Am Geisterflughafen

Fehlen nur noch die Flugzeuge und Passagiere: Der neue Flughafen Berlin-Brandenburg. (Fotos: Dominique Eigenmann)

Es gibt ja Berliner, die glauben gar nicht, dass es den neuen Flughafen überhaupt gibt. Sie haben längst den Überblick verloren, wann er nun endlich eröffnen soll, und erfinden ständig neue Witze, in denen Berlins Unfähigkeit, einen Flughafen zu bauen, zu Belegen ultimativer Coolness und Improvisierkunst verklärt wird. In einer sogenannten Volksbefragung stimmen sie sogar dafür, den alten Flughafen in Tegel ewig offen zu halten – selbst wenn dies juristischer und ökonomischer Irrsinn ist.

Berlin hat sich daran gewöhnt, den neuen Flughafen wie ein Gespenst zu behandeln: Man hat von ihm gehört, es gibt auch welche, die ihn schon gesehen haben wollen, aber so richtig weiss es niemand. Man glaubt an Walter Ulbrichts Satz, mit dem er den Bau der Mauer verbergen wollte: «Niemand hat die Absicht, einen Flughafen zu errichten.»

Menschenleere Gates und mikroskopische Bauarbeiten

Um den Eindruck zu zerstreuen, sind jüngst Journalisten eingeladen worden, den neuen Flughafen Berlin-Brandenburg zu besichtigen. Der Andrang unter den ausländischen Korrespondenten war so gross, dass längst nicht alle im Bus Platz fanden. Und siehe da: Es gibt ihn wirklich, den Flughafen im Südosten der Stadt. Mit kilometerlangen leeren Rollbahnen, akkurat aufgereihten Fahrzeugen für die Schneeräumung, mit menschenleeren und Hunderte von Metern langen Gates, mit fertig eingerichteten Terminals, Check-in-Schaltern und Ladenstrassen, in denen im Grunde nur die Passagiere und ihre Rollkoffer fehlen.

Journalisten zu Besuch beim BER.

Bauarbeiter sind kaum zu sehen, 39 von 40 Gebäuden sind ja auch längst fertig und betriebsbereit. Im 40., dem Hauptterminal, baut man eigentlich auch nicht mehr. Hier und da wird etwas repariert, wird ein Bildschirm ausgetauscht, der nie offiziell in Betrieb war. Ansonsten wird geprüft, ob alles funktioniert. Zum Beispiel die 78’000 Sprinkler der Brandschutzanlage. Es heisst, die Behörden gingen mit dem Mikroskop ans Werk, seit alle Welt weiss, wie heftig am BER geschlampt wurde. Wie Bauarbeiter sehen eigentlich nur die Journalisten aus, die in roten Überwürfen und Helmen durch die leeren Gebäude schlurfen.

Zurück ins Jahr 2012

Der Flughafen, der nach dem politischen Stadtheiligen Willy Brandt benannt ist, wirkt recht konventionell. Die Architektur ist zeitlos: Beton, Licht, Stein, Glas. Viel dunkles Holz verleiht den Räumen Wärme und ein wenig edles Flair. 2006 wurde mit dem Bau begonnen. 2012 sollte er erstmals eröffnet werden, die Einladungskarten waren schon gedruckt. Später stellte man fest, dass er damals erst zur Hälfte fertig war. Der Flughafen hat auch einen richtigen Chef: Engelbert Lütke Daldrup erklärt, warum im Oktober 2020 nun wirklich eröffnet wird. Über den Spruch eines Lufthansa-Managers, man würde den BER besser abreissen und neu bauen, schüttelt er den Kopf. Er beschäftigt sich längst mit dem weiteren Ausbau, der der Eröffnung gleich folgen muss.

Der chinesische Kollege, in dessen Heimat gigantische Flughäfen in drei, vier Jahren aus dem Boden gestampft werden, staunt über die Deutschen. Die Wiener Kollegin meint trocken: Der Flughafen sehe genauso aus wie bei der letzten Tour. Kurz vor der vermeintlichen Einweihung 2012.

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