Kühe sehen uns an

Ursula Böhmers Bilder von Rindern muten an wie Porträts – oder abstrakte Gemälde.

Barrosã, Portugal, Alto Trás-os-Montes 2001 © Ursula Böhmer

Es ist, als würden sie einen mustern, leicht von oben herab. Schliesslich sind es auch nicht irgendwelche Rindviecher, die hier in die Kamera blicken, sondern Vertreterinnen von selten gewordenen Rassen mit Namen wie Barrosa, Normande oder Dølafe, und sie stammen aus Portugal, Frankreich oder Norwegen. Ein Zufallsfoto, das Ursula Böhmer fast im Vorbeigehen geschossen hatte, gab einst den Impuls für ihre jahrelange Beschäftigung mit Kühen. Die deutsche Fotografin hatte es 1987 aufgenommen, und der Blick jenes Tiers sollte ihren eigenen Blick verändern. Von 1998 bis 2012 fotografierte Böhmer Kühe in ganz Europa, grösstenteils vom Aussterben bedrohte Rassen, doch ihr Interesse war nicht primär ein naturschützerisches.

© Ursula Böhmer

Normande, Frankreich, Normandie 2000 © Ursula Böhmer

© Ursula Böhmer

Evolène, Schweiz, Berner Oberland 2010 © Ursula Böhmer

© Ursula Böhmer

Hinterwälder, Deutschland, Schwarzwald, 2002 © Ursula Böhmer

© Ursula Böhmer

Dølafe, Norwegen, Gudbrandsdalen 2008 © Ursula Böhmer

Das Besondere an der Serie «All Ladies» ist wohl nicht einmal die formale Strenge, sondern vielmehr die Haltung, welche die Fotografin den Kühen gegenüber einnimmt. Sie zeigt sie nicht von der Seite, wie sonst üblich, sondern Auge in Auge mit dem Betrachter, und es scheint fast, als sei nicht er es, der die Kuh anschaut, sondern umgekehrt. Und so wird auf diesen Fotografien aus dem Nutztier, das in der Regel irgendwann in einer Fleischtheke landet, ein Individuum mit Charakter.

Böhmer, 1965 in Aachen geboren und heute in Berlin wohnhaft, kombiniert in der Ausstellung «Die Kuh – Eine Feldforschung» die Tierporträts mit der Serie «Travelogue». Hier geht der Blick nahe heran, und zwar so nahe, dass Kuhfell und Körperformen zu einer Topografie werden, mit Hebungen und Senken, wie bei Hügelzügen oder Wüstenlandschaften. Mit Analogien arbeitet Böhmer sowieso des Öfteren: Sie fotografierte auch schon Eier von oben, sodass diese aussahen wie Planeten oder andere Himmelskörper.

Da manifestierte sich, wie bei den Kuhbildern auch, ein leiser Humor. Eine frühere Arbeit nannte Böhmer übrigens «Fotogravieh».

uboehmer_pressefoto

Ursula Böhmers stammt aus der Nähe von Aachen, der Dreiländer-Region, wo Deutschland an Belgien und die Niederlande grenzt. Hier begann sie auch ihr Projekt «Kühe in Europa» und bereiste daraufhin über mehrere Jahre den ganzen Kontinent, um alte Rinderrassen zu porträtieren. 2012 ist dazu die Publikation «All Ladies» im Kehrer-Verlag erschienen.

Die Ausstellung «Die Kuh – eine Feldforschung»
in der Leica-Galerie Konstanz dauert noch bis zum 15. Februar.

1 Kommentar zu «Kühe sehen uns an»

  • Gabriel Müller sagt:

    wunderbare Tiere. Ich kann jedem nur empfehlen, das Photographie-Handwerk mit Kühen zu üben. Diese Tiere sind so neugierig, dass sie einen stundenlang anschauen – und doch sind sie nie aufdringlich und laufen einem in die Kamera. Ideale Models.

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