Überleben wollen sie alle

Er gehörte zu den Siegern, machte aber keine Siegerbilder: Im Frühling 1945 sah der russische Frontfotograf Valery Faminsky das zerstörte Berlin.

«So wie man 1941 in den Wald hineingerufen hat, so schallt es 1945 heraus.» Umgebung von Berlin, Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Eigentlich dürfte es diese Aufnahmen gar nicht geben. Jedenfalls die meisten davon. Valery Faminksy war Soldat, seinen Auftrag hatte er vom Militärmedizinischen Museum der Roten Armee, und er war ebenso klar wie begrenzt: Als Frontfotograf sollte er die Leistungen der Sanität dokumentieren. Das tat er auch, doch so viel Mitgefühl er für die eigenen Leute aufbrachte, für die Ohnmacht der Krankenschwestern und der Chirurgen, für das Leid der Verwundeten, für die Verzweiflung der Kameraden, die sie in die Lazarette schafften, mit zusammengebastelten Hundekarren und auf ihren eigenen Schultern – so viel Mitgefühl hatte er für die andere Seite.

«Eine Wunde bleibt eine Wunde, aber Arbeit bleibt Arbeit.» Berlin, Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Krieg, Frontstrasse nach Berlin. Ostdeutschland, April 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

April 1945: Faminsky stösst mit den sowjetischen Truppen gegen Berlin vor, am 22. erreicht er die Stadt. Was er dort einen Monat lang fotografiert, über seinen Auftrag hinaus, ist ein Grauen, das beide Seiten erfahren, ­Besiegte wie Sieger. Also keine Triumph­gesten auf dem Dach des Reichstags. Sondern dieselbe Not in den Trümmern. Und die gleiche Abgekämpftheit im Blick des so­wje­ti­schen Artilleristen wie in dem der Zivilistin, die vor der Spreeinsel ihre Ware ausstellt. So sieht Faminsky bei den Deutschen auch nicht jenes Untermenschentum, das die Propaganda gezeigt haben will. Sondern existenzielle Einsamkeit im Alltag des Kriegs.

Einlieferung eines Verletzten an der Evakuierungsstelle mit Hunden. In der Nähe der Seelower Höhen, April 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Der einzige überlebende Kämpfer einer Panzerbesatzung. Ostdeutschland, in der Nähe der Seelower Höhen, April 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Berlin, Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Berlin, Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Wallstrasse. Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Aufräumarbeiten zwischen Reichstag und Brandenburger Tor durch die Bewohner Berlins. Berlin, Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Berlin, Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Sowjetischer Artillerist. Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Berlin, Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Marchlewski-Strasse. Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Es ist kein Wunder, dass die Behörden von solchen Bildern nichts wissen wollten und sie unpubliziert blieben. Wohl aber eines, dass sie ein ukrainischer Fotojournalist namens Arthur Bondar 2016 entdeckte; durch ein Inserat, mit dem sie die Nachkommen des 1993 gestorbenen Fotografen verkaufen wollten. Insofern ist ihre Publikation nun wirklich, auch wenn das schnell gesagt ist, eine Entdeckung. Zu entdecken: ein Reporter, der sich nicht «einbetten» liess. Der seinen Anstand in dieser Hölle so wenig verlor wie den Blick für den Wert des menschlichen Lebens, den jeder Krieg noch vor der Wahrheit vernichtet.

Deutschland, April/Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Berlin, Mai 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Irenenstrasse. Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

«Der Krieg und die Kinder.» Ostdeutschland, April 1945 (ursprüngliche Bildunterschrift des Fotografen). Foto: © Valery Faminsky/Arthur Bondar’s Private Collection

Berlin Mai 1945-Valery Faminsky-Cover_01
Bildband: Valery Faminsky: Berlin Mai 1945. Verlag Buchkunst Berlin, Berlin 2018. 184 Seiten, 114 Bilder, etwa 60 Franken.