Bevor sie wieder verschwinden

Woher kommen sie? Wohin wollen sie? Marco Zanoni blickt auf die Bühne des Alltags in der Altstadt von Bologna.

Einer heisst Torre Garisenda, der andere Torre degli Asinelli, und die beiden mittelalterlichen Türme sind das Wahrzeichen von Bologna; fünfzig beziehungs­weise hundert Meter hohe Sehenswürdigkeiten. Aber hoch­geschaut hat er erst am zweiten Tag. Weil er gebannt war vom Treiben auf den Strassen. 

Es war der ganz normale Alltag einer Stadt. Doch da war noch mehr. «Plötzlich sind die Leute aus dem Dunkeln getreten», berichtet Marco Zanoni. Die Strasse also als Bühne, auf der die Passanten ihren Auftritt haben – dieser Blick aufs urbane Leben ist die Geschäftsgrund­lage der ganzen Street Photography. In Bolo­gna allerdings, in jenen Tagen im vergangenen April, war obendrein …

… eine virtuose Bühnenbeleuchterin am Werk: die tief stehende Sonne, die ihr Licht in den Arkaden der Altstadt brechen liess und es spotförmig auf die Trottoirs und die Fussgängerstreifen setzte. Am Morgen und am Abend nochmals effektvoller als zur Mittagszeit.
Mehr als tausend Bilder nahm Marco Zanoni in drei Tagen rund um die Piazza Maggiore auf; von Einheimischen wie von Touristen. Es ist die unmittelbare Nähe zu all den Unbekannten, die auf den Bildern des Berner Fotografen so frappiert. Wo wollen sie hin? Und wo kommen sie her? Da werden Statisten zu Akteuren, da ragen ganze Biografien in die Bilder hinein und hinaus, und auch wenn wir vom Leben dieser Leute nie mehr sehen werden als diesen Ausschnitt: Diesen einen Moment lang, in dem die Sonne in den Strassen von Bologna ihr Schlaglicht auf sie wirft, bevor sie im Schatten wieder verschwinden, sind sie hier.

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