Räuber der Herzen

Das Corpus Delicti: Fahrrad mit grünen Taschen. Mit diesem Foto startete Etienne Godard seinen Aufruf. Foto: Facebook

Diese Geschichte, so viel schon vorab, handelt nicht von dem, wonach sie sich anhört. In Castel Volturno, einem Badeort am Golf von Gaeta bei Neapel, ist vor einigen Tagen ein Velo gestohlen worden – ein robustes und staubiges, an dem vier grellgrüne Taschen hingen. Der Besitzer hatte es an einen schattigen Platz beim Strand gestellt, mit gutem Grund: In einer Tasche lag Mozzarella, und Mozzarella aus dem Casertano ist nun mal die beste der Welt. Er sprang ins Wasser, schwamm fünf Minuten, kam zurück, und das Rad war weg. Das kann einem überall passieren. Doch dass es in diesem spezifischen Fall ausgerechnet in Italien passierte, bei Neapel noch dazu, wirkt wie die ultimative Festigung eines Gemeinplatzes, wie die Kirsche auf dem Klischee.

Weg, mitsamt den Bildern und Filmen

Der Bestohlene, ein junger Arzt aus Frankreich, hatte nämlich gerade die halbe Welt umfahren auf seinem Velo mit den grünen Taschen. Etienne Godard war damit in China und Indonesien, er durchquerte Indien und die Türkei. 15’000 Kilometer insgesamt, in elf Monaten. Er reiste nicht allein, seine Verlobte war dabei. Sie übernachteten jeweils, wo es gerade ging. Mal zu Hause bei Leuten, die sie über «Warmshowers» fanden, einem Portal für reisende Radler, mal im Zelt, das sie mitführten. Man darf annehmen, dass sie neben Schönem und Aufregendem auch viel Wunderliches erlebten, vielleicht dann und wann auch Bedrohliches. Godard nannte die Reise das «Abenteuer unseres Lebens».

Eine Stadt, die sich ihrer Diebe schämt: Castel Volturno. Foto: Wikipedia.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die letzte Etappe vor der Heimkehr war also Italien, für ein leichtes Auspedalieren zur schönsten Jahreszeit, wenn die milde Herbstsonne noch ein letztes Mal zum Bad im Meer verführt. Am Strand der Baia Verde etwa, zur Mittagszeit, sorglos. Der Dieb trug auch das Handy, den Computer und die Kamera weg, auf denen das Paar die Bilder und Filme ihres grossen Abenteuers gespeichert hatten – für sich und für die daheim, die dann wohl zu langen Diaabenden eingeladen worden wären. Mit der Hilfe eines italienischen Freundes postete Godard einen Appell auf Facebook. Man möge ihm doch helfen, schrieb er, wenigstens den Inhalt der grünen Taschen zu finden, der habe einen immensen sentimentalen Wert. «Ich biete einen grosszügigen Lohn.»

Gemeine Gemeinplätze

Vom Rad? Bisher keine Spur. Doch in Castel Volturno sammeln sie nun Geld, um Godard ein neues und besonders schönes Gefährt zu kaufen, für 7000 Euro. Sobald genug zusammen ist, will der Bürgermeister den Bestohlenen einladen. «Im Namen der Stadt» wird er ihn um Verzeihung bitten. Kollektiv, als Versuch der Ehrenrettung. Zur Zeremonie wird der Bürgermeister dann vermutlich die trikolore Schärpe tragen. In den Zeitungen «La Stampa» und «Corriere della Sera» wurde der Dieb aufgefordert, das Rad sofort zurückzugeben. Die «Stampa» drehte für ihren Appell ein kurzes Video mit direkter Anrede: «Gib es zurück!» Der «Corriere» rät dem Unhold, es einfach wieder dahin zu stellen, wo er es entwendet habe – halt nachts, wenn er sich schäme. Es ist, als stehe der Ruf des Vaterlands auf dem Spiel, wegen eines Fahrraddiebs in Castel Volturno. Gemeinplätze sind eben auch dies: gemein.

Godard ist jetzt wieder zurück in Frankreich. Sein italienischer Freund hat ihm ein Mountainbike geliehen. Er lässt ausrichten, er habe so viel Solidarität erfahren, dass sein Herz ein bisschen in Italien geblieben sei. Zusammen mit dem Rad.

2 Kommentare zu «Räuber der Herzen»

  • Tofa Tula sagt:

    Sehr schoener und feinfuehliger Artikel.
    Zeigt, dass neben viel Schatten auch Sonne im Leben und im Herzen der Menschen scheint. Schade um das Velo und die Aufzeichnungen. Der Weg war das Ziel. Die Erinnerung ans Abenteuer ihres Lebens werden nie versiegen und den Beiden spaeter noch eine Quelle von Lebenskraft sein.
    Zeigt auch, dass sogenannte Bagatelldelikte das eben oft nicht sind, gemessen an den Auswirkungen.

  • Reisender sagt:

    Deutsche sind mit dem TukTuk aus Thailand nach Deutschland gefahren, in Frankreich wurden sie ausgeraubt. Also kein Einzelfall. Ich weiss, die grosse Welt ist so gefährlich – das sagen mir viele. Und wenn man dort unterwegs ist merkt man gar nichts davon. Viele Grüsse aus Zentralamerika.

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