Ein Draht ins Jenseits

Geisterbeschwörung auf den Spuren eines Toten: Die Fotografin Virginie Rebetez hat das Gewerbe der Seher und Heiler im Kanton Freiburg konsultiert.

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Ob es wahr ist, was man ihr erzählt hat, oder höchstens eingebildet – die Frage hat sie sich geschenkt. Genau wie jene, ob sie selber daran glaubt. An Medien. An Geister. An die Möglichkeit, mit den ­Toten zu reden. «Ich habe», sagt die Fotografin, «die Aussagen als Geschichten akzeptiert.» Es sind Geschichten über die Geschichte. Und die war der Ausgangspunkt der Reise, die Virginie Rebetez unternommen hat: der Fall von Claude Bergier, angeklagt wegen Hexerei und verbrannt auf einem Scheiterhaufen in Freiburg. Das war 1628, die ­Akten des Justizverfahrens liegen seither im Archiv. Doch Ber­gier lebt, und zwar als Geist. Das jedenfalls hat Rebetez von den Geistheilern und Gesundbetern erfahren, von den Wahrsagerinnen und Seherinnen, die sie aufgesucht hat – mit dem Wunsch, für sie Kontakt mit Bergier aufzunehmen. Also haben sie ihr berichtet, was für ein Mensch er war, wie er aussah, wie er wohnte. Eines der Medien will sogar seine Schmerzen im Feuer nachgefühlt haben.

Fünf ihrer Gewährsleute hat Virginie Rebetez porträtiert, ­dar­unter Rasia Baumgartner in Plasselb mit ihren hochbegabten Papageien. Dazu kommen Utensilien, Praxisräume, Blicke in die Landschaft, schliesslich die Protokolle der spiritistischen Séancen, und all das setzt sich zusammen zum kühl schillernden Panoptikum einer gemeinhin verborgenen Welt. Die ist im Freiburgischen wohl wichtiger als andernorts: Die Geistheilerei gehört dort offiziell zu den «lebendigen Traditionen», zum kulturellen Erbe. Durchaus stimmig also, dass der Kanton Rebetez mit der aktuellen «Enquête photographique fribour­geoise» beauftragt hat, einem ­jedes zweite Jahr vergebenen Wettbewerbsprojekt, in dem Fotografen einem lokalen Thema nachgehen. Ergebnis: ein Buch und eine Ausstellung, zu sehen nach Freiburg nun in Zürich.

Dass man das Übersinnliche auch bei Rebetez nirgends zu Gesicht bekommt, ist kein grosses Wunder. ­Dafür spiegelt sie mit ihrer Arbeit zugleich das Medium, mit dem sie selbst arbeitet: Auch die Fotografie bezeugt Präsenzen, die nicht greifbar sind. Indem sie das Licht in Formen übersetzt, Visionen dingfest macht und Geschichten fabriziert.

Bildseite
Virginie Rebetez: Malleus Male­ficarum. BCU/Meta Books, Amsterdam 2018. D/E/F. 152 Seiten, 51 Bilder, etwa 55 Franken.
 
Ausstellung: bis 16. Dezember in der Zürcher Photobastei.

3 Kommentare zu «Ein Draht ins Jenseits»

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