtbar nur mit Roboter. Die Welt ist armselig geworden. Der Mensch ist nicht wichtig.

  • Sherlock Holmes sagt:

    Sehr unterhaltsam. Konzeptuell hätte ich aber vom Nasenspitz bis zum Hinterkopf Schärfe gewünscht, da die Bilder ja, so wie ich es verstanden habe, von der ungeheuren Detailgenauigkeit leben.

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