Im Spitalzug nach Sibirien

Der Münchner Fotograf Emile Ducke hat ein fahrendes Krankenhaus begleitet, das abgelegene Orte in Sibirien medizinisch versorgt.

In einem engen Zugabteil analysieren die Ärztin Ljudmila Michajlowna Danilowa (l.) und ihre Assistentin die Daten ihrer Diagnosen.
 13. November 2016

Es gab eine Zeit, in der riesige Infrastrukturprojekte wie die transsibirische Eisenbahn gebaut wurden, um den fernen Osten Russlands mit den westlichen Regionen zu verbinden und ihm wirtschaftlichen Aufstieg zu bringen. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 wurde der wirtschaftliche Aufschwung im russischen Hinterland jedoch gestoppt. Heute mangelt es an Ärzten, und viele Bewohner haben keinen Zugang zu fachärztlicher Behandlung.

Bei Aussentemperaturen von bis zu –38°C warten die Patienten am Eingang des Registrierungswagens geduldig, bis sie an der Reihe sind. 12. November 2016

Die Patienten warten in den engen Gängen des Zuges auf ihre medizinische Behandlung. Der Klinikzug gibt ihnen die Möglichkeit, an einem Tag mehrere Spezialisten zu konsultieren. 09. Februar 2016

Elena Semina aus Kuragino wartet auf den Beginn ihrer Untersuchung. 10. November 2016

In diese Lücke fährt nun der Sankt-Lukas-Zug. Es handelt sich dabei um einen von derzeit zwei staatlich finanzierten Sanitätszügen, die in entlegene Städte in Zentral- und Ostrussland reisen. Der Name des Zugs bezieht sich auf Walentin Felixowitsch Woino-Jassenezki, der als Bischof Lukas und Arzt während des Zweiten Weltkriegs wie ein Heiliger verehrt und 1996 von der orthodoxen Kirche heiliggesprochen wurde.

Wladimir Pawlowitsch Kusmin reiste extra aus seinem kleinen Dorf in die Stadt Kuragino, um sich von den Ärzten im Sanitätszug untersuchen zu lassen. Am Ende des Tages wurde er per Funk kontaktiert, da eine Brustverletzung festgestellt wurde. 11. November 2016

Der Priester Igor aus Kuragino läutet die Glocken, bevor der Gottesdienst beginnt. Dieser wird von den Patienten vor und nach ihren medizinischen Behandlungen besucht. 11. November 2016

Der Sanitätszug ist zu Ehren des heiligen Lukas benannt, einem Priester und Arzt, der zur Zeit des Zweiten Weltkriegs in Krasnojarsk tätig war. Darum hat der Zug einen eigenen Kirchen-Waggon. 11. November 2016

Der Sankt-Lukas-Zug, den der Münchner Dokumentarfotograf Emile Ducke für seine Fotoreportage begleitete, hat eine Länge von 13 Wagen und ist mit einem Labor für Blutuntersuchungen und zahlreichen medizinischen Geräten ausgerüstet. Ausserdem führt er eine Zahnarztpraxis mit. Damit werden Städte und Regionen wie Krasnojarsk, Kemerowo, Irkutsk und Chakassien medizinisch versorgt.

Der Sanitätszug stoppt in Erbinskaja. 07. November 2016

Alexey leidet an den Folgen eines schweren Autounfalls. Seitdem ist er auf die Hilfe und Pflege seiner Mutter angewiesen. Die Therapien sowie die Versorgung mit Spezialmedizin sind in ihrem Wohnort eine grosse Herausforderung. 19. November 2016

Eine Gruppe von Rentnern gründete in der Provinzstadt Kuragino ein eigenes Fitnesstreffen. 16. November 2016.

Der Zug fährt zehnmal im Jahr die Strecke nach Sibirien und ist jeweils zwei Wochen unterwegs, um unterschiedliche Bahnhöfe zu bedienen. Auf jeder Reise sind es acht Stationen. Die Aufenthaltsdauer an einem Bahnhof ist selbstredend abhängig von der Bevölkerungsdichte und der Gesundheitsversorgung am Ort selbst.

Einst war im Städtchen Son eine starke Forst- und Landwirtschaft angesiedelt, Ende der 1960er-Jahre gab es dort fast 5500 Einwohner. Als die ersten Betriebe in den 1970er-Jahren geschlossen wurden, begann die Abwanderung: Seitdem ist die Bevölkerung um über 87% zurückgegangen. 24. November 2016

Ein Mann schöpft Wasser aus einer der Pumpen im Dorf. Nur wenige Häuser in Son haben fliessendes Wasser zur Verfügung. Der Sanitätszug wird in erst in einem Jahr wieder im Ort halten. 24. November 2016

Die Patienten warten in den engen Gängen des Zuges auf medizinische Behandlung und ihre Laborergebnisse. 13. November 2016

Die 17 Ärzte und ihre Assistenten im Zug untersuchen bis zu 150 Patientinnen und Patienten pro Tag, im Jahr 2016 waren es rund 15’000 Patienten. Die Spezialisten im Zug arbeiten eng mit den Ärzten an den diversen Stationen zusammen, sodass auch medizinische Langzeitbehandlungen gewährleistet sind.

Der Sanitätszug bei seinem Aufenthalt im Dorf Son. Die Dauer des Aufenthalts hängt von der Grösse des Dorfes ab – in Son (740 Einwohner) hielt der Sanitätszug einen Tag lang an. 6. November 2016

Diese Patienten sind auf dem Weg zum medizinischen Zug in Tuba, einem Dorf mit 58 Einwohnern. Ein Grossteil der Patienten kam aus den umliegenden Dörfern, um die Spezialisten im Zug zu konsultieren. 10. November 2016

Die Patienten melden sich an der Rezeption an, wo ihnen die Behandlungstermine mit den Ärzten zugewiesen werden. Die Behandlungen sind kostenfrei. 6. November 2016

Evgeny aus dem Dorf Son wird gerade einer EKG-Untersuchung unterzogen. Der Zug verfügt über alle notwendigen Geräte wie ein Labor für Blutuntersuchungen, EEG, EKG, Sonografie und ein Röntgengerät. 6. November 2016

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Der preisgekrönte Dokumentarfotograf Emile Ducke stammt aus München und wohnt zurzeit in Moskau. Mehr Informationen zu seinem Werk und Werdegang finden Sie auf seiner Website.

12 Kommentare zu «Im Spitalzug nach Sibirien»

  • Alfred Altorfer sagt:

    Was ist mit den Leuten, die 200 km von der Bahnlinie entfernt wohnen?
    Wir wissen nicht, wie gut wir es in der Schweiz haben!!
    Wollen wir etwas dankbarer sein?

  • Bernhard Jaun sagt:

    Bernhard Jaun
    Zum ersten Mal war ich noch unter Breschniev in Russland. Vieles hat sich nun geändert nicht alles zum Besseren,aber doch einiges. EIn solches Riesenreich zusammen zu halten und zu führen ist kein Sonntagsspaziergang.Kritisieren sollte man zuerst die USA die begeht mehr Menschenrechtsverlezungen.

  • Benno L. Tobler sagt:

    Ich bin zutiefst beeindruckt von der russischen Kreativität für die medizinische Versorgung ein fahrendes Spital als Zug in die abgelegensten Gebiete Sibiriens zu betreiben. Ein hervorragendes Beispiel mit wenig viel zu bewirken, Tag für Tag. Demgegenüber gibt es auch Länder in der Alpenregion Europas, wo mit sehr viel Geld mit abnehmendem Grenznutzen wenig bewirkt wird, ohne Daten über die Langzeitergebnisse.

  • Ronnie König sagt:

    Gefällt mir. Die rollende Kirche ist ungewohnt, aber verständlich. Der Glaube gibt mehr Halt wie Gangster à la Putin. Die USA haben auch so etwas in Form eines Spitalschiffes. Sah mal eine Doku dazu. China hat nichts in diese Richtung, dafür ständig Virenprobleme seit mehreren tausend Jahren. Früher gab es in dieser Region auch noch gratis Helis die einen zur Not in ein Spital bringen konnten, heute kann sich das nicht mehr jeder leisten. Es sieht hier nach wenig aus, aber es sind die Spezialisten die es ausmachen. Die fehlen meist in diesen unendlichen Weiten.

  • Mikojan-Gurjewitsch sagt:

    @ Fritz: Ich war ca. 20 Mal in Russland und teile Ihre Liebe zu diesem Land. Aber das Leben ist pickelhart, let’s face it. Von wegen mich da niederlassen würde ich es mir eher vorher als nachher überlegen… Vsjo! Prijatnogo vetschera Vam

  • Fritz sagt:

    Russland ist eines der freisten Länder der Erde! Ich bin oft und lange da unterwegs! Ein Traumhaft schönes Land man sieht die Vergangenheit, wie bei uns vor 60 Jahren und mehr….! Sehr berührend!
    Wann ich mir meine Existenz nicht hier aufgebaut hätte wäre ich schon sehr lange weg und nach Russland gezogen! :-)

    • Michael Trauffer sagt:

      Aber sie leben doch bereits in St. Petersburg?

    • Olivier Fuchs sagt:

      Es herrscht eine negative Freiheit: der Autofahrer bspw. fährt rücksichtslos über den Fussgängerstreifen, auch wenn ein Fussgänger sich anschickt, zu überqueren. Und dann die Korruption, der Repressionsstaat. Die Mehrheit der jungen Russen will in den ‚unfreien‘ Westen emigrieren.

  • Reto sagt:

    Interessante Bilder, vielen Dank. Zudem ist die Idee mit dem Spitalzug genial.

  • Stefan Siegrist sagt:

    Beeindruckend, wie sozial die russische Regierung ist! Da werden sogar in entlegene Regionen hochmoderne Spitalzüge geschickt. Das nenne ich einen Service Public in Randgebieten. Hut ab.

    • Michael Trauffer sagt:

      Und auch so sozial auch gegenüber politischer Opposition, Homosexuellen, freier Meinungsäusserung und Journalisten! Was für ein tolles Land…

      • Dominique Kim sagt:

        So so, Sie denken wirklich wir haben freie Meinungsäußerung im Westen? Und dass man frei Politik betreiben kann, so wie wir erst kürzlich in Deutschland gesehen haben, wo einfach per Druck von oben ein demokratisch gewählter Politiker degradiert wurde?

Kommentar

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