Mächtiges, kleingeistiges China

Welttheater

Der Stuhl, auf dem am 10. Dezember 2010 Nobelpreisträger Liu Xiaobo hätte Platz nehmen sollen, blieb leer. Foto: Heiko Junge (Keystone)

Oslo, im Jahr 2011. Ein chinesischer Schriftsteller, er heisst Murong Xuecun und ist tatsächlich anwesend, hält eine Rede. Über das Leben in China, das «sich so anfühlt, als sei man Zuschauer eines Stücks in einem gewaltigen Theater. In dem die Geschichten so absurd und so unglaublich sind, dass kein Schriftsteller sie sich je ausdenken könnte.»

Ein Jahr zuvor. Oslo, im Jahr 2010. Eine Bühne, ein leerer Stuhl. Der Mann darauf: ausradiert? Seine Ideen ausgelöscht? So hoffen die Kerkermeister dieses Mannes. Aber der leere Stuhl ist ein mächtiges Bild, für einen mächtigen Geist. Ein Bild der Anklage, vielleicht. Mehr noch: eines der Hoffnung. Für den Mann, den das Publikum bei der Friedensnobelpreiszeremonie vor sieben Jahren herbeirufen möchte. Für die Zukunft seiner Nation. Für Liu Xiaobo, den Denker und Essayisten, den Eingekerkerten. Für China, sein Land.

Noch einmal der Autor Murong Xuecun, ein Bewunderer Liu Xiaobos: «Die Leute rufen voller Ehrfurcht: China wird wieder gross, die Chinesen sind reich. Aber was wissen sie von den Ungeheuerlichkeiten, die sich hinter der Fassade verbergen?» China ist voller Absurditäten. Viele lassen einen staunend zurück, andere machen einen schaudern. China wird wieder mächtig und gross, und vielleicht ist es eines der grössten Unglücke für das Land, dass es dabei gleichzeitig schrumpft. China wird kleingeistig und engstirnig.

Die Mutigsten verstummen lassen

Ich war 2012 zurückgekehrt nach China, zwei Jahre nach dem Nobelpreis für den Häftling Liu Xiaobo, und ich sah in den ersten drei Jahren nach meiner Rückkehr insgesamt sechs Interviewpartner, Bekannte und Freunde im Gefängnis verschwinden. Ich hatte geglaubt, China zu kennen, aber das? Und es ist ein Gedanke, der sich mir seither immer stärker aufdrängt: Wieso eigentlich erwischt es in diesem Land wieder und wieder ausgerechnet einige der Besten, der Menschlichsten, der Selbstlosesten? Ausgerechnet die Tatkräftigen, die es nach Wahrheit verlangt und nach Gerechtigkeit? Es ist dies doch ein Land, das den Gipfel an Grösse erst noch erklimmen möchte. Warum um alles in der Welt bloss glaubt dieses Land, es könne sich das leisten, sie verstummen zu lassen, ins Exil zu treiben und einzukerkern, seine Mutigsten und Leidenschaftlichsten?

Liu Xiaobo auf einer Aufnahme von 2005. Foto: Keystone

Es ist natürlich nicht das Land, das das glaubt. Es ist die Partei, die es regiert. Und natürlich fürchten die Mächtigen in der Partei gerade das: die Wahrheit und die Gerechtigkeit. Es ist ihnen ein jeder verdächtig, der sich nicht dem Zynismus, der Lüge und dem Vergessen ergibt. All jene müssen mit ihrer Rachsucht und ihrem Hass rechnen. Sich dem Hass zu verweigern, war der letzte Akt des Widerstandes Liu Xiaobos. «Ich habe keine Feinde, und ich habe keinen Hass.» Die letzten Worte Lius an die Richter, die ihn unmittelbar darauf verurteilten: «Hass untergräbt Weisheit und Gewissen eines Menschen. Eine Mentalität der Feindschaft vergiftet den Geist einer Nation, sie zerstört die Toleranz und die Humanität einer Gesellschaft.»

Wolfsmilch. So nannte es Liu. Die Wolfsmilch des Hasses, die dem chinesischen Volk seit Jahrzehnten eingeträufelt wird. Liu war unbeirrbar, er glaubte bis zuletzt an ein China, das bereit ist, sich dieser bitteren Milch zu entwöhnen.

Liu Xiaobo ist tot. Das bleibt: ein leerer Stuhl. Ein leeres Totenbett. Mächtige Bilder. Ein mächtiger Geist.

12 Kommentare zu «Mächtiges, kleingeistiges China»

  • Willi Bohrer sagt:

    @ Schrader: Fast schon inhumane Vergötzung / Naturalisierung der Geschichte als valable Alternative zu ihrer maoistischen Verteufelung? Auch in China kein zukunftsfähiges Rezept. Unaufgeregte Traditionskritik ist angesagt, so speziell Kritik des urwüchsigen Kults von Zeichen und Schrift.

    • Ralf Schrader sagt:

      Na dann zeigen Sie mal, wie Sie sich das vorstellen? Ich kann mir nichts unter dem vorstellen, was Sie hier verkürzt von sich geben.

  • Ole Tell sagt:

    Ralf Schrader hat recht. Zudem, sehr viele Chinesen, die ich in China kenne, sind weit glücklicher als viele Westler. Viel WICHTIGER erscheint mir: wie gut hat China bis anhin seine Volk-explosion kontrolliert. Der westliche Einfluss hat sie leider wieder von eine Kind auf 2 Kinder/Familie gebracht. Wie man in der CH sieht, hat sie das Volk Problem nie gelöst, und am wenigsten heute, wo jeder Trottel gleich rausfindet, wie man sich in CH und Europa einnistet. Beim Kontrollen einführen gibt es immer ‚Betroffenen‘, die sich wehren wollen. Wenn es aber am Schluss zum Chaos führt, leiden ALLE. Ich bin den Chinesen dankbar, dass sie ihre Bombe bis heute kontrollieren konnte, auch wenn nicht jeder Schritt der beste war, im einzelnen gesehen.

  • Mathias Mühlheim sagt:

    Sehr geehrter Herr Schrader, mich würde interessieren, inwiefern China 2200 Jahre mehr Kultur repräsentiert als der Rest der Welt zusammen und inwiefern das heute noch so ist. Aber vielleicht fällt meine Frage auch dieses Mal aus unerfindlichen Gründen der Zensur zum Opfer.

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Die chinesische Gesellschaft ist moralisch verroht und gefühllos geworden.‘

    Wieso geworden? Die Volksrepublik China ist ein konsequenter Nachfolger der Dynastien seit 221. v.Ch.. Nachdem die Qing- Dynastie etwas unglücklich endete, hat Mao einen würdige Nachfolge angetreten.

    Die VR China mit westlichen Kriterien zu beschreiben, ist so, wie ein Automobil zu kritisieren, weil es nicht fliegen kann. Eine Minderheit von 14% der derzeit lebenden Menschen hat sich in einem engen Zeitkanal von bisher 70 Jahren ein Wertessystem aufgebaut. Aber wen, ausser den 14% in verschwindend geringen 70 Jahren, sollte das interessieren?

    China repräsentiert über 2200 Jahren mehr Kultur, als der ganze Rest der Welt zusammen. Aus welchem Grund sollte China sich dem westlichen Modell fügen?

    • Mathias Mühlheim sagt:

      Eine ernsthafte Frage, Herr Schrader: Was meinen Sie mit mehr Kultur? Und wie repräsentiert sich das heute? Ich lerne gerne dazu.

    • Letten sagt:

      Herr Schrader,
      Die Chinesen sollen sich dem „westlichen Modell“ – wie sie es nennen – nicht fügen. Fügen müssen sie sichnur dem Willen der Partei.
      Sie gehen also davon aus, dass die chinesische Gesellschaft nicht moralisch verrohte und gefühllos geworden ist während der kommunistischen Parteiendiktatur sondern es schon immer – als Teil der 2200 Jahre alten Kultur – gewesen ist? Das ist wenig überzeugend und auch wenn es so wäre, was spräche dann eigentlich gegen eine innere Erneuerung?
      Gewiss, die Angehörigen der komm. Machtzirkel verantworten und möchten dies und all jene die daran nicht teilhaben und aufjucken werden zuerst eingeschüchtert, dann unerbittlich verfolgt und schliesslich unbarmherzig vollstreckt – so wie sie es mit einem echtenVorbild wie Herrn Liu Xiabo gemacht haben.

    • Ralf Schrader sagt:

      Die Volksrepublik China funktioniert nach den gleichen konfuzianischen Regeln wie die Dynastie des ersten Kaisers Qin Shihuangdi ab 221. v.C.. Nur dass der Kaiser jetzt Parteivorsitzender heisst und die Mandarine Politbüromitglieder. Das diese Partei sich ‚kommunistisch‘ nennt, es aber nicht ist, bleibt da in Gänze belanglos. So wie 2017 zu beobachten, ist die VR China eine spätfeudaler Staate an der Schwelle zum Kapitalismus.

      Da sehe ich historisch keinen Handlungsbedarf. Es ist alles völlig in Ordnung. Wenn es vereinzelt solche Typen wie Ai WeiWei oder Liu Xiabo dann kann man das zur Kenntnis nehmen. Mehr aber nicht. Die Herren verstehen aus welchen Gründen auch immer, den Staat, in welchem sie leben, nicht. Für mich sind die eher das Gegenteil von Vorbildern.

      • Letten sagt:

        Wenn ich Sie richtig verstanden habe, spricht gegen eine innere Erneuerung die Kontinuität der konfuzianischen Prinzipien.

        Prinzipien sind nun naturgemäss dergestalt, dass sie nicht jede Einzelfrage explizit regeln. Prinzipien werden ausgelegt und angewendet. Die komm. Partei nimmt für sich nicht nur das ausschliessliche Recht der Umsetzung sondern auch das der Auslegung in Anspruch. Niemand soll den „Erleuchteten“ reinreden dürfen. Mit welchem Recht (ausser das, des Stärkeren)? Dass Länder mit lebendiger konfuzianischer Tradition auch anders organisiert sein können (ja, sogar als Demokratie), zeigt ein Blick auf andere ostasiatische Länder.

        Liu Xiabo ist ein Vorbild, weil er unter Riskierung seines Lebens dort voranging, wo andere aus (berechtigter) Angst schwiegen.

        • Ralf Schrader sagt:

          Die Volksrepublik China ist historisch da, wo Frankreich zwischen der 1. und 2. Republik war. Also 200 Jahre hinter uns. Das ist dem Dissidenten Liu Xiabo auch bewusst, wenn er für China erst einmal 300 Jahre westliche Kolonisation fordert und damit im Westen viel Beifall und in China das Gegenteil erzeugt.

          China demokratisieren zu wollen ist so aussichtsreich, wie Eskimos zur veganen Ernährung zu überreden. Beides sind im jeweiligen Kontext völlig unsinnige Konzepte.

          Derzeit ist der diktatorische Zentralstaat das beste Modell für China und man wird sehen, ob der Umweg über die sich selbst zerlegenden Demokratien des Westens überhaupt notwendig ist. Vielleicht kann man auch ohne 5. Republik direkt in das Nahziel, die Abschaffung aller Staaten übergehen.

          • Letten sagt:

            Ihre Meinung, dass der diktatorische Zentralstaat das beste Modell für China (oder überhaupt für ein Land) sei, kann ich mit Blick auf die Menschenrechtsverletzungen gegen Andersdenkende und die strukturelle Unterdrückung von Tibetern (wird es die tibetische Kultur in 100 Jahren noch geben?) und Uiguren nicht teilen. Auch der historische Vergleich mit Frankreich überzeugt mich aus versch. Gründen nicht.
            Interessieren würde mich allerdings, unter welchen Umständen Sie eine Entwicklung in eine andere Organisationsform (etwa die von Ihnen erwünschte Abschaffung aller Staaten) befürworten würden und wie dies praktisch geschähe? Die Leute könnten ja nicht mitreden. Würde dies von Oben entschieden?
            Dass Liu Xibao mit Beifall des Westens die Kolonisierung von China forderte müssen Sie belegen.

  • Roger Beaud sagt:

    Ich bin bis in mein Knochenmark erschüttert über die Kaltherzigkeit, die in amtlichen Bemerkungen zu Liu Xiaobos Tod deutlich zu sehen sind. Zum Beispiel wurde die Trauerfeier „nur für Familie und Freunde“ abgehalten, aber die veröffentlichten Fotos zeigen nur Unbekannte, die keinem Freund der Familie Liu bekannt sind. Hat die Partei sogar eine falsche Trauerfeier veranstaltet?
    Die chinesische Gesellschaft ist moralisch verroht und gefühllos geworden. Sich solidarisieren mit einem Verfolgten gibt es nicht; wer zu den Verfolgten gehört „hat Pech“. Glück haben hingegen jene, die sich mit den Mächtigen gut stellen (man denke an Alibaba-Gründer Jack Ma), die an nichts Anderem Interesse zeigen als am Geldverdienen.

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