Anpfiff in der Tundra

Nichts ist so trist wie ein Fussballplatz in der russischen Provinz kurz vor der Weltmeisterschaft.

Piñata für Kosaken: Mit Stöcken schlagen Kinder bei den traditionellen Kosakenspielen in Archonskaja in der russischen Republik Nordossetien-Alanien auf Strohsäcke ein. (18. März 2018, Eduard Korniyenko/Reuters)

Gottverlassen: Ob die orthodoxe Kirche oder der Fussballplatz im sibirischen Tjulkowo mehr Besucher anzieht, ist nicht ganz klar. (25. April 2018, Ilya Naymushin/Reuters)

Russischer Kraftakt: Ein Knabe in St. Petersburg trainiert an der Torlatte Klimmzüge. (7. Mai 2018, Anton Vaganov/Reuters)

Einmal wirst auch du ein Reiter: Hoch zu Ross passiert ein Mann das Goal auf dem Fussballplatz von Bolschaja Dzhalga in der Region Stawropol. (3. März 2018, Eduard Korniyenko/Reuters)

Spielverderber: Umgestürzte Tore liegen am überfluteten Strand der Wolga in Samara. (5 . Mai 2018, Maxim Shemetov/Reuters)

Eingerahmte Trostlosigkeit: Fussballplatz in Jewpatorija in der Autonomen Republik Krim. (10. April 2018, Pavel Rebrov/Reuters)

Projektionsfläche für grosse Träume: Kosaken sitzen vor einer im Goal gespannten Leinwand in Archonskaja, Republik Nordossetien-Alanien. (18. März 2018, Eduard Korniyenko/Reuters)

Rostiger Exportschlager: Ein Lada Niva des russischen Autoherstellers AwtoWAS steht hinter einem ebenso rostigen Tor im Sibirischen Tjulkowo. (25. April 2018, Ilya Naymushin/Reuters)

Hier spielt die Musik: Im Stadion aus Strohballen in Krasnoje in der Region Stawropol werden drittklassiger Fussball und ebensolche Musik gespielt. (22. Juni 2017, Eduard Korniyenko/Reuters)

Polysportive Einöde: Fussballtor und Volleyballnetz buhlen um Aufmerksamkeit am Ufer des Beljosees in der Republik Chakassien. (25. April 2018, Ilya Naymushin/Reuters)

Angriffslustig und siegessicher: Ein Kadett trainiert mit einem Holzschwert im Stadion der General-Jermolow-Kadettenschule in Stawropol. (9. November 2017, Eduard Korniyenko/Reuters)

18 Kommentare zu «Anpfiff in der Tundra»

  • Thomas Denzler sagt:

    Russland ist nun mal keine Fussball-Nation. Wenn eine Gemeinde etwas Geld hat, wir es in Ice-Hockey Plätz investiert. Je nach Region dauert der russische Sommer nur 2-3 Monate, dann folgt schon der erste Kälteeinbruch. Somit nachvollziehbar, dass Fussball nicht oberste Priorität geniesst. Zb Ekaterinburg, westliches Tor zu Sibirien heute Nachts -1°C, tagsüber + 10°C.
    Städte und Gemeinden in RU müssen ihre Inverstitionen genau planen, Wasser- und Heizungsversorgung, Strassenunterhalt, Personenverkehr, all das braucht finanzielle Kraft. Auch sind in RU die Steuern sehr tief, da bleibt nicht viel zum inverstieren übrig.

  • Lukas Müller sagt:

    Sehr schöne Bilder. Kinder, die fröhlich spielen, unbeschwertes, echtes Landleben. Von Tristesse keine Spur. Die dämlichen Bildunterschriften, die dem Betrachter vorschreiben, was er in den Bildern erkennen müsse, kann man sich getrost schenken.

    • Rudi Buchmann sagt:

      Eine Praktikanntin aus Bratislava hat mal zu mir gesagt, bei Ihnen in der Slowakei sei alles grau, trist und öd. Hier im Westen sei alles sonniger und heller. Dann sagte ich, aber es kann doch nicht sein, dass gleich auf der anderen Seite der Donau, also in Österreich, alles schöner und heller sei. Da meinte sie, doch so sei es. Hmmm, dann dachte ich – also denen kann man nicht helfen. Und tatsächlich, die junge Frau lebt jetzt auf der anderen Seite der Donau in Österreich und postet ständig fröhliche Bilder ihrer glücklichen Familie. Irgendwie ist doch alles eine Frage der Einstellung.

  • Marlise Grandjean sagt:

    Was will man damit sagen? Dass die westlichen Sanktionen den Russen aus der Misere helfen? Dass die Blockade von Northstream 2 die russische wirtschaft prosperieren lässt? Dass die WM propagandistisch torpediert werden sollte? Der Artikel ist eindeutig in der Kategorie „Russenbashing“ anzusiedeln. Russland braucht Unterstüzung nach Jahrzehnten der sowjetischen Katastrophe. Man denke doch bitte auch an die Menschen, die in diesem unendlich grossen, wilden und fragmentierten Land ein schweres Dasein fristen. Ein Herz für Russland und seine Menschen könnte man schon erwarten. Es ist immer die Bevölkerung, welche von solch destruktiven Aktionen geschädigt wird. Aber: Die Fotos sind mit ihrer verkaterten Lyrik voll gelungen. Jim Jarmush hätte seine helle Freude daran.

  • Peter Aletsch sagt:

    Noch einmal, damit alles klar werde. Quizfrage: “ …. ist ein Staat …, der zwischen dem Atlantik und dem Pazifik und nordwärts bis zum Arktischen Ozean reicht. Der Fläche nach ist er der …größte Staat der Erde. Er umfasst unterschiedliche Klimazonen (vom Polarklima bis zum gemäßigten Klima). Überwiegend boreales Klima mit langen, kalten Wintern und kurzen, heißen Sommern. Er liegt dreißig untersuchten Staaten bei der Produktion von Atommüll und Kohlenstoffmonoxid auf dem hintersten Rang.“ Antwort: Kanada. Zweitgrösstes Land, nach Russland. Im Index der menschlichen Entwicklung 10. Platz. Soziale Marktwirtschaft. Vermögen pro erwachsene Person 260’000 $ (Deutschland: 200’000).

  • Hans sagt:

    Trist am Ganzen finde ich vor allem das westliche Konsumopfer, das in den Bildern nur Tristesse sieht (Projektion?).
    Richtig ist natürlich, dass in der russischen Seele immer eine zarte Melancholie mitschwingt. Aber Tristesse ist etwas ganz anderes. Tristesse ist konsumwütiges Dauerblingbling, das jegliche Melancholie zu übertünchen versucht.

  • Oleg sagt:

    Krim gehört nicht zu Russland und das entsprechende Bild hat in der Reihe nicht zu suchen, obschon es der düsteren Situation in Russland ziemlich genau verspricht. Oder ist es aus der Sicht von TA egal, dass ein Teil eines unabhängigen Landes im 21. Jahrhundert annexiert wird?

    Sonst eine schöne Serie über die tatsächliche Situation im WM-Land. Naja, ist in all den Jahren nur schlimmer geworden.

    • Lukas Müller sagt:

      @Oleg
      Die Krim war seit Jahrhunderten russisch. Nur von 1991-2014, 23 Jahre lang wurde sie von der Ukraine besetzt und unterdrückt (Russisch verboten, ukrainische Todesschwadronen töteten Kritiker). 2014 konnte sich die Krim vom ukrainischen Regime befreien und sich mit Russland wiedervereinigen.

    • Lukas Müller sagt:

      @Oleg
      Die Krim war seit Jahrhunderten russisch. Nur von 1991-2014, 23 Jahre lang wurde sie von der Ukraine besetzt und unterdrückt (Russisch verboten, ukrainische Todesschwadronen töteten Kritiker). 2014 konnte sich die Krim vom ukrainischen Regime befreien und sich mit Russland wiedervereinigen.

  • Willem Lammers sagt:

    Ich war oft genug in Russland, um die hier gezeigte Trostlosigkeit zu erkennen. Zwei Strassen hinter den grossen Touristenattraktionen fängt sie an und hört nicht mehr auf. 100 Jahre Kommunismus und post-kommunistische Diktatur haben den Menschen das Interesse für die Pflege ihrer eigenen Wohnungebung ausgetrieben. Wenn alles allen gehört, gehört niemandem etwas, wozu soll ich mich dann kümmern? Ich habe in St. Petersburg gesehen, wie ein rostiges, kaputtes Tor durch ein wenig besseres ersetzt wird, ohne jeglichen Handwerkerstolz. Erst in den eigenen vier Wänden fängt die Sorgfalt an.

    • Lukas Müller sagt:

      Die trostlosesten Orte die ich gesehen haben waren deutsche und englische Kleinstädte. Heruntergekommen und mit einer geistigen Enge, die man mit den Händen greifen kann. Und von bierbechernden Bünzlis besiedelt. Russland dagegen mit seiner majestätischen, weiten Natur und märchenhaft schönen Städten ist herrlich.

  • Peter Aletsch sagt:

    Es kommen einem noch mehr Beispiele russischen Verfalls und Täuschung in den Sinn : 1. Die potemkin’schen Dörfer. 2. Als modernes Beispiel das geheime bewachte Depot voll von verrostenden Panzern bei Charkow in der Ukraine nahe der Grenze zu Russland. Einem gewissen Pavel Itin gelang es, einzudringen und photographisch zu dokumentieren. Ist auch in Google Earth zu finden.

  • Eva Dempsey sagt:

    Die Fotos sind toll, wenn auch einseitig. Einseitig in dem Sinne, dass sie praktisch ausnahmslos veraltetes, rostiges Material in karger Gegend oder mit deprimierenden Wohnblöcken im Hintergrund zeigen. Die Beschreibungen zu den Bildern dann sind ohne Ausnahme enttäuschend. Sie sind negativ und etwas herablassend. Ich war noch nie in Russland, aber ich bin überzeugt, dass es auch dort viel Schönheit, Kreativität und Frohmut gibt. Übrigens, wie würden dieselben Bilder wohl wirken, wenn die Aufnahmen in der sommerlichen Jahreshälfte gemacht wären, die Tore inmitten saftiger Wiesen und umrahmt von grünen Bäumen?

    • Peter Aletsch sagt:

      Ihre Meinung erwächst wahrscheinlich aus Mangel an Reise-Erfahrung und genauem Beobachten. Es genügt aber schon, von Basel aus so etwa eine Stunde per Bahn ins benachbarte Ausland zu reisen, um sich eine Kleinstadt, ein Dorf, einen Bahnhof dort anzuschauen. Für Europa wird man feststellen: BIP pro Kopf > 60’000$ – perfekt überall, +- 40’000 weitgehend gut, +- 30’000 notabler Abfall in der Provinz, +- 20’000 Löcher schon in den Hintergassen bekannterer Mittelstädte. Wie also soll man sich rostfreien Stahl und UV-beständigen Kunststoff in Gebieten mit 4’000$ Einkommen pro Jahr leisten können? Weiterer Faktor: Bürgersinn und Demokratie oder deren Fehlen. Autokraten werden das meiste in die Kapitale stecken und mittels Olympiaden etc. Prestige zu gewinnen versuchen.

  • Othmar Riesen sagt:

    Die Schweizer liieben solche Bilder. Sie bestätigen das Vorurteil, dass „ennet der Grenze Elend herrscht“. Dabei übersieht dieser Beitrag völlig, dass Russland bei weitem das grösste Land der Welt ist – und dass für jeden der hier gezeigten Fussballplätze 100 andere hätten gezeigt werden können, die den gängigen Normen entsprechen. Aber eben, das wäre gegen den Strich gegangen.
    Beste Grüsse
    O.R.

    • Peter Aletsch sagt:

      Unbegründete Hypothese. Der allgemeine Zustand eines Landes reflektiert sich immer auch im kleinen und lokalen. In der Schweiz ist der Zustand jeder öffentlichen Einrichtung wie Poststelle, Bahnhof, Schulgebäude, Schwimmbad fast immer perfekt und modern. In jeweiligem Abstand folgen die Nachbarlaender entsprechend dem 30, 40, 50% tieferen Einkommen. Wenn nur noch 10% verdient wird??? Die Plattenbauten in Aufnahme Nr. 5 aus der Krim habe ich genau so stellenweise auf Kuba gesehen. Wahrscheinlich wurden die Pläne übernommen. In Russland wird halt alles auf Moskau konzentriert,das gibt ein falsches Gesamtbild.

      • Othmar Riesen sagt:

        @Aletsch: Sie machen den kapitalen Fehler, dass Sie die klitzekleine Schweiz mit dem grössten Staat der Welt vergleichen. Wie kommen Sie dazu? Was für eine Arroganz! Und dass Sie Ihre Erfahrungen in Kuba anführen, ist gerade der Gipfel.
        Beste Grüsse
        O.R.

        • Peter Aletsch sagt:

          Es ist nicht der grösste Staat, China und Indien sind mit über 1 Milliarde grösser. Der grösste Teil Russlands ist im europäischen Teil konzentriert. Es gibt grundsätzlich keinen Grund, warum Russland nicht auf einen gleichen Stand wie Kanada kommen sollte, da Klima und Geographie sehr ähnlich. Normalerweise machen Foristen den Fehler, grössere Staaten als reicher zu betrachten („How did the USA become the richest nation on earth …?“). Sie machen den umgekehrten. Kuba war eben im Comecon, massiv von ihm beeinflusst und unterstützt, man sieht jetzt noch dort diese Erbschaft in Form von Positivem und Negativem. Ich erinnere mich noch genau an die Plattenbauten bei der Velo-Ausfahrt von Santiago de Cuba und bei der Einfahrt in La Coloma von Pinar del Rio her.

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