Im Kindergarten des Ozeans

Dank eines ausgeklügelten Unterwasserstudios kommen die kleinsten Meeresbewohner gross raus.

Echte Krake im Larvenstadium (Abdopus sp.).

Wer von Plankton redet, der hat meistens Wal- und Fischfutter im Kopf. Diese gigantische Biomasse, die oft unbestimmt bleibt und doch unersetzlich ist. Was da genau durch die Ozeane irrt (übrigens die wörtliche Übersetzung von Plankton: das Umherirrende), das interessiert viele gar nicht. Ryo Minemizu schon. Der japanische Unterwasserfotograf fokussiert seit über 20 Jahren auf Kleinstlebewesen und lichtet sie in Einzelporträts ab. Er zeigt Larven von Fischen, Krebsen und Wirbellosen, die in Extremfällen gerade mal 2 Millimeter messen.

Was Formen und Farben anbelangt, stehen diese Winzlinge ihren erwachsenen Artgenossen in nichts nach. Ganz im Gegenteil.

Krabbe im Megalopa-Stadium (Eplumula phalangium).

Kardinalbarsch im Larvenstadium (Gymnapogon sp.).

Qualle (Scolionema sanshin).

Cirrentragende Krake (Opisthoteuthis depressa). Zählt streng genommen nicht mehr als Plankton.

Seenadel im Larvenstadium (Corythoichthys amplexus).

Dass die jungen Lebewesen auf den Bildern so gut zur Geltung kommen, liegt auch an der Tageszeit. Minemizu fotografiert nachts, wenn im Meer eigentlich totale Dunkelheit herrscht. Eigentlich. Denn noch bevor die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, installieren Minemizu und sein Team bei Ebbe 30 LED-Lampen auf dem küstennahen Meeresboden. Dieses «Unterwasserstudio» sorgt während des rund vierstündigen Fotoshootings für eine optimale Beleuchtung, ohne das Verhalten der Tiere zu beeinflussen.

Damit das sensible Ökosystem nicht allzu sehr gestört wird, wechselt Minemizu ausserdem stetig den Aufnahmeort. Taucht er also an einer bestimmten Stelle, besucht er in der darauffolgenden Nacht eine andere.

Ein Bärenkrebs im Phyllosoma-Stadium reitet auf einer Qualle (Pandea sp.).

Garnele im Megalopa-Stadium (Anchistioides compressus).

Ein Schrift-Feilenfisch im Larvenstadium hat sich eine Krustenanemone, die ebenfalls noch im Larvenstadium ist, geschnappt.

Für seine Foto- und Filmaufnahmen hat Minemizu unter anderem Südostasien, Australien und die US-Westküste bereist. Die meisten Tauchgänge aber absolviert er noch immer in Japan, genauer in Okinawa und der Meeresbucht Suruga. Dort, am Fusse des berühmten Bergs Fuji, hat er sich im Jahr 1990 in die Unterwasserwelt verliebt. Nach einem Tauchausflug mit seinem ehemaligen Chef kündete er und liess sich zum Tauchlehrer ausbilden. Das Fotografieren brachte er sich selbst bei, was in der Zeit von Analogkameras und Film nicht ganz einfach war. Schliesslich konnte er nicht sofort kontrollieren, ob das Bild vom vorbeischwimmenden Tintenfisch nun etwas geworden ist oder nicht.

Kalmar (Abralia steindachneri).

Fadenmakrele im Juvenilstadium.

Staatsqualle (Enneagonum hyalinum).

Löcherkrake.

Zylinderrose im Larvenstadium.

Pazifischer Kalmar im Juvenilstadium.

Lange hat sich der Japaner vorwiegend auf wissenschaftliche Arbeiten konzentriert und so zum Beispiel zusammen mit Forschern über neue Entdeckungen berichtet. Da er seine Bilder einem grösseren Publikum zugänglich machen wollte, reichte Minemizu vor drei Jahren die Serie «The Secret World of Plankton» bei den Nikkei National Geographic Photo Awards ein – und gewann prompt den Hauptpreis. Seither hängen die Fotografien auch regelmässig in Galerien.

Natürlich beschränkt sich Minemizu nicht allein auf Plankton. Doch die winzigen Wesen haben es ihm angetan. Er sei fasziniert davon, wie sie trotz widrigster Umstände überleben und heranreifen. Denn obwohl sie Meeresströmungen und Fressfeinden praktisch hilflos ausgeliefert sind, haben die jungen Tiere natürlich im Sinn, eben nicht als Fischfutter zu enden.

Im folgenden Video sehen Sie, wie ein nächtlicher Tauchgang des Fotografen aussieht und wie er seine Begegnungen in Bildern festhält.

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Mehr zur Arbeit von Ryo Minemizu erfahren Sie auf seiner Website oder auf Facebook, Twitter und Instagram. Kunstdrucke und der Fotoband «Jewels in the night sea» sind hier erhältlich.

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