So locker ist ­­das alles gar nicht

Auf den Bildern von Tony Ray-Jones ist das England in den späten Sixties mehr Traditionsbewusstsein als Rock’n’Roll.

«Mach keine langweiligen Fotografien»: Diesen Satz schrieb Tony Ray-Jones in sein Notizbuch. Zwar muten die Sujets des britischen Fotografen – Menschen bei ihren Freizeitaktivitäten – alltäglich an. Unspektakulär sind sie deswegen nicht. Ray-Jones’ Fotografien zeigen mehr als das, was sie abbilden.

1941 als Sohn eines Malers in Somerset geboren, studierte Tony Ray-Jones zuerst Grafik, bevor ihn ein Stipendium an die School of Art der Universität Yale brachte. Die amerikanischen Jahre waren entscheidend, vor allem die Bekanntschaft mit der Street Photography. Nach der Rückkehr in die Heimat begann sich Ray-Jones 1965 seinen Landsleuten zuzuwenden. Er fotografierte Besucher von Pferderennen, Schönheitswettbewerben, Musikfestivals. Seine bevorzugten Reviere waren die Orte, wo sich die Briten zu Feierabend und am Wochenende aufhielten: die Strasse oder die Strandpromenade.

Ray-Jones zeigt Menschen in Sonntagskleidung, die Krawatten und Frisuren sitzen, aber der Abfall auf der Wiese beim Pferderennen oder die Staubflecken auf den Schuhen der herausgeputzten Uniabsolventen scheinen zu sagen: Dieser Lebensstil hat sich etwas abgenützt, jene typisch britische Art zwischen leichter Spleenigkeit und starkem Traditionsbewusstsein.
Das Paar im Tanzsaal ist in die Jahre gekommen, ebenso die Herren vor dem Wohnwagen, die bei aller zur Schau gestellten Lockerheit etwas steif wirken. Gleichzeitig drängt sich die Jugend ins Bild: das Liebespaar, das sich auf dem Bootsausflug um keinerlei Etikette schert, oder die Besucher des Isle of Wight Festival, die kurzerhand auf die Bäume geklettert sind, um einen Blick auf einen gewissen Bob ­Dylan zu erhaschen.

«Fotografie kann ein Spiegel sein und das Leben wiedergeben, wie es ist», schrieb Ray-Jones. «Aber ich denke auch, dass es vielleicht möglich ist, wie Alice durch den Spiegel hindurchzugehen und mit der Kamera eine andere Welt zu finden.»
Das England der späten Sechzigerjahre, wie Ray-Jones es zeigt, ist zwar nicht gerade ein Wunderland. Aber ein verblassender Zauber wird auf diesen Bildern sichtbar – und auch, wie er gerade mit etwas anderem, Neuem vertauscht wird.

Ray-Jones, dessen Schaffen Fotografen wie Martin Parr geprägt hat, erlebte nur die Anfänge davon. Er starb 1972 an Leu­kämie, im Alter von 30 Jahren.

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Die Martin Parr Foundation in Bristol zeigt noch bis am 21. Dezember die Ausstellung «The English Seen by Tony Ray-Jones».

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