Der Fall der Wiener Mauer

Eine 67 Meter lange und 80 Zentimeter hohe Mauer gegen Terroristen hätte den Ballhausplatz sicherer machen sollen: Blick auf die Baustelle. Fotos: Joe Klamar (AFP)

Er ist vielleicht nicht der schönste, sicher aber der wichtigste Platz in Österreich. Auf der linken Seite das Bundeskanzleramt im ehemaligen Palais des Fürsten Metternich. Rechts der Sitz des Bundespräsidenten in den barocken Schlafgemächern der Kaiserin Maria Theresia. Dazwischen: der Ballhausplatz. Eine asphaltierte Begegnungszone für Touristen, Beamte und Spitzenpolitiker. Manchmal ein Ort von Demonstrationen, manchmal von Staatsempfängen, stets der Weg für neue Regierungen, zu ihrer Vereidigung.

Nun aber teilt eine riesige Baugrube diesen Platz. Der Beginn des Aushubs war schon irritierend, denn man gräbt doch nicht einfach ein Loch in das Machtzentrum des Landes. Noch grösser wurde die Erregung, als bekannt wurde, wozu die Baugrube diente: für ein Fundament, auf das eine Mauer errichtet werden sollte. Nicht sehr hoch, nur 80 Zentimeter, aber sehr lang, von einem Ende des Ballhausplatzes zum anderen. Eine Barriere zwischen Bundeskanzler und Bundespräsident. Als das geklärt war, ging es mit der Fragerei aber erst richtig los: Warum wird sie gebaut? Wer hat das angeordnet? Und: Muss das wirklich sein?

«Ich war es nicht»

Auch die erste Frage konnte schnell beantwortet werden: aus Gründen der Sicherheit. Kein Terrorist soll seinen Wagen in ein Regierungsgebäude steuern können. Schwieriger wurde es mit der Suche nach den Auftraggebern. Denn so wie einst SED-Parteichef Walter Ulbricht wollte auch in Wien niemand eine Mauer bauen. Oder es zumindest nicht zugeben. Vor allem nicht fünf Wochen vor den Parlamentswahlen. Ich war es nicht, behauptete der bürgerliche Innenminister, der sonst stets gern Zäune und Mauern errichten lässt. Ich wusste gar nichts davon, erklärte der sozialdemokratische Bundeskanzler. Von mir kam die Idee nicht, sagte der ehemalige Bundespräsident.

«Wovor fürchtet sich die Regierung?»

Aber die Bauarbeiter gruben sich munter weiter quer durch den Platz. Wahrscheinlich würden sie noch heute graben, wäre da nicht die «Kronen Zeitung». Die grösste Boulevardzeitung des Landes hält zwar Flüchtlinge und Ausländer generell für eine Bedrohung der inneren Sicherheit, aber mit dem Mäuerchen auf einem historisch bedeutenden Platz konnte sie sich doch nicht anfreunden. Und noch weniger mit den Kosten von 1,5 Millionen Euro.

Also begann das Blatt eine Kampagne gegen die «Bonzen-Mauer» und liess die Leser fragen: «Wovor fürchtet sich die Regierung plötzlich so?»

Ideen für den grossen Graben

Weil Österreichs Politiker der «Krone» nun einmal hörig sind, war schnell Schluss mit der Graberei. Der Kanzler persönlich verfügte diese Woche den Baustopp. Nun soll ein alternatives Sicherheitskonzept ausgearbeitet werden. Der grosse Graben, der ist aber nun schon da, und so stellt sich die nächste Frage: was tun mit ihm?

Der Kanzler verfügte den Baustopp.

Ideen gäbe es genug, ein wahrer Wettbewerb der Kreativität ist auf Facebook und Twitter ausgebrochen: mit Wasser füllen und Klein Venedig bauen. Oder einen Pool mit Palmen und Bar machen. Oder, mit Blick auf den Sicherheitsaspekt, Krokodile aussetzen.

Während der Fall der Mauer zu Wien wohl noch länger die Gemüter erregen wird, knallen bei Österreichs kleinformatiger Boulevardzeitung die Sektkorken. Sie hat wieder einmal klargemacht, wo sich das wahre Machtzentrum des Landes befindet: nicht auf dem Ballhausplatz. Sondern im Redaktionshaus der «Krone».

5 Kommentare zu «Der Fall der Wiener Mauer»

  • Renate Garber sagt:

    In Zürich werden auf solchen Plätzen Sonnenschirme in den Asphalt geschraubt, die beim ersten Windstoss umstürzen. Die Wiener Kinder hätten Spass am Mäuerchen laufen gehabt. Trotzdem, liebe Leute, immer positiv denken! Dann haben wir immer etwas zu lachen.

  • Walter Scharnagl sagt:

    Wahrscheinlich hat ein Freund eines Politikers, welcher nicht gennannt werden will, ein Baugeschäft und brauchte einen Auftrag!

  • Bebbi Fässler sagt:

    Der „gelernte Österreicher“ wundert sich nicht über solche Gräberkrieger!
    .
    Ein „Weisungs-Beschluss“ eines unbekannten Minister fordert, das zum Titel „gelernter Österreicher“ der Bachelor und Master gemacht werden muss! Leider werden keine solche Studien in Österreich angeboten, Titel aus dem Ausland nicht anerkannt!

  • Roland Müller sagt:

    Mauern, wohin das Auge schaut. Trump baut eine Mauer zu Mexiko, Wien hat auch ein Mäuerchen, selbst Basel hat eine Tram-Wand.

  • Ruth Falk sagt:

    Wusste garnich, dass Wien in Schilda liegt, mein Atlas zeigts nicht so.

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