Ganz nahe am uralten Eis

Der italienische Krisenreporter Paolo Pellegrin blickt dank der Nasa aus nächster Nähe auf die bedrohte Antarktis.

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Im Bild: Endlose weisse Flächen, haushohe Eiskanten, zerfurchte Schollenlandschaften: Diese Bilder könnten von einem kargen Planeten stammen. Doch es ist unsere Erde. So friedlich diese Landschaft aussehen mag, sie ist die Ansicht eines Krisengebiets. Denn zwischen 60 und 90 Prozent des Süsswassers der Welt sind in den Eisschildern der Antarktis gefroren – und der südlichste Kontinent schmilzt. Langsam zwar, aber die Geschwindigkeit, mit der sich das Eis rund um den Südpol in Wasser verwandelt, hat sich seit 2007 verdreifacht. Nach neusten Berechnungen könnte dies bis Ende des Jahrhunderts zu einem Ansteigen des Meeresspiegels um 15 cm beitragen. Eine Katastrophe.

Der italienische Fotograf Paolo Pellegrin (54) kennt sich mit Katastrophen aus. Der mehrfach mit dem World Press Photo Award ausgezeichnete Reporter hat während der letzten 25 Jahre Bilder in verschiedenen Regionen der Welt aufgenommen, die von Krise oder Krieg geprägt waren. Der Magnum-Fotograf ist bekannt für eine düstere, metaphernreiche Bildästhetik voller Schwärzen und harter Kontraste. Aber ob seine Bilder aus Serbien, Palästina oder Afghanistan stammen: Sie sind immer voller menschlicher Anteilnahme. Selbst wenn sie Gewalt abbilden, strahlen sie Hoffnung aus.

Als Pellegrin die Gelegenheit hatte, im November 2017 als einziger Fotograf die Nasa-Expedition Icebridge bei landnahen Flügen über die Antarktis zu begleiten, zögerte er nicht, auch in dieser menschenleeren Landschaft jene Schönheit zu suchen, die gerade angesichts der Bedrohung ihre Dringlichkeit entfaltet.

Die Nasa setzt seit langem Satelliten ein, um Wetter und Klima aus dem All zu beobachten. Doch die Bilder, die ihr Icesat von beiden Polen der Erde schiesst, entstehen aus der Entfernung von 600 km. Die 2009 gegründete Mission Icebridge geht näher dran, meist beträgt die Flughöhe um die 500 Meter. Manchmal fliegen die Piloten in ihren mit Messgeräten ausgestatteten kleinen Flugzeugen sogar bis an die 30 Meter ans Eis heran. Pellegrins menschlicher Blick sah aus dieser Entfernung mehr, als Radar, Magnetometer und Gravimeter verzeichnen können. Er brachte noch nie gesehene Bilder nach Hause: Einsamer Eisberg treibt ins offene Meer hinaus, ein Riss klafft in der uralten Struktur des Schelfeises wie eine Wunde, die weiche Schneedecke deckt tröstlich und trügerisch das bedrohte Eis zu. Diese Bilder sind nun weltweit erstmals in Zürich ausgestellt.

Die Ausstellung ist vom 29.8–29.9 in der Bildhalle Zürich zu sehen.

Artist’s Talk: Paolo Pellegrin und Christian Brändle, 30.8., 19 Uhr.

3 Kommentare zu «Ganz nahe am uralten Eis»

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