Wenn die Wärme verschwindet

Die Bilder des Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk zeigen ein Istanbul bei Nacht, das es so nicht mehr lange geben wird.

Bei Nacht würde seine Heimatstadt bald ganz anders aussehen. Dessen war sich Orhan Pamuk sicher. Doch ausser ihm schien es kaum jemand zu bemerken. Also begann der Schriftsteller und Literaturnobelpreisträger die Veränderung mit seiner Kamera festzuhalten. Denn das orange Licht der Strassenlampen und in den Häusern, das ihm aus seiner Kindheit in Istanbul so vertraut war, würde bald verschwinden. Ausgetauscht durch modernes, billigeres, eisweisses Licht.

Männer in Kaffeehäusern beim Kartenspielen, orange Pfützen, Kinder, die in der Dämmerung Fussball spielen, Menschen, für welche die Strasse auch Wohnzimmer ist: Es sind die stillen, abgelegenen Gassen, in die sich keine Touristen verirren, wo Pamuk nach dem Wesen seiner Stadt sucht.

Im Bildband «Orange» hat er nun seine nächtlichen Streifzüge aus über 20 Jahren versammelt. Es sind keine durchkomponierten Bilder, sondern oft mehr Schnappschüsse, die von einem Gespür für die kleinen, aber bedeutenden Szenen des Alltags zeugen.

Neben dem langsamen Einzug von kühlem Licht fällt noch etwas anderes auf, wenn man durch den dicht gefüllten, fast 200 Seiten dicken Bildband blättert: Die sozialen Strukturen, die sich so schleichend verändern wie das warme Licht.

Da ist der Einfluss von Immigranten aus Syrien, ein erstarkender Nationalismus, generell die Abkehr vom Westen. Sichtbar ist dies auch in der Mode: Die Kleidung wird religiöser, auf der Strasse sieht man viel mehr Frauen mit Kopftuch als noch vor einigen Jahren.

Immer wenn bei seinen Spaziergängen die Schritte hinter ihm lauter wurden, wusste Pamuk, dass er sich in einer gefährlichen Gegend befand: Seit 2007 wird er von Bodyguards begleitet, die ihn vor politisch motivierten Angriffen schützen.

Trotz dieser erschwerten Bedingungen schreckt er sowohl in seiner Fotografie als auch in seiner Literatur bis heute nicht davor zurück, auch in der dunkelsten Gasse nach der Menschlichkeit zu suchen.

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Orhan Pamuk: Orange

Steidl, 2020.
192 Seiten
ca. 36.-  CHF