An der Front

Der Kriegsfotograf Alexander Kühni begleitet Ärzte und Pflegepersonal des Spitals Bruderholz auf zwei Schichten in der «schmutzigen Zone».

Das Bruderholzspital in Baselland wurde im März kurzerhand zum reinen Covid-19-Referenzspital umfunktioniert. Alle Patienten, welche nicht wegen des Coronavirus hospitalisiert waren, wurden in andere Spitäler transferiert. Stand 8. April lagen im Bruderholz rund 70 Patienten, welche an Covid-19 erkrankten und einen schweren Verlauf aufweisen. 18 Patienten litten an einem kritischen Verlauf und mussten auf der Intensivstation künstlich beatmet werden. Seit Ende März wird das Bruderholzspital mit Soldatinnen und Soldaten des Spitalbataillons 66 sowie Sanitätssoldaten verstärkt. Der Berner Fotojournalist Alex Kühni hat in seiner militärischen Funktion als VBS-Fotograf ein Team von Spitalsoldaten, welche das Intensivpflegepersonal unterstützt, auf ihrer Arbeit begleitet. Auf zwei 12-Stunden-Schichten dokumentierte Kühni die Arbeit des Pflegefachpersonals, der Ärzte und der Angehörigen der Armee.

06:40 Uhr Kleiderberge in der Garderobe. Das Spitalpersonal trägt einen strikten Farbcode zur besseren Erkennung der Funktionen: blau bedeutet Intensivstation, das Personal im Bettenturm trägt weiss.

06:55 Uhr Die Intensivstation mit den kritischen Patienten gilt als «schmutzige Zone», da sie durch das Virus kontaminiert ist. Der Zutritt passiert durch eine Schleuse, an welcher zusätzliches Schutzmaterial angezogen wird: ein Paar lange Latex-Handschuhe, Einweg-Überziehschürze, ein zweites Paar Latex-Handschuhe über die Ärmel der Schürze ziehen und fixieren, OP-Haube und Schutzbrille. Danach wird die Gesichtsmaske, welche in der «sauberen Zone» des Spitals getragen wird, mit einer, die eine höhere Schutzklasse aufweist, ausgewechselt. Da es schwierig ist, Personen unter den Schutzkleidern auszumachen, werden Namen und Funktion mit Filzschreiber auf die Schürzen geschrieben.

08:30 Uhr In der Intensivstation liegen die Patienten mit einem kritischen Verlauf auf verschiedene Zonen und Zimmer verteilt. An ihnen sind unzählige Kabel und Schläuche angebracht, die zu Maschinen und Monitoren führen, welche sich um die Betten wie ein Cockpit einer Raumsonde anordnen. Die Maschinen und Monitore stossen ein unkoordiniertes Konzert von Alarmgeräuschen aus. Die Mitarbeitenden richten pausenlos Beatmungsschläuche, erhöhen Medikamentendosen, leeren Exkremente-Beutel, richten verrutschte Fingerpulsoxymeter, bis der Alarm verstummt und sie an ein anderes Bett gerufen werden.

10:05 Uhr Alle paar Stunden müssen Patienten im Bett neu gelagert werden, da sich nach ein paar Tagen ohne Bewegung aufgrund von längerer Druckbelastung am ganzen Körper Dekubiti bilden, lokale Schädigungen der Haut und des darunter liegenden Gewebes. Die drei kräftigen jungen Männer des Lagerungsteams brauchen zusammen mit den am Bett arbeitenden Pflegepersonal rund 12 bis 15 Minuten pro Patient. Bei 18 Patienten braucht das Team rund 4 Stunden, sodass sie nach der Lagerung von Patient Nr. 18 gleich wieder bei Patient Nr. 1 weitermachen müssen. Und da Erkrankte mit einem kritischen Verlauf im Durchschnitt 16 Tage künstlich beatmet werden, ist die Pflege nur mit enormem Personalaufwand zu bewältigen.

13:50 Uhr Viele der Patienten sind desorientiert oder geraten in Panik, wenn sie mit einem Beatmungsschlauch im Mund erwachen. Intensivpflegerin Elly nimmt sich in solchen Situationen besonders Zeit und spricht ruhig auf die Patienten ein: «Sie sind immer noch auf der Intensivstation des Bruderholzspitals. Sie werden mit einem Schlauch durch den Mund künstlich beatmet – Sie machen das gut. Machen Sie sich keine Sorgen. Ihrer Familie geht es gut …». Viele Patienten, welche einen kritischen Verlauf der Krankheit durchleben, entwickeln durch den enormen körperlichen Stress sogar eine posttraumatische Belastungsstörung.

13:53 Uhr Pflegefachfrau Johanna am Bett von Patient Nr. 4. Bis vor ein paar Wochen hat sie auf dem Kindernotfall in Zürich gearbeitet. Dort ist durch die Massnahmen des Bundesrats die Arbeit stark zurückgegangen. Da sie aber auch Militärdienst leistet und im Spitalbataillon 66 eingeteilt ist, wurde sie mit der Mobilmachung Mitte März in den Aktivdienst eingezogen. Nun verstärkt sie das Personal der Intensivstation in Baselland.

15:32 Uhr Das Personal hat einen Sichtschutz um eine Patientin, die auf dem Weg zu Besserung ist, aufgebaut. Sie ist vermehrt über kurze Phasen wach und wird nicht mehr über den Mund, sondern mittels einer Tracheotomie, also einem Luftröhrenschnitt, beatmet. Dies entlastet die oberen Atemwege und erlaubt es der Patientin, wieder zu sprechen. Weiter hat das Pflegepersonal eine Anzeige mit aktuellem Datum angebracht, um die Orientierung nach dem langen künstlichen Schlaf zu unterstützen.

Ein paar Tage später begleite ich dasselbe Team der Intensivstation erneut, diesmal auf einer Nachtschicht. Die Schicht beginnt um 19.00 Uhr und dauert bis morgens um 7.00 Uhr. Während draussen die Sonne untergeht, hält und streichelt eine Pflegerin die Hand eines bewusstlosen Patienten. Viele der Patienten liegen mittlerweile seit mehreren Wochen intubiert auf der Intensivstation, ohne die Möglichkeit zu sprechen oder Kontakt zu ihren Familien und Angehörigen zu haben. Deswegen muss das Personal, so gut es geht, auch für zwischenmenschliche Kontakte einspringen. Eine Berührung und ein wenig gut zureden ist für die Moral der Patienten nicht zu unterschätzen.

20:30 Uhr Das Fachpersonal des Bruderholzspitals probiert so gut wie möglich mit den intubierten Patienten zu kommunizieren. Oft sind es einfache Nachrichten der Dankbarkeit, welche die Patienten aus der Isolation an ihre Angehörigen vermittelt haben möchten.

23:30 Uhr Um eine Pause zu machen oder die Toilette aufzusuchen, muss das Fachpersonal die kontaminierten Zonen der Intensivstation verlassen, was wiederum durch die Schleuse passiert: Erstes Paar Latex-Handschuhe ausziehen und wegwerfen. OP-Haube ausziehen und wegwerfen. Schutzbrille ausziehen, mit Alkohol desinfizieren und in eine Nierenschale legen. Die Nierenschale mit Namen anschreiben. Gesichtsmaske mit höherer Schutzklasse ausziehen und ebenfalls in die Nierenschale legen. Gesichtsmaske mit tieferer Schutzklasse anziehen. Zum Schluss noch die Einweg-Überziehschürze inklusive zweitem Paar Latex-Handschuhen ausziehen und wegwerfen. Dieser mühsame Prozess ist notwendig, um das Personal zu schützen.

03:02 Uhr Trotz der wochenlang andauernden Schlacht zwischen dem Immunsystem und dem Virus haben viele der Patienten um 3 Uhr morgens etwas Schlaf gefunden. Sie werden nur noch durch das matte Licht der ständig rapportierenden Monitore beleuchtet. Für das Team der Intensivstation geht die Arbeit aber weiter. Das Virus schläft nicht.

04:00 Uhr  durch den wechselnden Geräuschpegel der Intensivstation dringt das Radio aus dem Pausenraum. Michael Stipe der Band R.E.M. singt «everybody hurts». Eine Gruppe aus Ärzten und Pflegepersonal hat sich um einen Tisch gesetzt. Sie tauschen Strategien und Tipps aus, wie man die Elastikbänder der Schutzmasken bei der langen Tragedauer am schmerzfreisten anbringt. 

06.45 Uhr die Ablösung der Tagschicht ist auf der Intensivstation eingetroffen, die Patienten werden übergeben, und der Krankheitsverlauf der vergangenen Nacht wird besprochen. Ich schäle mich aus meinen kontaminierten Schutzutensilien zurück in die blauen Spitalkleider, entferne die Speicherkarten aus meinen zwei Kameras und verpacke sie inklusive allen zusätzlichen Objektiven in einen Müllsack. Die Kameras und Objektive müssen die nächsten 72 Stunden in Quarantäne, bevor ich sie mit Alkohol säubern werde. Auf der einstündigen Autofahrt nach Bern bekämpfe ich die Müdigkeit mit lauter Musik und einem offenen Autofenster. Ich sehe wie die Landschaft entlang der A1 an mir vorbeizieht, inmitten einer Welt fest im Griff des unsichtbaren Feindes.

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Alex Kühni, geboren 1982, ist ein Berner Fotojournalist. Er reiste mehrmals in den Norden Iraks, um über den Krieg gegen den Islamischen Staat zu berichten. Ausserdem realisierte er Fotoreportagen im Libanon, in Gaza, der Ukraine, Tadschikistan, Kambodscha und Nordkorea.

Für seine Serie «Krieg der Sniper» gewann er 2018 den Swiss Press Photo Award. Neben seiner Arbeit als Fotograf unterrichtet Kühni an der Schule für Gestaltung Bern. Weitere Informationen und Fotos sind auf seiner Website zu finden: www.alexkuehni.com