Neros Rückkehr

Vernichtend sind vor allem die Kritiken: Hauptdarsteller Giorgio Adamo als Nero. Foto: PD

Wie wenig es doch braucht, schon brennen die Gemüter. Und wieder zündelt Nero, wenn man so will, selbst zweitausend Jahre danach. Auf dem Palatin, einem der sieben Hügel Roms, haben sie eine Bühne aufgebaut, 36 Meter lang und 14 Meter hoch, davor Sitzplätze für 3200 Zuschauer, um den angeblich falsch verstandenen Kaiser einen Sommer lang zu feiern. In «Divo Nerone», einem Musical mit modernem Tanz und lauten Beats, tritt Nero als der auf, der er offenbar hatte sein wollen: als Poet und Sänger. Dichter seiner Zeit sahen ihn freilich etwas anders, aber das muss jetzt niemanden kümmern.

Seit einigen Tagen wird das Stück schon aufgeführt. Ausser am Samstag wird immer Englisch gesungen. Es soll ja auch vor allem Touristen anlocken. Für die meisten Römer ist «Divo Nerone» dagegen eine Zumutung. Nicht wegen der Musik, die ist Geschmacksache und wird von den Kritikern verrissen. Auch nicht wegen der Kostüme, der körperlichen Verrenkungen, nicht einmal wegen der Verklärung des Nerone. In Rom findet man, dass diese Installation auf dem Palatin den Hügel seiner Heiligkeit beraube.

Wie ein Fremdkörper wächst das Bühnendach in den Sommerhimmel, schwarz und kantig. Kommt man vom Kolosseum, von dem es nur zweihundert Meter entfernt ist, will man es zunächst für eine besonders quadratisch geratene, gigantische, von einem völlig unwahrscheinlichen Waldbrand verkohlte Pinienkrone halten. Doch die Scheinwerfer, die vom Dach herunterhängen, wofür könnten die stehen? Die Veranstalter hatten natürlich eine Bewilligung vom Generalintendanten für die archäologischen Stätten, um ihre Bühne dort hinzustellen. Und genau das ist das Problem.

Eine Bühne wie ein Pfiff im Nichts

Man wirft Francesco Prosperetti vor, er trage mit dieser Geschichte zur fiebrigen Kommerzialisierung des Kulturschatzes bei, zur Disneylandisierung Roms. Das Musicaltheater steht zum Teil auf den Resten eines antiken Tempels, der einer Sonnengottheit geweiht ist. Prosperetti wehrt sich gegen den Vorwurf. Die Einnahmen aus der Bodenmiete, 250’000 Euro, und die Kommissionen aus dem Ticketverkauf, sagt er, könnten dann wieder für Renovationen genutzt werden, für die sonst das Geld fehlen würde. Ausserdem sei diese Ecke vom Palatin eine eher unbekannte. Dank des Musicals werde sie attraktiver und bekannter. Doch was sind einige Hunderttausend Euro gegen die Sünde auf dem heiligen Hügel?

Natürlich ist die Aufregung übertrieben. Gemessen an der Ewigkeit der Stadt ist die temporäre Bühne von «Divo Nerone» ein Pfiff im Nichts und verschwindet so schnell wieder, wie sie aufgebaut wurde. Vielleicht geht es sogar noch schneller als geplant. Bisher war die Veranstaltung nämlich ein Flop. Zur Premiere, als die gesamte Halbprominenz der Stadt eingeladen war, wurde das Theater voll: 3200. Am zweiten Tag kamen 500, am dritten nur noch 300. Wenn man online nachschaut, wie gut das Musical in den kommenden Monaten gebucht ist, blinken fast alle Plätze als verfügbar. Es ist, als rächten sich die Götter, an Nero und an seinen Verklärern.

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