So macht der Luftdruck Wind bis Sturm

Auch ein idyllischer Tag auf dem Zürichsee kann wettermässig plötzlich dramatisch werden. Foto: Doris Fanconi

Es ist eigentlich alles ganz einfach. Die Natur hat gern am liebsten alles gleich. Drum möchte sie Berge abtragen und mit deren Geröll Täler füllen. Wenn am einen Ort mehr Luftdruck ist als am anderen, versucht die Natur verzweifelt, dieses Elend auszugleichen. Und wie kommt unterschiedlicher Luftdruck überhaupt zustande? Zum Beispiel so:

  1. Die Sonne scheint an einem schönen Sommertag auf den Zürisee und das dünn besiedelte rechte Ufer bei Herrliberg. Frage: Was erwärmt sich schneller, Land oder Wasser? Denken Sie an Ihren ersten Tag in der Badi jetzt dann: Was ist wärmer, die Plättli auf dem Weg zur politisch korrekten 14-Grad-Dusche oder der See selbst?
  2. Genau, das Land erwärmt sich schneller, Wasser ist ein guter Wärme- oder Kältespeicher. Und auf die Luft über Land und Wasser wirkt sich das natürlich aus, wenn drunter eine Heizplatte oder ein Kühlschrank steht. So kommen wir zu
  3. Dass wärmere Luft leichter ist als kalte, handeln wir unter «Ischeso» ab. Sonst gäbe es keine Heissluftballone oder Segelflieger, die Strassen würden im Sommer nicht flimmern, und alle Abgase aus Kaminen würden nach unten fallen – das wäre unangenehm. Kurzum: Über dem Land steigt die Luft auf, über dem Wasser sinkt sie ab.
  4. Angenommen, wir haben ein Barometerli auf dem Schiffli und eines an Land. Wo wird der höhere und wo der tiefere Luftdruck angezeigt? Stellen Sie sich vor, wie am einen Ort die federlileichte Luft in die Höhe entschwindet – und am anderen Ort die schwere Kaltluft nach unten drückt.
  5. Genau, über dem Wasser liegt ein kleines Hoch, über dem Land ein kleines Tief. Deswegen gibt es den Seewind. An schönen Sommertagen kommt sowohl in Thalwil wie auch in Horgen der Wind vom See her – und wir lernen: Der Wind weht immer vom Hoch ins Tief, weil er wirklich gern den Luftdruckunterschied ausgleichen möchte.

Ohne Gewitter kein Sturm? Schön wärs!

Damit wissen Sie fast alles. Und wir sind vorbereitet, damit uns nicht das passiert, was diesen Menschen passiert ist am 4. April, als «Kanuten im Sturm auf dem Bodensee gerade noch rechtzeitig gerettet» werden konnten, wie das Presseportal berichtete: 

Wäre es Hochsommer gewesen, hätte es den halben See versenkt. Es ist der typische Fall, auf den selbst manche Meteorologen gern hereinfallen: An Tagen, an denen Gewitter kommen sollen, aufs Gewitter warten und bei blauem Himmel dahindämmern, weil ja nichts auf dem Radar zu sehen ist. Trugschluss: ohne Gewitter kein Sturm. Und um 14 Uhr an jenem Tag sah alles noch so gemütlich weit weg aus, wie ein Blick auf die Karte zeigt. Und der Himmel war nicht nur am Bodensee noch ganz wunderbar sonnig, sondern praktisch in der gesamten Schweiz.  

Aber: It’s the Luftdruck, stupid – sah man die Werte von 14 Uhr, erkannte man einen für diese kurze Distanz (im Normalfall sind das 1 Hektopascal, hPa, auf diese Strecke) gigantischen Luftdruckunterschied zwischen Möhlin AG mit 1009 hPa gegenüber 1001 hPa in Konstanz am Bodensee (Mouseover oder Klick – bitte die 1400er-Zahlen nicht beachten, das sind Bergstationen, da wird anders gerechnet, darüber ein anderes Mal).

Der ewige Gleichmacher

Das bedeutete unmittelbare Sturmgefahr. Sie wissen noch von vorher: Die Natur will Unebenheiten ausgleichen, und die Windstärke ist einfach eine Funktion des Luftdruckunterschieds – je grösser auf kurzer Strecke, desto stärker der Wind – und wo das Gewitter ist, ist dabei völlig wurscht.

Ach ja, am Sonntag wehte ja der Föhn weit ins Mittelland hinaus. Schauen Sie mal, wie der Luftdruck war (bei Bedarf in die Kantone via Menü):

Genau. Tessin 1012, Zürich 1003. So geht das mit dem Föhn. Und warum kommt der Föhn nicht mehr weiter von Zürich in den Aargau oder womöglich bis Basel?

Denken Sie nach. Sie wissen jetzt alles.

17 Kommentare zu «So macht der Luftdruck Wind bis Sturm»

  • Hotel Papa sagt:

    Das mit der kleinräumigen Thermik ist einfach einzusehen. Was mir nach wie vor nicht klar ist:
    .
    Wie kommen die grossräumigen Druckunterschiede zustande, die uns die Grosswetterlage bescheren? Ist das der gleiche Mechanismus, länger dauernd und grossräumig.?

  • Sonja sagt:

    Liebe(r) Ursel
    Im Heissluftballon ist kein Gas, sondern wie der Name schon sagt: heisse Luft.
    Die Luft wird durch das Feuer (hier kommt das Gas ins Spiel-> Gasbrenner=> Feuer) erwärmt. Da diese warme Luft weniger dicht(also leichter) wie die kalte Umgebungsluft ist, steigt diese.
    Gern geschehen.

  • Christian B. sagt:

    Danke, Herr Kachelmann. Gerne verwende ich diesen Artikel für den Unterricht in der Sekundarschule. Deutschunterricht (Zeitungsartikel) verständlich mit Naturwissenschaften kombiniert: Der Artikel ist didaktisch gut aufgebaut und fördert die Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler auf verschiedenen Gebieten. Danke und weiter so!

  • A. Vonrufs sagt:

    Guter Artikel

  • Martin Thalmann sagt:

    Kurz viel gelernt. Danke Herr Kachelmann

  • Martin Cesna sagt:

    Das sind hinterhältige Dinger!
    Hochdruckstürme sind das, weil halt das Tief und oder Hoch außerhalb der Sichtweite und Bildschirmweite des Meteorologen lagen.
    Blauer tollster Himmel, und dann Wind wie kurzfristig vor einem Gewitter, vielleicht auch noch böhig, aber KEINE Wolke zu sehen!

  • Markus Heinzer sagt:

    Dass ich mehrmals laut herauslachen muss/darf beim Lesen einer Kolumne und dabei noch etwas lerne, kommt nicht sehr oft vor. Danke! weiter so!

  • Michi Imhof sagt:

    Süffig erklärt, vielen Dank Herr Kachelmann!
    Ich hätte mir derartige Lehrer gewünscht während meiner Schulzeit, dann wär vielleicht was geworden aus mir…

    Man spürt die Freude und Leidenschaft am Fach.

    Obwohl mir die Materie bekannt ist lese ich gerne in Ihrer Kolumne, gerne weiter so.

  • Ursel sagt:

    O.k., habe ich verstanden! Aber mit einem bin ich nicht einverstanden: Im Heissluftballon ist doch Gas, oder? Und Gas ist leichter als Luft, auch wenn diese war ist. Liege ich falsch? Ich würde das gerne verstehen!

    • Jörg Kachelmann sagt:

      Grüeziwohl, nein, in einem Heissluftballon ist kein Gas, sondern heisse Luft, weil eine Flamme drunter ist (und unten kein Knopf im Ballon). In Gasballons (unten Knopf drin #ausgruenden) ist Gas, das leichter ist als Luft, diese sind aber selten geworden.

    • zysi sagt:

      Ich denke schon, dass mit Heissluftballon auch heisse Luft gemeint ist (das Brenngas, bspw. Propan, wird dazu verwendet, dass die Luft im Ballon heiss wird => heisse Luft = leichter wie Umgebungsluft).

      Es gibt aber auch Gasballons, da sind Sie dann mit Gas wieder richtig – wobei nicht alle Gase leichter sind wie Luft (gerade das Propangas ist doppelt so schwer).

    • Heinz Platter sagt:

      Im Heissluftballon ist heisse Luft. Gefüllt werden die Ballone jeweils Abends in den Parlamenten, wo die Parlamentarier diese heisse Luft tagsüber produzieren. Nach 20 Uhr ist sie gegen wenig Geld zu haben.

    • Urs Hunziker sagt:

      Im Heissluftballon ist heisse Luft und im Gasballon ist Gas. Darum muss der Heissluftballon immer wieder heizen.

    • Hotel Papa sagt:

      Und jetzt kommt der Pedant und sagt: Luft ist auch ein Gas, resp. Gasgemisch.
      *duckundwech*

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