Das Sakrale in modernen Bauten

Architektonische Bauwerke faszinieren den französischen Fotografen Thibaud Poirier. Seine neue Arbeiten zeigen moderne Kirchen: Trotz kaltem Blick wirken sie geheimnisvoll.

Stella-Matutina, Saint-Cloud, Frankreich (Alain Bourbonnais, Thierry Bouts et Raul Vergez, 1965)

Touristen besichtigen auf ihren Reisen gerne alte Kirchen. Sie sind stumme Zeugen einer Zeit, in der Religion und Religiosität wichtige Säulen im Leben der Menschen waren und für deren Bau kein Aufwand zu gross war. Die Betroffenheit über den Brand der Notre-Dame in Paris zeigte eindrücklich, dass solche altehrwürdigen Bauwerke mehr bedeuten als blosse Architektur. Die gotischen und die barocken Kirchen verfügen offenbar über eine Aura, deren symbolische Kraft sich dem rationalen Zugriff entzieht. Der Franzose Thibaud Poirier hat sich in seinen Arbeiten immer wieder …

Saint-Jacques-le-Majeur, Montrouge, Frankreich (Erik Bagge, 1940)

Saint Joseph, Le Havre, Frankreich (Auguste Perret, 1956)

Notre-Dame-de-l’Arche-d’Alliance, Paris, Frankreich (Architecture-Studio, 1998)

St. Johann von Capistran, München, Deutschland (Sep Ruf, 1960)

Kirche am Hohenzollernplatz, Berlin, Deutschland (Johann Freidrich Höger, 1933)

Kapelle, Berlin, Deutschland (Axel Schultes and Charlotte Frank, 1999)

Herz Jesu Kirche, München, Deutschland (Sattler, Allmann et Wappner, 2000)

Resurrection of Christ, Köln, Deutschland (Gottfried Böhm, 1957)

Saint Ignatius, Tokyo, Japan (Sakakura Associates, 1999)

Saint Jean Boscot, Paris, Frankreich (Dimitri & René Rotter, 1937)

Grundtvigs Kirke, Kopenhagen, Dänemark (Peder Vilhelm Jensen-Klint, 1927)

Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, Berlin, Deutschland (Egon Eiermann, 1961)

Saint Moritz, Augsburg, Deutschland (John Pawson, 2013)

Notre Dame du Royan, Royan, Frankreich (Guillaume Gillet, 1958)

Notre-Dame de Créteil, Créteil, Frankreich (Charles-Gustave Stoskopf, 2015)

Notre-Dame-de-la-Salette, Paris, Frankreich (Henri Colboc, 1965)

… mit Architektur befasst. Da deren Wirkung am besten zum Tragen komme, wenn die Bauten nicht bevölkert seien, hat er etwa leere Bibliothekssäle aufgenommen, in denen nur die Tischlampen brennen.

Nun hat er 30 katholische Kirchen in 17 Städten fotografiert, nicht historische, von vielen kunstgeschichtlichen Deutungen überlagerte Bauwerke, sondern moderne, vorwiegend mit Beton gebaute Gebetshäuser. Diese leer vorzufinden, war weniger überraschend als der Effekt: In der nüchternen Perspektive auf das Kirchenschiff entwickeln die Farbbilder von Thibaud Poirier eine besondere Ästhetik.

Denn die Fotos entfalten trotz ihrer Sterilität einen Zauber, der erst beim zweiten oder dritten Hinschauen offenbar wird – als ob sich das Heilige aus dem strengen Korsett der Geometrie befreien müsste. Thibaud Poirier bringt genügend Geduld mit, um auf den entscheidenden Moment zu warten. Und dieser stellt sich dann ein, wenn nichts erwartet wird.

So schauen wir frontal auf den Altarraum, eine Zentralperspektive, welche durch die vertikale Dimension nach oben erweitert wird – so, als ob Gottes Wort nicht nur erhört, sondern auch erhöht würde. Diese doppelte Funktion des Glaubens kommt, so scheint es zumindest, zum Ausdruck in der aufs Wesentliche reduzierten Bildsprache von Thibaud Poiriers Fotografien.

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Der in Paris geborene Autodidakt Thibaud Poirier lebte längere Zeit in Buenos Aires, Houston, Montreal und Tokio und entdeckte in diesen Grossstädten seine Liebe für die Architekturfotografie. Mehr Infos zu seiner Perosn und seinem Schaffen finden Sie auf seiner Website und auf seinem Instagram-Acount.

22 Kommentare zu «Das Sakrale in modernen Bauten»

  • M. Seiler sagt:

    Geschmacksache. Alles dabei von halb restaurierten Führerbunkern bis zur U-Boot-Werft. Ich sehe keine Eleganz, gebe aber gerne zu, dass ich mit Betonklötzen wie der ref. Kirche Reinach oder dem Welt – Hauptquartier von Ruedi Steiner gar nichts anfangen kann.
    Die erträglicheren Klötze werden ja teilweise nicht einmal durch den Lichteinfall via Farbfenster wirklich schön; es ist halt nicht jeder ein Gaudi.

  • ralfkannenberg sagt:

    Es sind sehr schöne Bilder von modernen Kirchen. Ich liebe auch klassische Kirchen, aber die Auswahl zeigt, dass auch moderne Kirchenbauer sehr schöne Innenräume zu bauen imstande sind, die wohlfühlend sind.

  • Jessas Neiau sagt:

    Auch hier: Aussen hui, innen sehr pfui. Bei vielen Bildern wäre das sonst so gern gebrauchte Stichwort „Naziarchitektur“ sehr gut am Platz – wenn man nicht überhaupt gleich an Hollywood- oder sonstige Theaterkulissen denkt. Der wahre Skandal bleibt aber nach wie vor, was von dort vorne von Kanzel bzw. Altar verkündet wird – und wie sehr das im Gegensatz zur Vernunft und zur nunmehr beinahe 2’000-jährigen Kirchengeschichte steht.

  • barbara marty sagt:

    ich schliesse mich dem kommentar von ornella kieffer an – nichts spektakuläres. die bilder von thibaud poirier gefallen mir sehr viel besser, sprechen mich mehr an.

  • Jürg Steiner sagt:

    Die Gedächtniskirche am Anfang des Kurfürstendamms und die Kirche am Hohenzollernplatz in Berlin als katholische Kirchen zu bezeichnen, zeugt nicht von inhaltsbezogener Visite. Ausserdem sind die Bilder unspektakulär, man möge sich vielleicht mal meine ansehen: http://steiner.international/sacrale-vertikalpanoramen.html

    • s. schneider sagt:

      herr steiner ich habe soeben ihre fotos angeschaut, naja hübsch aber auch nicht wirklich berauschend. praktisch sämtliche bilder sind massiv tonnenförmig, wems gefällt?

    • Ornella Kieffer sagt:

      Ganz hübsch, Herr Professor, aber kein Mensch sieht so.

      • Veronica sagt:

        Erinnert mich am Besuch in der St. Galler kathedrale, lange her. Beeindrückend, aber ich hatte viel Mühe mit der Grosse und die Abstände warüber man sehen muss.
        War froh zu entdecken dass man mit Google Streetview in die Kathedrale herein gehen kann und mir mit meine 3D-Beschränkung hilft.

    • Arthur sagt:

      Herr Steiner: Ihre Bilder sind total verzerrt und geben in keiner Weise einen realistischen Einblick.

    • thomas sagt:

      finde diese bilder interessant und homogen. ihr link beinhaltet auf den ersten blick verzogene gewölbe aus beliebigen betrachtungswinkeln – was möchten sie mit diesen bildern mitteilen?

  • Hans Minder sagt:

    Die Bauten beinhalten allesamt eine „Schwere,“ die etwas an die Burgwirkung im Sinne der Romanik vermitteln. Wie wäre es mit der Pius-Kirche in Meggen (Luzern) oder der Thorncrown Chapel in Eureka Springs (Kansas)? Hier sind die Aussenwände bloss eine Leinwand um das Lichtspiel oder die Natur zu inszenieren….

    • Henry Taylor sagt:

      Die Pius-Kirche in Meggen ist wunderbar. Grossartig, wie das von aussen durch den Stein scheinende Licht im Innenraum eine enorme emotionale Wärme erzeugt. Moderne Architektur at its best.

  • thomas federlein sagt:

    Saint Moritz, Augsburg, Germany? Ernsthaft? In einer deutschsprachigen Zeitung? Nachdem man die Bildlegenden (s. vorangehenden Kommentare) extra noch manuell eingefügt hat?

    • Thomas Zawatzki sagt:

      Dass sowohl im Artikel als auch auf der Webseite des Fotografen die wohl schönste aller modernen Kirchen fehlt, die Sagrada Familia in Barcelona, ist fast schon ein Affront gegen einen der genialsten Architekten, nämlich Antoni Gaudí.

  • Vaterlaus Jürg sagt:

    Die Bilder sind sehr gut gewählt, doch wo ist die Legende. Meine Frau und ich im Seniorenalter sind nicht sicher, welche Kirchen wir auch schon besucht haben.
    Danke für die Bearbeitung einer Bildlegende.

  • Markus Schild sagt:

    Wunderbare bilder!
    Für meine nächste reiseplanung hätte ich gerne gewusst, wo diese bauten stehen, aber ich habe nichts zum anklicken gefunden.

  • Peter Stämpfli sagt:

    Wieso werden die Bilder nicht erläutert, wird nicht geschrieben, um welche Kirchen es sich handelt und wer die Architekten sind?

  • Guntern Andreas sagt:

    Mich nähme es Wunder, welche Kirchen es sind?

Kommentar

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