Nachhilfe in den Ferien macht Schule

Wer keine Vorarbeit leistet, bremst den Lehrer: Schülerin in Peking. Foto: Jason Lee (Reuters)

In Peking gehen die Ferien zu Ende. Die Familie ist gerade zurückgekehrt. Wir verbringen die Sommerferien immer in Deutschland. Dort leben die Grosseltern, im Allgäu die einen, an der Ostsee die anderen. Und jedes Jahr stehen wir da mit offenem Mund: die Wiesen! Die Wolken!

Ich selbst bin schon seit drei Wochen zurück. Traf nach meiner Rückkehr den kleinen Ma, unseren Nachbarn. Was denn meine drei Kinder (sechs, neun und elf) so alles getrieben hätten in den Ferien, fragte er mich. Puh, sagte ich. Und wusste erst einmal gar nicht, wo anfangen: Haben flache Kiesel über einen Allgäuer Bach flitzen lassen. Von der Brücke in eben diesen Bach um die Wette gepinkelt. Fische gefangen. Hamsterkäfig gebaut. Dinosaurier besucht. Einen Cousin getauft. Einander die Köpfe eingeschlagen. Risiko gespielt. Den Eltern die Köpfe eingeschlagen. Ranglisten für Teigwaren (nach «Knatschheit») erstellt. Sind vom Dreimeterbrett gesprungen. Haben Lagerfeuer gemacht. Windsurfen gelernt. Die Grosseltern um den Finger gewickelt. Mit Heinrich Harrer («Sieben Jahre in Tibet») mitgefiebert. Die Eltern um den Finger gewickelt. Gelesen. Sich gelangweilt («Was kann ich maaachen?»).

«Ohne Hausaufgaben wären die Ferien vergeudet»

Ach, sagte der kleine Ma und seufzte. «Ihr Ausländer.» Seine Tochter Xiaoming kommt nun in die siebte Klasse. «Ihre Tante hat sie für ein paar Tage in die Provinz Yunnan eingeladen, schön soll es da sein.» Und? «Wie denn? Sie hat doch keine Minute Zeit. Sie lernt.» Da waren schon fünf der acht Wochen Sommerferien vorüber. «Bis heute hat sie es nicht einmal zum Essen zum Onkel geschafft», sagte Ma. «Und der wohnt hier in Peking, am Arbeiterstadion.»

Jeden Tag von neun Uhr morgens bis fünf Uhr abends besucht Xiaoming den Nachhilfeunterricht. Alle in ihrer Klasse besuchen den. Der Klassenlehrer verlangt es. Sie nehmen dort jetzt schon einmal den Stoff des nächsten Halbjahres durch. «Es ist klar: Wer jetzt nicht zur Nachhilfe geht, der bremst später den Lehrer. Der hat nichts zu lachen im nächsten Schuljahr.» 8000 Yuan kostet ihn die Nachhilfe, knapp 1000 Euro, eineinhalb Monatsgehälter. Montags bis sonntags Ferienschule. Sieben Tage die Woche. «Manchmal bringe ich ihr mittags Essen dorthin.»

Abends, wenn Xiaoming nach Hause kommt, warten die Hausaufgaben. (Als Chinas Regierung 2013 einmal versuchte, die Ferienhausaufgaben wenigstens für Erstklässler zu verbieten, da erklärte ein Lehrer aus Shenzhen: «Ohne Hausaufgaben würden die Schüler nur fernsehen. Die Ferien wären vergeudet.»)

40 Aufsätze schreiben

Also: In Mathematik Übungsblätter lösen. In Englisch das neue Lehrbuch abschreiben. In Chinesisch Aufsätze schreiben. Vierzig Stück. Wie bitte? «Doch, doch», sagte der kleine Ma: je zwanzig Aufsätze über «Die Reise nach Westen» und zwanzig über «Die Räuber vom Liangshan-Moor», klassische Romane aus Chinas Literaturkanon. «Gestern Abend fragte sie mich: ‹Darf ich heute mal Pause machen?› Es brach mir das Herz, aber ich erwiderte: Erst, wenn du fertig bist.» Meist ist es zehn Uhr abends, wenn Xiaoming den Stift aus der Hand legt. Naja, sagte der kleine Ma, zehn Uhr, immerhin. Wenn die Schule wieder losgeht, nächste Woche, wird sie wieder bis Mitternacht am Schreibtisch sitzen.

Während ich das hier schreibe, spielen in unserem Haus Kind eins und Kind zwei gerade Tipp-Kick. Jede Wette, dass in der nächsten Stunde einer zu mir kommt und fragt: «Was kann ich maaachen?»

11 Kommentare zu «Nachhilfe in den Ferien macht Schule»

  • Michael sagt:

    Also ich habe bei meinen Mädels auch immer sehr darauf geachtet, das die Ferien auch echte Ferien gewesen sind – vollkommen schulfrei. Wurde zugegebener massen mit zunehmendem Alter immer schwieriger, aber da hatten es meine Kinder auch schon selber verstanden, das man die beste Erholung in den Ferien ohne einen einzigen Gedanken an die Schule erreicht.

  • Werner Graf sagt:

    Das langfristige Ziel der Chinesischen kommunistisch/kapitalistischen Diktatur ist die wirtschaftliche und politische Vormachtstellung. Um dies zu erreichen ist nicht nur ein faschistoides Kontrollregime und das Fälschen der Geschichte notwendig, sondern auch und vor allem das Abrichten der zukünftigen Generationen.
    Es soll eine Amee von hochgebildeten aber kulturell verarmten Wirtschaftssklaven geschaffen werden. Mit dieser willfährigen Armee soll der Gegner in Grund und Boden gewirtschaftet werden.
    Geht es nach unseren Wirschaftskonservativen, so soll dies hier genau gleich werden. PISA Wettbewerb bis zur emotionalen Verkrüppelung, genau wie in China.

  • Doria Gray sagt:

    Es gibt auch nicht nur das schulische Lernen. Man kann mit den Kindern z.B. eine Rundreise durch verschiedene Länder machen und dabei etwa versuchen, gemeinsam ein paar Brocken der lokalen Sprachen zu verstehen oder wilde Tiere beobachten. Schulisches Lernen hingegen würde ich auf ein Minimum beschränken.

  • Robert sagt:

    Wer später mal ordentlich ausgebeutet werden soll, muss am besten schon als Kind richtig eingeübt werden.

  • Barbara Rüegger sagt:

    Viele, gerade asiatische Länder sehen nicht, dass spielen lernen ist. Sie denken immer, dass das vergeudete Zeit ist. Ich kenne das aus Indien und muss sagen, alle diese Kinder die lernen und lernen sind nicht besser oder intelligenter als Kinder in Europa, die in den Ferien spielen dürfen. Es ist ja sehr oft einfach ein Auswendiglernen des Stoffes und nicht ein wrikliches Nachdenken und selber herausfinden. Kinder werden nicht angeleitet innovative zu sein.
    Es bricht mir echt das Herz wenn ich so was lese.

  • Rolf Hefti sagt:

    Eine Frage bleibt, wie schaffen es Ihre Kinder trotzdem, in diesen chinesischen Schulen mitzuhalten und zu überleben ? Ps. Falls sie nicht im internationalen Jetsetinternat eingeschrieben sind – Natürlich !

  • Peter Wermelinger sagt:

    Schon etwas viel aber grundsätzlich richtig. Da muss man sich nicht wundern, dass China die verweichlichte westliche Spassgesellschaft überholt, wo nur noch Fun, nothing to do, Parties, Littering etc. zudem Frauenquoten, Selbstverwirklichung, Regelklassen, wo Schwache den Unterricht aufhalten, Transgender-Zeugs und noch vieles mehr an erster Stelle steht!
    Unsere Töchter haben wir in den Ferien ohne wenn und aber auch zum Lernen verdonnert, natürlich nicht so viel, aber 2 Wochen lang gab es äusserst strengen Nachhilfeunterricht in Fächern, wo die Noten unter einer 5 waren, was ein absolutes Nogo (ausser im Sport) ist. Die Kinder sehen das ein, wollen sie doch später viel Geld verdienen und ein sorgenfreies Leben führen.

    • romeo sagt:

      Hab ich die Ironie in Ihrem Kommentar verpasst..?

    • Peter Gut sagt:

      Ja genau. Nur mit viel Geld hat man ein sorgenloses Leben …
      Vieleicht sollte man bei Ihnen mal die KESB vorbeischicken, es sei den, ich habe, wie „romeo“, die Ironie nicht erkannt.

    • marsel sagt:

      Sie machen mir Angst, Herr Wermelinger. Ein sorgenfreies Leben? Hat doch niemand so viel zu verlieren wie Leute mit (zu) viel Geld. Und wenn Ihre Kinder selber mal KInder haben werden sie sich auch noch ständig Sorgen machen müssen wegen deren Noten unter 5.
      .
      Btw: Wie kommt es denn, dass diese lernbegierigen und perfekt konditionierten Kinder mehrere Noten (ich habe die Mehrzahl bemerkt) unter 5 haben? Das hatte nicht mal unsere, und die interessiert sich eigentlich gar nicht für die Schule und rührt in den Ferien keinen Finger. Und ein Genie ist sie auch kein bisschen.

  • Melanie sagt:

    Ich beobachte, dass die Ferien ohne Schule viel produktiver sind. Das Gelernte kann sich setzen und die Kinder haben nach den Ferien oft viele Fortschritte gemacht – sind reifer oder gelassener geworden, haben Gelerntes umgesetzt.

Kommentar

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