Strassenkampf im Neonlicht

Der Schweizer Fotoreporter Alexander Kühni war hautnah bei den Protesten in Hongkong dabei. Die angespannte Lage hält an.

Polizeieinheiten rücken mit Tränengasgeschossen auf eine Strassensperre der Demonstrierenden vor.

Seit über einem halben Jahr dauern die Demonstrationen in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong an. Anfangs wehrten sich die Menschen gegen einen Gesetzesentwurf, der es den Behörden erlauben würde, von China verdächtigte und gesuchte Personen aus Hongkong an Festlandchina auszuliefern. Obwohl die Regierungschefin Carrie Lam mittlerweile den Entwurf zurückgezogen hat, ist allen klar, dass es in Hongkong um die Grundsatzfrage der Demokratie und den gegenwärtigen und künftigen Einfluss Chinas geht.

Eine Gruppe Demonstranten schützt sich mit Abschrankungen einer Baustelle gegen Gummischrotgeschosse der Polizei.

Selbst in Aussenbezirken wie dem im Norden der Innenstadt gelegenen Tai Po wird demonstriert: Polizisten der Bereitschaftspolizei bilden eine Schutzwand aus Schildern, um sich vor Wurfgeschossen der Demonstranten zu schützen.

An den Wochenenden demonstrieren tagsüber teilweise bis zu zwei der rund siebeneinhalb Millionen Einwohner Hongkongs. Sie beteiligen sich zumeist an friedlichen Protestmärschen. Die Nächte gehören hingegen weitaus kleineren Gruppen von meist jüngeren Demonstrierenden, die den Polizeikräften den Kampf angesagt haben.

Vorbereitung auf die Konfrontation mit der Polizei: Eine Gruppe Demonstranten zieht ihre Schutzausrüstung am Eingang einer U-Bahn-Station an.

Viele Polizisten haben die Scheiben ihrer Schutzhelme mit speziellen reflektierenden Folien beklebt, um die Augen vor Laserpointern der Demonstranten zu schützen.

Die oft sehr jungen Demonstrierenden fürchten sich vor Festnahmen, aus Angst, sich mit einer Anzeige die Chance auf eine Arbeitsstelle nach dem Universitätsabschluss zu verbauen.

Demonstranten werfen «Molotowcocktail»-Brandbomben in den Innenhof der Tsim-Sha-Tsui-Polizeistation.

Ein Polizist auf der von Touristen beliebten Einkaufsstrasse Nathan Road versucht eine Gruppe Demonstranten mit gezücktem Schlagstock zu vertreiben.

Das Flashmob-Prinzip: Die Demonstranten organisieren sich über soziale Medien in wenigen Minuten, um Verkehrsknotenpunkte mit Strassensperren lahmzulegen.

Vermummte Demonstranten mischen in den immer vollen U-Bahnen mit besorgten Pendlern.

Eine Gruppe Demonstranten in der U-Bahn. Oft sammeln sich die Demonstranten auf Plattformen der U-Bahnhöfe, um vor der Polizei zu entkommen und sich für neue Aktionen zu gruppieren.

Stadtangestellte evakuieren Mülltonnen bei einer Polizeistation auf Hongkong Island. Oft verwenden die Demonstranten Mülltonnen und Fussgänger-Absperrungen, um Strassenbarrikaden zu errichten.

Demonstranten sprayen Slogans gegen die Polizei an die Absperrungen vor dem chinesischen Verwaltungsgebäude.

Junge Demonstrantinnen überdecken ihre schwarzen T-Shirts mit weissen Regenmänteln. Nach den Demonstrationen und Ausschreitungen ziehen sich die meisten Demonstranten vor dem Heimweg um. Viele der jungen Demonstranten verschweigen ihren Eltern, dass sie an den Ausschreitungen teilnehmen.

Die Gruppen Jugendlicher, welche als Erkennungsmerkmal schwarze T-Shirts tragen, liefern sich immer verbittertere Strassenschlachten mit der Polizei, die bis in die Morgenstunden andauern. Sie sind getrieben von der Angst, Demokratie und Freiheit zu verlieren. Die Taktiken der Polizei wie auch jene der Demonstrierenden entwickeln sich von Tag zu Tag, und beide Seiten liefern sich ein materielles Wettrüsten.

So sieht man immer mehr Demonstrierende mit Helm, Gasmaske, Knieschonern und Metallstange durch die Nacht ziehen. Die Polizei von Hongkong hat im Gegenzug mobile Wasserwerfer angeschafft, um die wütenden Mengen im Zaum zu halten. Der Lärm von Molotowcocktails, Gummischrot und Tränengasgeschossen in den neongrell ausgeleuchteten Strassen der Mega-Metropole ist wohl ein Vorbote eines steinigen Weges für Hongkongs Zukunft.

 

 

222

Der in Bern wohnhafte Dokumentarfotograf Alexander Kühni ist weltweit in Krisen- und Kriegsgebieten im Einsatz. Er gewann am Swiss Photo Award 2018 für seine Serie über irakische Scharfschützen in Mosul den ersten Preis in der Kategorie «World». Weitere Informationen zu seinem Werdegang und seiner Arbeit finden Sie auf seiner Website www.alexkuehni.com

 

Kommentar

Die E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht. Die benötigten Felder sind mit * markiert.

800 Zeichen übrig

Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt.