Tiflis – ein Museum der Hoffnungslosigkeit

  • Mit solchen Fotos wird die georgische Hauptstadt in Reisekatalogen angepriesen. Foto: iStock

  • Geht man näher ran, sieht es dann so aus. Foto: iStock

  • Oder so. Foto: iStock

  • Auch hier wohnen noch Menschen. Foto: Bernhard Odehnal

  • Alte Stadt (vorne), Neuer Präsidentenpalast und Kathedrale (hinten). Foto: Bernhard Odehnal

  • Stahlträger halten die Häuser aufrecht. Foto: Bernhard Odehnal

  • Die Autos sind neu, die Häuser verfallen. Foto: Bernhard Odehnal

  • Wer gerade an der Macht ist, verewigt sich gerne mit exzentrischen Bauwerken wie der neuen Konzerthalle. Foto: iStock

Jetzt also Tbilisi. Die Hauptstadt Georgiens (mit deutschem Namen: Tiflis) soll die derzeit coolste Destination für Städtereisen sein. The place to be – raunen die sozialen Medien: traumhafte Stadt, spannende Architektur, nette Menschen, gutes Essen. Vom Aufbruchsgeist im «nächsten Berlin» schwärmte unlängst die «Zeit».

Solche Hymnen wären aus georgischen Mündern nicht überraschend. Die Georgier sind in aller Bescheidenheit davon überzeugt, dass sie in der Wiege der Zivilisation leben, der Gott das beste Essen und den besten Wein schenkte. Da ist es naheliegend, dass sie auch ihre Hauptstadt als grossartiges Gottesgeschenk wahrnehmen.

Wer freilich nicht mit diesem Glauben aufgewachsen ist, wer also aus dem Ausland kommt, der muss schon eine sehr dicke rosa Brille aufsetzen, um Verfall und Depression auszublenden. Am besten setzt man diese Brille gleich beim Ausgang des Flughafens Tiflis auf. Denn schon die Fahrt ins Zentrum ist eine Reise zurück in der Zeit. Erst geht es in halsbrecherischem Tempo vorbei an monumentalen Shoppingcentern der 2000er-Jahre, dann an den Villen der Oligarchen aus den 90er-Jahren, an Plattenbauten der 70er- und 80er-Jahre und zuletzt an den grauen Wohnsilos der Chruschtschow-Ära. Auch die Menschen wirken hier wie Überbleibsel einer längst vergangenen Zeit: gebückt, mit dem Ausdruck der Hoffnungslosigkeit.

Eine Manifestation des Scheiterns

In der Nacht mag Tiflis ein Hipster-Paradies im Kaukasus sein. Am Tag wirkt die Stadt wie ein Freiluftmuseum der Sowjetzeit. Die Züge der Metro sind alt und muffig, die Stationen strahlen den Charme des Realsozialismus aus. Die breiten Prachtboulevards gehören den Autos alleine, Fussgänger werden in enge Unterführungen gezwungen, in denen Obdachlose schlafen und Babuschkas Blumen verkaufen. Die vielen Autos und die Lage in einem Tal lassen schnell eine dichte Smogglocke entstehen, die das Atmen schwer und Stadtspaziergänge zur Qual machen.

Erleichterung bringt eine Fahrt mit der Seilbahn zur Statue der «Mutter Georgiens». Dass der Smog den Blick auf die Stadt trübt, stört hier weniger. Denn es ist ein Blick auf Ruinen.

Tiflis ist eine Manifestation des Scheiterns. Das Bedürfnis der Mächtigen und Reichen, sich im eigenen Baustil zu verewigen, liess architektonische Ungetüme entstehen wie den Präsidentenpalast oder die aus zwei Glasröhren bestehende Konzert- und Ausstellungshalle. Vor vier Jahren wurde sie eingeweiht, seither steht sie leer. Ihre 40 Millionen Franken teure Glashülle ist verdreckt und zersplittert.

Ein riesiger Trümmerhaufen

Wenn die Tifliser stolz über ihre Stadt sprechen, dann nicht über die modernen Desaster, sondern über die alten Schwefelbäder, die orientalisch anmutenden Altbauten mit Erkern und pittoresken Innenhöfen. Sehr romantisch klingt das. Und sehr weltfremd.

In Wirklichkeit wird die Altstadt in ein paar Jahren verschwunden sein. Heute sieht sie aus wie Ost-Mosul nach der Befreiung vom IS. In Alt-Tiflis aber gibt es keine Kämpfe, nur Vernachlässigung und Verwahrlosung. Was in Reiseführern als «unwiderstehlich charmant» berschrieben wird, ist ein riesiger Trümmerhaufen. In manchen Strassen werden die Hauswände nur durch dicke Stahlträger vom Einsturz abgehalten. Dass hinter windschiefen Bretterverschlägen noch Menschen wohnen, grenzt an ein Wunder. Zu retten sind diese Häuser nicht mehr.

Charmant mag diesen Verfall empfinden, wer nach einer durchzechten und durchtanzten Nacht aus den Kellerclubs an die Oberfläche steigt. Zur Sicherheit sollte man aber schnell die dicke rosa Brille aufsetzen. Damit die Realität nicht allzu sehr schmerzt.

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