Unterwegs mit Florette

So sieht das Glück aus, wenn es ein Mann fotografiert, der lieber Maler sein wollte: Das Musée de l’Elysée zeigt die Farbfotos von Jacques Henri Lartigue.

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Florette und Stéphanie, im Exotischen Garten von Monaco. (13. April 1964; Ministère de la Culture France/AAJHL)

Warum fotografieren? Um das Leben festzuhalten. Und zwar wörtlich: um es am Verschwinden, am Fortgehen zu hindern. So verstand es Jacques ­Henri Lartigue, der 1894 geborene und 1986 gestorbene französische Fotograf. Und wenn man sich die Farbaufnahmen aus seinem Nachlass ansieht, die das Elysée in Lausanne nun zeigt, dann kommt man nicht um den Eindruck herum, dass sich das Leben gern festhalten liess. Von ihm jedenfalls.

Es geht um jenes grossbürgerliche Leben, das er selbst führte; er wusste es von seiner besten Seite zu zeigen. Wobei der Mann gar nicht Fotograf, sondern Maler sein wollte. Doch während aus seiner Malerei nichts Rechtes wurde, erlebte er, als er schon fast siebzig war, in den 1960er-Jahren den internationalen Durchbruch mit seinen Fotografien.

Trotzdem verstand er sich weiter als Amateurfotograf. Und er hielt auch weiter all jene Glücks­momente fest, die zusammen die Bilderchronik eines privaten Daseins ergeben, das fast ein Jahrhundert überspannt. Es sind Besuche bei Freunden, zu denen Leute wie ­Picasso gehörten; Tage am Strand und in den Bergen, Ausfahrten mit offenem Verdeck, Stillleben mit Blumen und Kleidern, Spiele von Schatten und Mustern. Und immer wieder sind es Frauen. Florette vor allem, Lartigues dritte und letzte Frau; so wie hier am 13. April 1964, als sie vor einer Freundin aus dem Kakteendschungel des Exotischen Gartens von Monaco auftaucht.

 

Florette, Vence-Beausoleil. (Mai 1954; Ministère de la Culture France/AAJHL)

 

Florette in Picassos Villa «La Californie» in Cannes. (August 1955; Ministère de la Culture France/AAJHL)

Florette am Strand von Monte-Carlo. (1958; Ministère de la Culture France/AAJHL)

Kann man sich das gleiche Bild in Schwarzweiss vorstellen? Man kann, vor dem inneren Auge. Aber damit verlöre das Kleid von Florette seine Verbindung zu den roten Blüten im Dschungel; die Szene würde wohl aus dem Unbeschwerten ins Unheimliche kippen, und so merkt man auch, dass dieser vermeintliche Amateur mit dem geschulten Blick jenes Malers fotografierte, der er sein wollte: Farbe war für ihn keine blosse Zugabe zur Schwarzweissfotografie, sondern ein tragendes Element, mit dem er seine Aufnahmen komponierte.

«Werden Sie so funktionieren, wie ich es will, diese Farbfotos, sodass man ihnen all seine Illusionen anvertrauen kann? Die Illu­sionen, nichts zu verlieren, ­alles mitzunehmen, alles zu behalten? Werden sie, wenn sie aus dem Entwicklungslabor kommen, diese Schnipsel dessen, was ich sehe, höre, einatme, wieder zum Leben erwecken?» Das fragte sich Jacques Henri Lartigue 1957 in einer privaten Notiz, und er hatte Zweifel: «Ich werde mich hüten, der Sache auf den Grund zu gehen.»

Heute ist klar: Die Farbfotografie hat ihr Versprechen gehalten. Lartigue ist seit mehr als dreissig Jahren tot. Aber die Anmut und die Leichtigkeit, die er immer und überall suchte mit seinem Willen, seinem Talent zum Glück: immer noch da.

 

Bibi auf der Insel Saint-Honorat bei Cannes. (1927; Ministère de la Culture France/AAJHL)

Lartigue und Florette in den «Old Tucson Studios» in Arizona. (1962; Ministère de la Culture France/AAJHL)

Sylvana Empain in Juan-les-Pins. (August 1961; Ministère de la Culture France/AAJHL)

Florette in Megève. (März 1965; Ministère de la Culture France/AAJHL)

 

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«La vie en couleurs», bis 23. September, www.elysee.ch

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