Bilder, die hängen bleiben

Was bleibt von der Bilderflut an der Photo 19 nach 90 Minuten Power-Betrachtung in Erinnerung?

Aus Peter Hunzikers «Tokyo Tales»

Über 250 Aussteller zeigen an der Photo 19, der grössten Werkschau der Fotografie der Schweiz, auch dieses Jahr wieder ihre besten Arbeiten. Die Vielfalt ist enorm, thematisch wie technisch. Und die Bilderflut überfordert in höchstem Masse. Es ist praktisch unmöglich, jeder Arbeit die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Was bleibt also hängen (und warum?), wenn man wie der durchschnittliche Besucher in knapp zwei Stunden durch die Hallen stürzt? Ein paar tolle Sachen, aber nicht nur.

«allo photo» 

Die meist recht schwurbligen Arbeitsbeschriebe verwirren und nerven tendenziell mehr, als dass sie Klärung bringen. Und aus Angst vor dem Banalen wird gelegentlich versucht, mit Worten Tiefe zu schaffen, die entweder nicht da ist, oder die es gar nicht braucht. Neue Wege geht das Projekt «allo photo» das unter dem Patronat von Visual Editors (Verband Schweizer Bildredaktoren und Art Buyers) entstand. Statt einer Textlegende gehört zu jedem der fünf Exponate ein Telefon, welches den Anrufer direkt mit dem jeweiligen Fotografen verbindet. Leider sind alle Leitungen besetzt und ich erfahre nicht, ob Fotografen besser reden als schreiben können. Trotzdem eine gute Idee. Ein erstes Highlight (wie auch das Bild von Désirée Good).

The Bar (Désirée Good)

Beat Schweizer – Unbekanntes Russland

Beat Schweizer dokumentiert seit 2012 den Alltag im zum Teil nur mit einer Sonderbewilligung zugänglichen Norden Russlands. Aufnahmen aus einer mir unbekannten Welt. Unbekannt ist fast immer gut, weil interessant. Klar, jeder könnte dorthin reisen und Bilder liefern. Aber eben nicht solche wie Beat Schweizer. Ein jedes ein Kunstwerk. Perfekt in Inhalt und Form, grandios komponiert – ich bin begeistert.

© Beat Schweizer

Im Eingangsbereich eines Fischladens. © Beat Schweizer

Ein Mann grilliert Schaschlik-Spiesse. Er erwartet Gäste zu seinem Geburtstagsfest und kam auf die Strasse, um die Fleischspiesse vorgängig zuzubereiten. © Beat Schweizer

Kurt Caviezel – «Surveillance Report» zum Thema Demenz

Videostills von Überwachungskameras aus einer Pflegestation mit demenzkranken Menschen. Sabbernde, zerfallende, orientierungslose Männer und Frauen, teils in Nahaufnahme. Echt jetzt? Ist vermutlich gut gemeint und will wichtige Fragen diskutieren. Ich lese den Text dazu: «Menschen werden auf Pflegestationen oftmals mit Videokameras überwacht, da eine 24-stündige Betreuung durch eine Person nicht möglich ist. Diese konstante Überwachung geschieht in guter Absicht. Doch ist eine solche Überwachung wirklich gut, zumal Videomaterial oft unverschlüsselt und somit sehr einfach zugänglich ist?» Ok, aber warum zensuriert der Fotokünstler Kurt Caviezel denn die Gesichter nicht? Eine Diskussion über Privatsphäre und Würde, und dann das? Seltsam. Schade, kann ich ihn nicht anrufen. Trotzdem muss ich auch nach Stunden noch an die Bilder und an all die Fragen, die sie aufwerfen, denken. Ziel erfüllt?

 

Dominic Nahr – Analog für die Republik 

Was für eine Wohltat nach all den Helgen in Überschärfe und quietschenden Farben: körnige, verwackelte Schwarzweissbilder! Dominic Nahr, Schweizer Fotograf des Jahres 2016, fotografierte für das digitale Magazin «Republik», wie zu alten Zeiten. Heute kann man diesen Look mit speziellen Fotofiltern sehr gut simulieren. Aber Nahr macht keine Tricks. Das sind alles echte #nofilter-Aufnahmen. Man kann dieses Zelebrieren des Analogen affig finden, wie Bands die 2019 klingen wollen wie Led Zeppelin 1972. Aber eine Band, die 2019 klingt wie Led Zeppelin 1972, ist trotzdem immer besser als zeitgenössischer, überproduzierter, aufgepumpter R&B – immer. Altes, echtes Handwerk: schon cool!

North Kawartha, Kanada, 2018. © Dominic Nahr

Nairobi, Kenya, 2018. © Dominic Nahr

Zürich, 2018. © Dominic Nahr

Zürich, 1.-Mai-Umzug 2018. © Dominic Nahr

Grey Hutton – Traces of Warmth

Wärmebilder von Obdachlosen. Kann man machen, aber mir wird nicht richtig warm ums Herz. Behinderte, Aussenseiter, Depressive, Obdachlose: beliebte Motive an der Photo 19. Wichtige Themen, ohne Zweifel. Aber irgendwie traue ich vielen dieser Arbeiten nicht ganz. Vielleicht, weil keine echte Anteilnahme spürbar ist. Bilder, die Nähe vermitteln wollen und doch distanziert bleiben.

© Grey Hutton

Sylvia Michel  

Und dann steh ich vor diesem Hund. Respektive am Berg. Was soll man da sagen? Und woher kommt dieser Impuls, mich über dieses mir doch recht fremde ästhetische Konzept lustig zu machen? Wie überheblich. Ich schäme mich ein bisschen und denke darüber nach, warum genau ich einen Hund vor dem Matterhorn belanglos finde und heroinsüchtige Transvestiten mich faszinieren? Ist doch grossartig und immer wieder interessant, dass Schönheit so verschieden empfunden und die Welt so unterschiedlich wahrgenommen werden kann.

© Sylvia Michel

© Sylvia Michel

Arthur Honegger & Henna Honegger – «Ach, Amiland»

Ob diese Bilder mir einen neuen Blick auf die USA gewähren, weiss ich nicht. Aber wurde eh nicht schon alles, in jeder erdenklichen Art, beschrieben, gemalt, vertont und fotografiert? Sicher ist, dass die verzweifelte Suche nach dem neuen Blick, der neuen Optik, bisweilen auch seltsame Blüten treibt. Das ist leider auch an der Photo 19 sichtbar. Nicht wenige Aussteller experimentieren mit Verfremdungen und Irritationen, die mir einigermassen sinnfrei erscheinen. Ich hetze weiter, es warten noch Hunderte Bilder auf mich. Nicht sehr viele werden so gut sein wie die des Ehepaars Honegger.

© Arthur Honegger & Henna Honegger

© Arthur Honegger & Henna Honegger

 

 

 

 

 

 

 

1 Kommentar zu «Bilder, die hängen bleiben»

  • Ismail & Rouge sagt:

    Ist das die Photo SCHWEIZ 19 Ausstellung? Das ist nur von 10. bis 14. Januar. Relativ kurze Zeit. Das ist vielleicht schade.

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