Monstren und Mutanten

Peter Beste zeigt uns die bizarre Welt der Metalkutten.

Am Anfang herrscht Leere. Jeans oder Leder, blau oder schwarz, viel Raum und doch so wenig Platz. Motörhead, Judas Priest, Angel Witch, Saxon oder Venom – welcher Aufnäher kommt wohin? Man muss sich entscheiden. Denn einmal aufgenäht, bei mir hat dies vor langer Zeit lachend die Mutter erledigt, ist es ein Bekenntnis für die Ewigkeit. Die Ewigkeit eines Teenagerlebens. Heute sind es zwar vor allem Erwachsene, die solche Metalkutten tragen. Eines ist aber gleichgeblieben: Der Platz für Patches bleibt beschränkt. Und immer noch geht’s um Abgrenzung und Identität. Das Eine ist ohne das Andere nicht zu haben. Früher gab es Patches nur in …

 … verrauchten Plattenläden zu kaufen, in taumeligen Krimskrams- Shops oder auf Jahrmärkten im hintersten Krachen. Vom Shopville im geschäftigen Unterbauch des Zürcher Hauptbahnhofs bis zum wackligen Stand auf der St. Galler Olma. Wer Glück hatte, ergatterte einen grossen Rückenaufnäher, den sogenannten Teppich. Er ist der ästhetische Schlussstein, wie in einem steinernen Rundbogen hält er das Gesamttableau zusammen. In einem spöttischen Kommentar über einfältige Gottesbeweise hatte Voltaire, der Philosoph der Aufklärung, bemerkt: Erstaunlich, dass die Nase exakt so gekrümmt ist, dass eine Brille drauf passt. Genauso verhält es sich in der wohlgeordneten Welt des Metal- Merchandisings: Grösse und Form jener Teppiche ist so bemessen, dass sie exakt zwischen die sich maskulin von der Schulter zur Taille hin verjüngenden Rückennähte der Jeansjacke passen.

Hunderte solcher mit Bandlogos zugepflasterter «Battle Vests» zeigt das Fotobuch «Defenders of the Faith» von Peter Beste. Im auf gleichförmigen Chic getrimmten Alltag von heute sind diese tragbaren musikalischen CVs kaum mehr zu sehen. Zu Abertausenden aber versammeln sie sich auf Metal-Festivals. Jenen kräftig beschallten, neoliberalen Wochenendparks, wo in Zeiten des Musikstreamings an finanziellem Umsatz eingespielt wird, was der zusammengebrochene Tonträgermarkt nicht mehr hergibt. Und hier liegt der Reiz des Fotobands. Ein überwältigender Strom von Bandlogos, die sich längst nicht mehr von denen der globalen Marken unterscheiden lassen, flankiert von Totenköpfen und barbusigen Frauen, Monstren und Mutanten, die umso entzückender wirken, je furchteinflössender sie sein sollen. In all dem verbirgt sich letztlich eine grosse Wahrheit über unsere Zeit: Indem keine der unzähligen Jacken gleich aussieht, gleichen sich alle wie ein Ei dem andern. Denn das wahre Glück liegt in der Wiederholung.

buch

Defenders of the Faith – The Heavy Metal Photography of Peter Beste

Sacred Bones – Verlag
288 Seiten, Englisch
ISBN 978-0999609941

4 Kommentare zu «Monstren und Mutanten»

  • Eliah Kmoter sagt:

    Oder es könnte heissen „Harte Jungs im Rapsfeld“

  • Lemmy Kay sagt:

    Schon der Buch- oder sonstwie Titel ist Unsinn. “ Monster und Mutanten“ wäre besser. Gerade die „Live-Fotos“ hier in der Vorschau sind schlecht geknipst und der anreißende Text hat viele unterschwellig verächtliche Nuancen. Hier fehlt die Empathie und das Handwerk. Kein Interesse! ;-)

    • Michael sagt:

      Die Verachtung ist besonders im letzten Abschnitt zu lesen. Metaller gleichen einander wie Hip-Hopper einander gleichen wie Jeans & T-Shirt-Träger einander gleichen. Und Emos. Und Hipster. Und Krawattenträger. Und Frauen mit langen glatten Haaren.

  • Markus Hardegger sagt:

    Geiler Text und geile Bilder!!! Vielen Dank.

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