Die Schweiz, wie sie einmal war

Der grossartige Fotograf Leonard von Matt wird wiederentdeckt – mit einer Ausstellung und einem Buch.

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Auswildern von Steinwild, ein Geschenk des Kantons Graubünden, auf Alpelen durch den Nidwaldner Berg-Club, Obertrübsee, Sommer 1954.


Unverbaute Landschaften, früh gealterte Kindergesichter und einsame Berggottesdienste: Die Fotografien Leonard von Matts im Museum Nidwalden rufen eine Welt in Erinnerung, die längst vergangen scheint. Doch das täuscht: Für unsere Eltern und Grosseltern war das von der Natur umrahmte Leben Alltag. In den letzten 50 Jahren hat sich die Schweiz stärker verändert als in den zwei Jahrhunderten davor. Johann Wolfgang von Goethe, der vom 6. auf den 7. Oktober 1797 im Hotel Krone in Stans übernachtete, würde sich heute kaum mehr zurechtfinden – in der von Leonard von Matt (1909 bis 1988) festgehaltenen Welt wohl schon …

«Titti Mietere» (Puppenmütter), 1940er-Jahre.

Dorfplatz, Stans, um 1940.

Landsgemeinde in Wil, Oberdorf, 29. April 1945.

«Grunggis-Hans», Hans Odermatt, Bergbauer und Sigrist in Wiesenberg, Dallenwil, 1940er-Jahre.

Die Sektion Titlis des SAC und der Nidwaldner Berg-Club feiern eine heilige Messe auf dem Gletscherfeld des Wendensattels oberhalb des Jochpasses, 1. August 1943.

«Vehzeichnig» (Viehschau und Prämierung) in Wil, Oberdorf, Oktober 1942.

«Vehhändler» (Viehhändler) am Schwingfest auf dem Allweg, Ennetmoos 1943.

Devotio, grosse Anbetung, Kapuzinerinnenkloster St. Klara, Stans, Ende 1940er-Jahre.

Leonard von Matt, zu Lebzeiten ein angesehener Fotograf, ist fast in Vergessenheit geraten – und dies, obwohl er mit seinen über 50 Bildbänden in die Reihe der grossen Schweizer Künstler wie Werner Bischof, Gotthard Schuh, Jakob Tuggener oder Paul Senn gehört. Der Autodidakt, ein Onkel des Germanisten Peter von Matt, entstammt einer künstlerisch hoch begabten Familie: Sein Vater war Politiker, Dichter und Dramatiker, sein ältester Bruder Bildhauer, Maler und Schriftsteller. Mit 28 Jahren steigt Leonard, der jüngste der vier Söhne, aus dem Familienbetrieb aus und macht sich mit seinem Anteil an der Buchhandlung und dem Verlag selbstständig.
Zusammen mit seiner Ehefrau Brigitte Hartmann-Lehmann geht Leonard von Matt zunächst in seiner näheren Umgebung auf die Suche nach fotografischen Sujets. So entsteht ein Buch über Uri und eines über Nidwalden. Was er in den Jahren zwischen 1936 und 1946 schuf, bezeichnete der Künstler, überkritisch mit sich selbst und seiner Arbeit, als «Minder-Waar».
>Dass es sich keineswegs um «Trainingsaufnahmen» handelt, kann man in der Ausstellung und dem Begleitband überprüfen. Die ausgefallenen Perspektiven, der spezielle Lichteinfall und das entscheidende Moment machen aus seinen Fotografien Ikonen ländlichen Daseins: demütige Nonnen im Kloster, gesättigte Männer bei der Landsgemeinde, übermütige Kinder beim Spielen. Intuitiv findet Leonard von Matt die richtige Dosierung zwischen Nähe und Distanz zu den Sujets. Die Betrachter fühlen sich weder bevormundet noch befremdet durch den fotografischen Blick, der eine Art gleichbleibende und geduldige Aufmerksamkeit für das verrät, was sich vor der Linse abspielt.
Wir sehen in diesen Bildern bereits den Beginn einer grossen Karriere: Zwischen 1948 und 1958 verbringt Leonard von Matt die Hälfte des Jahres in Italien, wo er Tausende von Fotografien macht. Zurück in der Schweiz, entwickelt er in seinem Haus auf dem Ennerberg die Negative für viele Illustrierten und seine aufwendig gestalteten Bildbände. Die nun publizierten Fotografien aus seinen Anfängen runden ein ausserordentliches Werk ab.

9783857918520
Leonard von Matt: Frühe Fotografien. Hg. von Brigitt Flüeler und Jos Näpflin. Limmat-Verlag, Zürich 2018. 172 S., 60 Fr.
Die Ausstellung in Nidwaldner Museum Winkelriedhaus in Stans läuft bis 14. Oktober 2018.

16 Kommentare zu «Die Schweiz, wie sie einmal war»

  • Esther Güdel sagt:

    Diese Bilder sind ein eindrückliches Zeitdokument. Schön anzusehen – aber uns ist bekannt, dass das Leben der Fotografierten oft alles andere als einfach war. Die seit 1936 in der Schweiz tätige Winterhilfe hat Ihren Bestand an Fotografien, die den Schweizer Alltag zeigen, (z.B. von H.E. Staub, W. Zeller) dem Schweizerischen Sozialarchiv überlassen (www.sozialarchiv.ch/?s=winterhilfe).

  • Peter Zbinden sagt:

    Ich erkenne in diesen Bildern überhaupt keine „schöne alte Schweiz“, wie sie hier von vielen heraufbeschworen wird. So nostalgisch die Fotografien aus heutiger Sicht wirken mögen, sie zeigen harte Realitäten: Eine Bevölkerung, von der grosse Teile auf die harte Arbeit in der noch weit weniger mechanisierten voralpinen Landwirtschaft angewiesen sind. Wirtschaftliche Dominanz von Alteingesessenen Vermögenden. Rigide soziale Kontrolle durch die katholische Kirche. Demokratische Entscheidungsprozesse, von denen die Frauen ausgeschlossen sind. Strikte Rollenmuster für Buben und Mädchen. Eine Welt, die fasziniert, aber in der ich nicht mehr leben möchte. Heute ist Nidwalden eine der wohlhabendsten Regionen auf dem Planeten. Es wird nicht alles schlechter sondern vieles besser.

    • Michael Schweingruber sagt:

      Danke Herr Zbinden für Ihren Kommentar.
      Es ist für viele ganz viel einfacher und bequemer die rückwärtsgewandte Sicht einzunehmen. Früher war alles besser, übersichtlicher etc. Diese verklärte Haltung resultiert aus der Überforderung mit der Gegenwart und der Unfähigkeit die Herausforderungen der Zukunft anzugehen.
      Ich bin, wie Sie auch, äusserst glücklich nicht einer Vorgängergeneration anzugehören. Gewalt, Missbrauch und Verdingung gehören heute glücklicherweise nicht mehr zum Alltag.

  • Sonia Chappron sagt:

    Frueher war es schon besser, man hatte weniger dafür mehr Zusammengehörigkeit und viel freundliche Leute . Die Schweiz hat viel verloren in den letzten Jahren. Hier geht es nur immer ums Geld…..Wir waren kürzlich am Blausee im Kandertal. Wir kamen uns vor wie wenn wir in einem Arabischen Land wären, ringsum nur Fremdsprachen und kein Schweizerdeutsch. Schade, vor 50 Jahren war es super schön in die Berge wandern zu gehen. Die digitale Zeit ist schrecklich. In 50 Jahren gibt es keine Schweiz mehr und Gott sei Dank muss ich das nicht mehr erleben .

  • Bella Wunderlin sagt:

    Wahnsinn. Mir geht ein Stich durchs Herz. Ein Land, eine Nation, ein Original..Was haben wir gemacht aus diesem Land? Jetzt weiss ich definitiv, dass wir uns auflösen werden. Unsere Identität ist bereits verschwunden. Was folgt wir sein, dass wir unser politisches System für ein paar Silberlinge abwracken werden, dann die Lebensqualität, am Schluss sind wir „Sonderwirtschaftszone Alpraum“ mit Wohlstandsniveau Mali..Was für eine Tragik, alles dahin…

    • Oliver Grossen sagt:

      Frau Wunderlin, ich respektiere Ihre nostalgische Sicht, aber wie stehen sie denn dazu: keine Alters-& Hunterlassenenfürsorge, Verdingung, 7 Tage Woche und keine Ferien, Primat durch wenige wohlhabende Bauern und Industrielle, schlechteste Kaufkraft in ganz Europa, Frauen ohne Wahl-& Stummrecht, keine Krankenversicherungen, keine obligatorische Unfallversicherung, kaum Vorgaben für die Arbeitssicherheit, moralischer Schraunstock der Kirche, hohe Kinder-
      & Müttersterblichkeit, etc.

      Bei aller Kritik an der heutigen Zeit, es geht uns um Welten besser als damals!

  • Peter Aletsch sagt:

    Welches sind weitere wegweisende Bände, die den weitgehend verschandelnde Natur des Wandels zeigen? Mir kommt in den Sinn ALLE JAHRE WIEDER / SAUST DER ORESSLUFTHAMMER NIEDER. Und die Werke des Landschaftschuetzers Hans Weiss. Genutzt hat alles nichts, ausser der Zonierung. Aktuell baut man auf den Restparzellen Flachdach – Eigentumsbloecke mit dem Aussehen und Charme von Kühlschraenken.

    • Jürg Brechbühl sagt:

      @Peter Aletsch
      Meine Beobachtungen decken sich mit den Ihren. Dort wo ich aufgewachsen bin, hatten wir Anfang 80er Jahre Landreserven ausgeschieden. Die letzten Parzellen werden mit Eigentumswohnungsanlagen überbaut, die wie Hühnerställe aussehen und mit potthässlichen Gewerbebauten zubetoniert.
      .
      Ich denke, dass ohne Zonenpläne die Schweiz flächendeckend zubetoniert worden wäre. Heute ist das grenzenlose Verkehrswachstum das Problem Nummer 1.

  • Mart Weber sagt:

    In einer Generation hat man es geschafft unser Land vom Paradies in ein gewöhnliches Stück Land zu verwandeln – grenzenlose Einwanderung ist nur ein Stichwort!

    • Mark Schradet sagt:

      Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei der 70h Woche zu 20% Ihres heutigen Lohns.
      Und viel Erfolg auch mit dem eisernen Leiterwagen.

      • Jürg Brechbühl sagt:

        @Mark Schradet
        Sie spotten und stecken den Kopf in den Sand. Der Strauss weiss nämlich nicht, dass sein A. in der Luft ist.
        .
        Die Bilder von Matts stammen aus Anfang 50er Jahre. Die Konsumentenpreis damals waren ungefähr ein Achtel von heute, will heissen 13%. Wenn der Mart Weber also 20% soviel Lohn hätte und nur 13% so viel bezahlen müsste wie heute, so hätte er immer noch anderhalb mal so viel Kaufkraft wie heute. Das Benzin kostete damals 15 Rappen pro Liter. Aber die ganz allermeisten Sachen konnte man mit dem Velo erledigen, weil alles in der Nähe war.

    • Oliver Keller sagt:

      Oje, ein Ewiggestriger. Aber gut, auch die verschwinden.

  • Christian Hofstetter sagt:

    Immer wieder sehenswert, diese alten Fotos. Daran kann man ermessen, was sich in 70 Jahren alles verändert hat. Die Veränderungen sind atemberaubend und vor allem auch atemraubend. Die Leute waren verbunden mit der Natur, mit der Kultur, mit den Menschen. Heute kennen sie nur noch eine Verbundenheit: Zum Smartphone. Eigentlich pervers, wie der Mensch in so kurzer Zeit derart degenerieren konnte. Darum gelobet den alten Fotos, um sich ein Bild zu machen, was das Leben damals an wahren Schätzen feilbot.

    • van der Waerden sagt:

      Die guten alten Zeiten hat es nie gegeben. „Verbundenheit mit der Natur“ hiess vor allem „chrampfe“. Jeder, der damals gelebt hat, würde wohl lieber heute leben, auch wegen: Schmerzmittel für alle, kein Hunger, keine Kinderarbeit, Gleichberechtigung der Frau.
      Aber es kann natürlich immer noch besser werden !!

  • Rolf Hefti sagt:

    Immerhin: Unterschicht hungert nicht mehr .

Kommentar

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