Karneval der Angst

  • Ferienende, Hitze, Alkohol... (Fotos: Oscar Alba)

  • ... und die Massen sind eine gefährliche Mischung.

  • Das massive Aufgebot der Staatsgewalt...

  • ... ist in höchster Alarmbereitschaft.

  • Hitze, Massen und ein Heer der Staatsgewalt: Kubanischer Karneval ist zum Fürchten.

Ausser die Kinder sind in Kuba alle froh, wenn die Ferien vorbei sind und im September die Schule wieder losgeht. Sommer in Kuba ist: über zwei Monate lang die Kinder zu Hause, die nie ins Bett wollen; Tropenhitze rund um die Uhr, auch nach Mitternacht noch über 30 Grad und eine gefühlte Luftfeuchtigkeit von 99 Prozent; die Ventilatoren schon im Juni ausverkauft; die Kühlregale in den Supermärkten kaputt oder halb oder ganz leer; die Busse an die Strände vollgestopft wie Sardinenbüchsen; das Meerwasser seichwarm. Irgendwann ist genug Sommer, die Menschen sind matt, oder gereizt.

Ausgerechnet in diese, für die kubanische Gemütslage nicht einfache Zeit fällt Ende August der Karneval – so quasi als Schlussbouquet zum Ferienabschluss. Ein Delirium tremendo, in dem sich alles zu entladen droht, was sich im langen, feuchtheissen Sommer angestaut hat. Tausende Tanz- und Trinkfreudige freuen sich darauf – noch mehr fürchten sich davor, bleiben zu Hause und schliessen Fenster und Türen.

Gigantisches Heer der Staatsgewalt

Der Karneval an der Uferpromenade Malecón ist ein beklemmendes Spektakel. Als wäre die Volksmasse ein hochexplosiver Sprengstoff, marschiert ein gigantisches Heer der Staatsgewalt auf, das jeden gefährlichen Funken sofort ausmachen und löschen muss. Polizisten, Spezialbrigaden, Eingreiftruppen, Eliteeinheiten, zivile Späher und Agenten der Staatssicherheit, deutsche Schäfer und andere Kampfhunde mit Maulkörben: Die Karnevalszone gleicht einem besetzten Krisengebiet. Die blau, olivgrün und schwarz Uniformierten bilden lange Kordons, die das Volk von den trommelnden und tanzenden Komparsen trennen. Die von Traktoren gezogenen Karossen, die mit ihren blinkenden Lichtern die Nacht erhellen und auf denen die Orchester und knapp bekleideten Tänzerinnen die Stimmung anheizen, ziehen auf der sechsspurigen Uferpromenade weit am Publikum entfernt vorbei. Das Festvolk wird in Schleusen und Sektoren geteilt und hinter Eisenzäunen auf Distanz gehalten. Niemand darf sich auch nur mit einem Arm darauf abstützen. Die Anspannung und Furcht, dass die Absperrgitter und mit ihnen die Stimmung kippen könnten, steht vielen Uniformierten ins Gesicht geschrieben.

Die Kubaner sagen: Nirgends zeigt sich die Angst der Regierung vor dem Volk so sehr wie am Karneval in Havanna. Armando, er hat 15 Jahre bei der Polizei gearbeitet, sagt: «Der August gilt im Kontroll- und Sicherheitsapparat als der heisseste Monat im Jahr, der Karneval wird als Risiko für die nationale Sicherheit eingestuft.» Das Ferienende, die Hitze, der Alkohol, die Massen, das sei in der Tat eine gefährliche Mischung. «Gute Nacht, wenn der allgemeine Unmut hier
einmal auf der Strasse ausbricht», sagt Armando. Aber bei diesem massiven Aufgebot der Staatsgewalt sei das praktisch unmöglich.

Horrorgeschichten vom Hörensagen

Unschöne Szenen sieht man am Karneval trotz allem. Doch die fliegenden Fäuste werden im Nu in Handschellen gelegt und Rabauken blitzartig aus der Masse entfernt. Dazu kommen jedes Jahr all die Horrorgeschichten vom Hörensagen: von Schlägereien, Messerstechereien, Abrechnungen mit Macheten, von Toten und Verletzten. Der ehemalige Polizist Armando sagt: «Kommt alles vor, aber selten am Karneval selbst, sondern danach, spätnachts, in den Quartieren.» Was, wo und wie oft ist unbekannt. In Kuba berichten die Staatsmedien nie über Verbrechen und die Regierung veröffentlicht auch keine Zahlen und Statistiken über Kriminalität.

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