«Viele sind hormonell unterzuckert»

Enthemmung total: Der Fotograf Lois Hechenblaikner über den Ischgler Massenexzess, den er in einem grausig-schönen Fotoband dokumentiert.

Ischgl wurde zum weltberühmten Covid-19-Hotspot. Zufall oder nicht?

Es hätte Ischgl nicht so hart getroffen, wenn man rascher reagiert hätte. Dem Gastwirt, bei dem gefeiert wurde, kann man eigentlich keinen Vorwurf machen. Ich kenne den Besitzer dieses Lokals persönlich. Das ist ein anständiger Mensch, und kein Gastro-Gangster. Er ist weder Virologe, noch Mediziner. Versagt haben in erster Linie die verantwortlichen Behörden, die den Wirten sofort nach Bekanntwerden ein Verbot aussprechen hätten müssen.

Hat man etwas daraus gelernt? Wird Ischgl in der nächsten Saison ein anderer Ort sein?

Der Mensch lernt zumeist erst im Schmerz. Vielleicht führt Corona selbst in Ischgl zu einem Umdenken. Ischgl war ja nicht immer Après-Ski-Mekka. Es ist – zumindest für mich – eines der schönsten und besten Skigebiete der Welt. Deshalb bin ich gegen eine Pauschalverurteilung der Ischgler, auch wenn sie den Wirtschaftszweig Aprés-Ski nach meiner Sicht der Dinge deutlich überzogen haben.

Wie wurde Ischgl denn zum «Delirium Alpinum», wie es in Ihrem Buch heisst?

Die Skikleidung, das ist soziologisch interessant, macht die Leute in ihrer Erscheinung relativ gleich, man sieht ihnen oft nicht an, ob ein Manager drin steckt oder ein kleiner Arbeiter. Wenn man den Leuten genug Alkohol einflösst und sie mit Trivialmusik zudröhnt, findet automatisch eine Nivellierung nach unten statt. Das haben die Marketing-Scientologen erkannt und den Slogan «Relax, if you can…» für Ischgl geprägt. Seit 20 Jahren ist Ischgl nun der Ballermann der Alpen. Manche DJs, die in Ischgl auflegen, sind im Sommer ja auf Mallorca am Werk.

Eines Ihrer Bilder zeigt eine aufblasbare Plastikpalme bei einer Après-Ski-Bar und die Berge im Hintergrund. Grossartig.

An der Palme hängt ja auch noch ein BH und eine Unterhose dran! Ischgl ist ganz einfach ein konsumistisches Überdruckventil. Allerdings funktioniert das Loslassen auch nur gegen Bezahlung.

Überdruck von was?

Wir leben heute in einer recht genormten Welt. Die Menschen müssen in ihrem Beruf oft unter hohem Druck ihre Leistung erbringen. Wo kann der Mensch der Zivilgesellschaft dann seinen Druck ablassen? Im Fitnessstudio, auf dem Fahrrad, beim Fussball, oder eben bei ein paar ausgelassenen Skitagen in Ischgl, St. Anton, Sölden oder im Zillertal. Die machen ja dasselbe wie die Ischgler.

Die Fasnacht funktioniert ähnlich.

Absolut. Druck ablassen ist nichts Schlechtes. Es steht mir null zu, Menschen zu verurteilen oder zu massregeln. Als Fotograf muss ich mit den Leuten mitgehen können. Wenn ich da als Moralist auftreten würde, könnte ich meine Arbeit nicht richtig machen. Ich muss dankbar sein, dass die Leute mich fotografieren lassen. Aber das System Ischgl ist über die Jahre hinweg überzogen worden. Und wenn man selber nicht so kalibriert ist wie die Spassfraktion, setzt einem die Entartung ganz schön zu. Ich fühle mich in Ischgl während des Fotografierens bisweilen wie ein Taucher, der in die Tiefen absinkt und irgendwann rasch wieder rauf muss, um Luft zu holen.

Was war das Schlimmste, was Sie gesehen haben? 

Alkohol wirkt ja verschieden bei den Leuten. Einige bleiben friedlich und schlafen ein, andere drehen durch. Ich habe völlige Entgrenzungen erlebt. Einmal haben sie vor meinen Augen einen niedergeschlagen, der ist zusammengesackt und mit dem Kopf auf den Asphalt geknallt. Und da war jene Frau, die auch auf einem meiner Bilder zu sehen ist, die betrunken vom Anheizerinnen-Laufsteg einer Bar fällt.

Haben die nichts dagegen, wenn Sie sie in kompromittierenden Situationen ablichten?

In den allermeisten Fällen haben die Menschen nichts dagegen, wenn ich sie fotografiere. Ich arbeite in der Tradition der Street Photography. Das ist eine anerkannte Kunstform, kein alltäglicher Zeitungsjournalismus. Wenn es ganz heikle Situationen sind, dann lasse ich ab und zu die Menschen auch Rechtsverträge unterschreiben, das sogenannte Model Release.

Wer sind diese Leute, die Sie fotografieren?

Der Soziologe Gerhard Schulze verortet die Erlebnisgesellschaft in fünf Milieugruppen, darunter auch das «Unterhaltungsmilieu». Das sind Leute, die die Begegnung mit Gleichgesinnten suchen und möglichst viel Unterhaltung anstreben. Einer gewissen Friktion sind sie nicht abgeneigt, was die gelegentlichen Schlägereien erklärt, zumeist passiert das unter Alkoholeinfluss. Gerade die Deutschen und die Schweizer Gäste, von Natur aus oft emotional unterkühlt, springen auf die Ischgler Gaudi an. Viele von ihnen sind auch hormonell unterzuckert.

Deshalb die Go-go-Girls.

Neben Essen, schlafen und trinken ist die Sexualität die stärkste Energie die uns antreibt. Das hat man im Tirol auch erkannt und hat dafür das touristische Angebot entsprechend nachjustiert. Das Ironische: In Ischgl gibt es während der Wintersaison ca. 70 Prozent männliche Gäste.

Glotzen die nur die Tänzerinnen an, oder gibt es eine Prostitutionsszene in Ischgl?

Offiziell nicht, inoffiziell wird sich schon einiges arrangieren lassen. Es ist immer nur eine Frage des Gelds. Das ist aber in St. Moritz nicht anders, glauben Sie es mir.

Wie ist das Verhältnis der Einheimischen zum Partytourismus?

Diejenigen, die nur ein gutes Hotel führen, und davon gibt es einige davon in Ischgl, sind natürlich sehr unglücklich darüber. Weil er den Ort kannibalisiert. Nur wenige profitieren von der Après-Ski-Szene – dafür richtig. Das Traurigste, das im Tourismus passieren kann, ist, wenn man denjenigen anfängt zu hassen, von dem man lebt: vom Gast. Das ist die grosse Gefahr des entgrenzten Aprés-Ski: die gastronomische Verwilderung.

Sie sind also nicht grundsätzlich gegen Alpen-Tourismus, wie Ihre bitterbösen Fotos nahelegen könnten?

Überhaupt nicht. Ich schätze gut gemachten Tourismus sehr. Ich sage immer: Man muss im Tourismus zwischen Gastgeber und Gastnehmer unterscheiden. In Ischgl ist man Gastnehmer – allerdings nur was den Aprés Ski angeht. Es gibt in Ischgl auch Hoteliers, die ein hervorragendes gastronomisches Angebot liefern und deshalb auch meine volle Hochachtung verdienen.

Wird die Bergwelt immer mehr zu einer Kopie des Flachlands, mitsamt Hektik und Architektur?

Die Tourismuswirtschaft muss ihre Gäste jedes Jahr aufs Neue zu sich holen. Und der Druck, der auf den Touristikern lastet, ist immens, das ist in der Schweiz nicht weniger der Fall. Ständig sollen sie etwas Neues machen, und der Gast entwickelt sich zu einer eitlen fordernden Diva. Unter diesem Druck ist es sicher nicht leicht, sich selbst ständig weiter zu entwickeln, und dann auch noch innovativ zu sein, das schafft nicht jeder. Ich würde aber gern busseweise Touristiker nach Vals in die Therme von Peter Zumthor bringen, um ihnen zu zeigen, was gute Architektur zu leisten vermag.

Stimmts eigentlich, dass die Schweizer ihre Gäste weniger freundlich behandeln als die Österreicher?

Als ich vor über zehn Jahren in Samnaun drüben zum Skifahren war, erinnerte mich dort das Angebot in der Berggastronomie an eine Militärkaserne. Da waren die Ischgler schon viel viel weiter. Die sind da viel pfiffiger und innovativer als die Schweizer, die – zumindest damals noch – in so einer Art von helvetischem Trägheitsgesetz verhaftet waren. Die Ischgler sind heute Mehrheitsbesitzer der Samnauner Bergbahnen. Ich möchte aber die Schweizer und die Österreicher nicht gegeneinander ausspielen, ich mag sie beide auf ihre Art. Wer als österreichischer Koch oder Kellner früher etwas auf sich gehalten hatte, der ging in die Schweiz, um dort zu arbeiten und dazuzulernen. Dieses Know-how brachten sie in ihre Heimat zurück. Gar nicht so wenige österreichische Spitzengastronomie ist auf die Schweiz zurückzuführen.

Lässt man einen Mahner wie Sie eigentlich noch ins «Kitzloch» und andere Bars?

Ob ich in Ischgl eine Persona non grata bin, ist unwichtig, ich habe gelernt, sehr viel auszuhalten.

 

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Der Fotograf Lois Hechenblaikner ist im Tirol aufgewachsen, wo er heute noch lebt. Seine Eltern waren Wirte. Der 62-Jährige setzt sich seit Jahrzehnten künstlerisch mit dem alpinen Massentourismus auseinander. Sein neuster Fotoband “Ischgl” zeigt die Arbeit von 26 Jahren und ist das Kondensat von 9000 Bildern. Das Tiroler Dorf Ischgl macht 250 Millionen Euro Umsatz jährlich und verzeichnet 1,4 Millionen Übernachtungen bei knapp 1600 Einwohnern. Diesen touristischen Wahnsinn dokumentiert Hechenblaikner mit Bildern, denen ein faszinierendes Grauen innewohnt: sturzbetrunkene Menschen im Schnee, flankiert von leer getrunkenen Bierfässern, die wunderschöne Berglandschaft zur Hintergrundkulisse verkommen. Am Ende dieses Massenbesäufnis hat Hechenblaikner nüchterne Polizeiberichte aus Ischgl angefügt.

Lois Hechenblaikner: „Ischgl“. Steidl Verlag, 2020.
240 Seiten, ca. 44 Franken

16 Kommentare zu ««Viele sind hormonell unterzuckert»»

  • Giorgios Terzakis sagt:

    Warum wird so etwas im Print überhaupt abgedruckt? Handelt es sich um Schleichwerbung für eine Tourismusregion?

  • Yudee sagt:

    Persönlichkeitsrecht vs Fotoband: Wer gewinnt?

  • Carlo Brüngger sagt:

    Ich muss bisschen Lanze brechen für Ischgl..obwohl das Ballermann Image nstürlich genau so zutrifft.

    1. haben sie zusammen mit Samnaun ein fantastisches Skigebiet, das seinesgleichen sucht.
    2. Gibt es auch „normale“ Ischgl Gäste
    3. Eventmässig Weltklasse, siehe Top of Mountain Gigs, das gibt leider Kollateralschäden..
    4. Hat Austria andere Apres Ski Kultur, siehe auch Schladming, St. Anton, etc.

    Also relax if you can, liebe Ischgler

  • Tom Berger sagt:

    Nun der Fotograf, nun auch 62 Lenze alt, scheint selber auch ein bisschen den alten Vorurteilen zu erliegen. Sicherlich gibt es Unterschiede in der Gastronomie-Szene zwischen Österreich und der Schweiz; doch mittlerweile gleichen sich diese Unterschiede –wie überall in Europa– an. Dieser Stereotyp, dass die Österreichische Bedienung freundlicher sein soll … oder die Schweizerische (er meint wohl: Deutschschweizerische) unfreundlicher … was spielt es für eine Rolle? Am Ende geht es immer um das eine: schnell Kohle verdienen. Ist einfach regional anderes verpackt. Der ganze Alpenraum ist einmalig und müsste viel nachhaltiger und diversifizierter bewirtschaftet werden.
    Ps: Es gibt übrigens auch im Wallis hässlich verbaute Skigebiete (Crans-Montana etc.). In Frankreich genauso.

  • Edith sagt:

    Die Tiroler sind ja ein raues Bergvolk. „ Ruch“ wie man in der Schweiz sagt. Und genau so ruch sind sie mit der Umwelt umgegangen. Alles musste sich dem Skizirkus unterwerfen, koste es was es wolle. Diese Zeiten sind wahrscheinlich vorbei, und noch mehr als in der Schweiz hängt das Wohl der Leute vom Tourismus ab. Landwirtschaftsbetriebe sieht man eher wenige es wurde alles dem Tourismus geopfert.

  • Schneider Werner sagt:

    Ich war einmal in Ischgl, weil wir dort mit meiner damaligen Firma ein Meeting hatten. Es ist einer der grässlichsten Orte an denen ich je war. Lärm nahezu 24 Stunden, tagsüber am Berg, danach im ganzen Ort. Besoffene Touris überall, die in den Gassen herumgrölen. Aber das passt in unsere heutige Spass- und Freizeitgesellschaft. Eigentlich logisch, dass Corona von solch einem Ort aus verbreitet wird.

  • Ruedi Raggebass sagt:

    Das Ganze ist schnell „abgehakt“…

    Wenn in ISCHGL ein paar wildgewordene Junx & Mädels – quer aus ganz Europa – den Frust aus ihrem (anscheinend) so schwierigen & glitzernden Leben „hersussaufen“ wollen und wenn dabei – ein paar wenige Leute aus einem Vorarlberger – Kuhdorf – „stinkreich“ werden – dann sei ihnen das gegönnt…

    Wenn nun aber – die selben Leute aus dem besagten Kuhdorf – die Party weiterziehen – und zwar auch noch – nach dem ihnen der Ernst der Situation schon klar sein musste – nur weil ansonsten ihr Gewinn flöten gegangen wäre – dann gehören all diese Leute ans sprichwörtliche Kreuz genagelt!

    So gesehen – geschieht den Leuten recht – wenn sie jetzt den Zorn aus ganz Europa zu spüren bekommen – denn: „Hochmut kommt vor dem Fall“ auch in ISCHGL…

  • Peter Weber sagt:

    Ich war vor ca. 20 Jahren in Ischgl und habe keine Sekunde gestaunt, dass das ein Corona-Hotspot sein soll. Es ging echt animalisch zu und her! Ab 15h saufen bis zum umfallen, man steht bis Mitternacht dampfend in seinem Anzug, knutscht mit wildfremden besoffenen Frauen rum, zuletzt in der Disco Kuhstall und schiebt sich um Mitternacht zwischen den Alkoholleichen im Suff noch einen Döner rein, um dann um 01h komatös ins Bett zu fallen. Und das 5mal hintereinander. Danach braucht man Ferien.

  • Dölf sagt:

    Schon vor Jahren war der Unterschied zwischen Ischgl und Samnaun leicht zu erkennen. In Ischgl stand an der Hoteltüre: Unsere verehrten Gäste werden gebeten die Hotelzimmer nicht mit den Skischuhen zu betreten.
    Im Samnauer Hotel stand: das Betreten mit Skischuhen ist verboten!
    Ein kleiner aber feiner Unteschied

  • Rosmarie sagt:

    Wer sich in diesem degenerierten Alpenspasskaff das Virus geholt halt, der ist auch etwas selberschuld! Mit etwas Vorstellungsvermögen hätte man sich ausrechnen können, dass das Virus auch schon seinen Weg in diese saunaähnlichen Trink- und Gröhlstuben geschafft hat.
    Wer auf sowas abfährt, der ist auch intellektuell etwas „unterzuckert“!
    Leid tun einem vor allem diejenigen in halb Europa, die von Ischglurlaubern dann angesteckt wurden und manche sogar mit dem Leben bezahlen mussten!
    Aber dass Corona mal in diesem Ischgl etwas aufgeräumt hat, ist wenigstens etwas positives an diesem elenden Virus!

  • DR sagt:

    Diese Ischgl-Stereotypen sind der Tiefpunkt von menschlichen Kreaturen und zeigen durch ihr Verhalten die hässlichste und primitivste Art der Spasskultur. Es scheint wie bei der Streetparade zu sein, endlich darf ich sein wer ich bin oder eben wer ich gerne sein möchte aber mich im Normalleben nicht getraue. Jeden das Seine, Einverstanden. Aber was daran so toll sein soll?

    • Alles wird gut sagt:

      Wo Sie Recht haben, haben Sie recht.

    • Michael Sold sagt:

      Es kommt wohl darauf an welchen Stellenwert ich in der Gesellschaft zu Hause habe und ob ich mich mit meinen Leben wohlfühle oder immer wieder nach einem Ventil des Ausbruchs suche. Das lässt mich für kurz Zeit meiner Misere entgehen. Das ist zwar Selbsttäuschung aver mit den Amerikanern und Disney Land auch nichts anderes. Es ist wohl eine Generation der Bequemlichkeiten die nicht sie Welt entdecken will oder erneuern wie wir das wollten. Es ist eine zahle fast stereotype Generation der von uns schon alles vorweggenommen wurde.
      Auch wenn nan es nicht gerne hört, der Coronavirus war ein kurz innehalten bevor der Tanz um das goldene Kalb weiter geht. Schade aber so sind wir wohl…

    • Sepp sagt:

      Ja, Wie schon immer an der Fasnacht

    • Chris Ruegg sagt:

      Die Street Parade ist primär eine Zelebrierung von Liebe durch Tanz auf der Strasse. Sie hat unserer Gesellschaft zu einiges mehr sexueller Toleranz verholfen.

Kommentar

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