Frisches Blut in der Arktis

Nichts für Romantiker: Henrik Saxgren ist mit den Inuit Grönlands auf die Jagd gegangen.

 

Theresia, Savissivik, Grönland.

Wer sagt denn, dass dort alles weiss ist? Weiss, weit und klar? Manchmal ist der Himmel schwarz wie Tusche, und die Wolken hängen so tief, dass sie das Eis fast berühren. Und dann explodiert plötzlich etwas blutrot. Ein Walross, ein Narwal, ein Eisbär, erbeutet und zerlegt von den Jägern, die den dänischen Fotografen Henrik Saxgren auf ihre Touren mitgenommen haben.

Inuit gehen auf die Jagd.

 

Olennguaq, Jäger aus Savissivik, sucht nach Spuren von Polarbären.

Thule heisst die Arktisregion im Nordwesten Grönlands, und womöglich ist es das gleiche Thule, das in der Antike den nördlichsten Norden markierte. Auch wenn es das Wissen schon gab, dass sie rund ist: Diese Gegend war das Ende der Welt. Und so sieht sie auch aus auf den Bildern. Für die Inuit ist sie die Heimat. Für Henrik Saxgren, mit seiner Kamera ansonsten vor allem südlich des Äquators tätig, war sie eine Mutprobe. Zugleich aber auch eine Art höhere Pflicht: «Schlimmstenfalls sind meine Aufnahmen das letzte Zeugnis jenes Lebens, das die vielleicht letzte Generation von Jägern im arktischen Eis führt.»

Der Jäger wartet auf seine Beute am ruhigem Meer.

 

Inuit-Jäger wirft eine Harpune an einem Narwal vom Kajak.

 

Am Ort des Schlachtens.

 

Nach der Jagd.

Gemeint ist der Klimawandel, aber auch die Umformung einer Gesellschaft, deren ganze Lebensgrundlage die Jagd war. Dieser Entwicklung stellt Saxgren seine Bilder entgegen. Sie erzählen von den Elementen. Vom Eis und vom Blut. Von Einsamkeit und Unwirtlichkeit. Der Fotograf nennt seine Jäger zwar Helden. Doch seine Bilder sind nie romantisch. Vielleicht sind minus 35, minus 40 Grad für Sentimentalitäten einfach zu kalt; wer hier draussen mit dem Aussenbordmotor oder der Nylonleine der Harpune hantiert, der verliert schnell einen Finger. Oder gleich zwei. Ja, Saxgren zeigt die Natur schroff und gefährlich. Eine Idee wie Nachhaltigkeit, schreibt er, schrumpfe hier auf sehr praktische Fragen: «Wie gross ist die Chance, dass wir es mit dem Fleisch heim schaffen, bevor das Eis bricht?»

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Henrik Saxgren: Ultima Thule.

Hatje Cantz, Berlin 2018. Englisch.

184 Seiten, 94 Bilder, etwa 100 Franken.