Die unsterbliche DDR

Der ehemalige Generaloberst Fritz Streletz (Mitte links) und der ehemalige DDR-Staatsratsvorsitzende Egon Krenz (Mitte rechts) an der Beisetzung des früheren DDR-Verteidigungsminister Heinz Kessler. Foto: Britta Pedersen (Keystone)

«Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen», schrieb Christa Wolf. Was für Menschen gilt, gilt für Städte erst recht. Und wo wäre die katastrophale deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts lebendiger als in Berlin? Die Stadt ist von Historie durchtränkt und zerbrochen wie wenige: vom Untergang des Preussentums, den Wirren der Weimarer Republik, dem Naziregime und der totalen Zerstörung 1945 über die Teilung im Kalten Krieg bis zur Wiederauferstehung nach der Wende. Berlin, die Stadt der Museen, ist auch als Stadt ein Museum.

27 Jahre nach dem Fall der Mauer ist die DDR noch verblüffend lebendig. Immer noch wird im Osten und im Westen anders gesprochen und anders gedacht. Älteren fällt dies eher auf als Jüngeren, Einheimischen mehr als Zugereisten. Für Touristen steht eine eigene DDR-Erinnerungsindustrie parat. Man kann in stilecht eingerichteten Wohnzimmern DDR-Alltag simulieren, mit Republikflüchtlingen mitzittern, in Trabis durch die Stadt zuckeln – Führung im Stasi-Gefängnis und «leckere Kult-Currywurst» inklusive.

Bilder: Ostalgie am Bunker-Wochenende

Mit untoter Geschichte hat dieser Ostalgie-Zirkus wenig zu tun. Die zeigt sich an anderen Orten, in einer eigenen Subkultur. Manche Anhänger sind dem DDR-Regime stets treu geblieben, bis heute. Sie ziehen ihre alten Uniformen an, singen mit anderen Veteranen alte Lieder und feiern sich gegenseitig für ihre Unbeugsamkeit angesichts des widrigen Zeitgeists.

Kürzlich kam diese alte DDR auf einem Friedhof im Berliner Osten zum Vorschein. 200 Menschen gaben Heinz Kessler das letzte Geleit. Der 97-jährige General war einer der letzten Überlebenden der ersten Führungsriege des Arbeiter- und Bauernstaats. Er war einer jener, dessen Betonkommunismus die Wende unbeschadet überstanden hatte. Bei der Trauerfeier tönte das Lied seiner Nationalen Volksarmee ab Band: «Feindliche Stürme durchtoben die Lüfte». Unter Trauerschleifen war die DDR-Fahne mit Hammer, Zirkel und Ähren leicht erkennbar.

Strammstehen und weinen

Im Publikum sassen die letzten Mächtigen der DDR, Hans Modrow und Egon Krenz, daneben die wirklich Unbeugsamen, wie Kessler einer gewesen war: eingeschworene Kader von Jugendverbänden und Staatssicherheit. Zwischen ihnen angeschwemmte Kommunisten wie Christian Klar, Terrorist der Roten Armee Fraktion (RAF). Ende der 70er-Jahre hatte er im Westen Wirtschaftsführer ermordet und im Osten das Kriegshandwerk erlernt.

Der ehemalige DDR-Verteidigungsminister Heinz Kessler präsentiert im Mai 2011 sein Buch «Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben» in Berlin. Foto: Britta Pedersen (Keystone)

«Der Untergang der DDR wurde für meinen Vater zur Lebenstragödie», sprach Kesslers Sohn. Für den Schiessbefehl an der Mauer, der Hunderten Flüchtenden das Leben gekostet hatte, wurde sein Vater 1994 zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Kessler und seine Getreuen empfanden es als kolossales Unrecht. Die moralische Überlegenheit des kommunistischen Staats verteidigte er in Büchern und Reden bis zu seinem Tod.

Die Trauerfeier endete mit der Nationalhymne der DDR: «Auferstanden aus Ruinen», Musik von Hanns Eisler, Text von Johannes R. Becher. Wie auf ein Kommando sprangen die Genossen von ihren Plätzen auf. Einige standen stramm, manche weinten.

16 Kommentare zu «Die unsterbliche DDR»

  • Andreas sagt:

    Trotzdem könnte man zwei Dinge von der DDR dennoch lernen: Die Gleichstellung der Frau im Beruf und das Betriebe einen Betriebskindergarten hatten, der für die Angestellten kostenlos war.

  • Prüher Rainer sagt:

    Mit dem Tode von Heinz Kessler verliert Mitteldeutschland (DDR) einen
    Staatsdiener mit Weitblick. Als General und Verteidigungsminister war er
    seiner Überzeugung für Frieden in Europa stets treu geblieben.
    Der Versuch der „BRD“ Justiz dieses Verdienst mit einer ungerechtfertigten
    Verurteilung schmälern zu wollen schlug ebenso fehl, wie die Auflösung der
    DDR. Am 17.09.1990 wurde von den Alliierten das „Grundgesetz für das Westdeutsche Wirtschaftsgebiet“ aufgelöst. Die DDR konnte demnach zum
    03.10.1990 nicht der „BRD“ beitreten. Der 2+3+1 Vertrag wurde nie ratifiziert.
    Die Bürgerinnen und Bürger der DDR wissen um diesen Umstand sehr genau.
    Ein dreifaches Hurra, Hurra ,Hurra auf die Deutsche Demokratische Republik!

    • Carolina sagt:

      Hurra, Hurra, Hurra – darauf, dass auch die letzten Betonköpfe wie HK und Sie irgendwann das Zeitliche gesegnet haben werden…… Ihre Worte sind ein Schlag ins Gesicht von Menschen, die unter diesem Unrechts-Regime gelitten haben. ‚Frieden in Europa‘ – dass ich nicht lache!
      Sie erinnern mich an diese Fraktion, die auch heute noch behauptet, Na*is hätte es nur im Westen gegeben, die ‚DDR‘ (bitte beachten Sie die Anführungszeichen!) wäre nur von Kriegsopfern und Nicht-Na*is bewohnt gewesen. Lächerlich!

  • Charly sagt:

    Der „real existierende Sozialismus“ der DDR war der „geschlossene Handelsstaats“ Fichtes (1800) auf der Höhe des 20. Jahrhunderts.
    Weder der Kapitalismus, noch die Amerikaner mussten dieses, von Anfang an morsche Relikt der Vergangenheit, „besiegen“. Die Macht der Gewohnheit, der relativ geringe wirtschaftliche Abstand zum westlichen Europa nach dem Krieg (hielt bis in die 60er Jahre), die nukleare Supermacht Sowjetunion als der „grosse Bruder“ im Huntergrund – gaben diesem aberwitzigen Staat ein paar Jahrzehnte. Ab den 70er Jahren mutierte er zum Billiglohnhandelspartner der BRD, in dem IKEA-Regale, Radeberger, Schuhe, Klamotten und Spielsachen produziert wurden – nur um ein paar lausige Devisen ins Land zu holen, sodass die Farce irgendwie weitergehen konnte.

    • Carolina sagt:

      Wenn heute jemand sagt, H*tl*r hat auch sein Gutes gehabt, z.B. das tolle Autobahnnetz, dann greifen wir uns alle an den Kopf. Aber die ‚DDR‘ weichzupinseln, als Experiment zu bezeichnen, das nun mal leider, leider in die Hose gegangen ist; als gut gemeinter, aber dumm gelaufener Versuch, sozialistische Träume in reale Existenz umzusetzen, ist einfach viel zu verharmlosend. Die DDR war und ist ein Unrechtssystem, in der sich einige wenige auf Kosten vieler bereichert haben; der menschliche Preis geht weit über ein paar billig produzierte Konsumgüter hinaus; darüber geht vergessen, dass das System seine Bürger in Geiselhaft gehalten hat, bei (Devisen-)Bedarf nicht-genehme Kritiker verkauft hat, seine Bürger auf eine Weile bespitzelt hat, die einem Schauer über den Rücken jagen,

      • Carolina sagt:

        /2 Flüchtende kaltblütig erschossen hat, Zwangsadoptionen zugunsten verdienter Genossen aktiv zugelassen hat, Kritiker (und dessen Familien!) entweder weggesperrt, aber mal mindestens mit schweren Sanktionen überzogen hat, Terroristen willigst Aufnahme geboten hat, etc etc.
        Daran gibt es nichts, aber auch gar nichts zu verharmlosen, vor allem, wenn man selber der Kaste der Privilegierten angehörte!
        Es wird noch viel Zeit brauchen, bis auch die letzten Betonköpfe gestorben sind. Auf einer persönlichen Ebene sind die ehemalige ‚DDR‘ und die Bundesrepublik längst zusammengewachsen, auf politischer Ebene ist es für viele, die seit Maueröffnung einen Soli bezahlen, während im Westen die Infrastruktur verrottet, stossend, diese Ewiggestrigen auch noch tolerieren zu müssen.

  • Stefan Benz sagt:

    Wer die DDR heute nachträglich glorifiziert, hat entweder ein privilegiertes Leben geführt oder sie nie in natura erlebt. Schüsse auf Flüchtlinge, Totalüberwachung durch die Stasi, stundenlanges Schlangestehen vor Konsum- und HO-Läden, heruntergekommene Häuser, keine Telefone (jedenfalls nicht für den Normalbürger), Studium nur für die, die noch nie negativ aufgefallen sind, Urlaub nur im sozialistischen Ausland…. Wirklich alles so toll? Dieser Staat hatte keinen Rückhalt mehr bei der eigenen Bevölkerung und hat sich letztendlich selbst abgeschafft.

  • Joachim D. sagt:

    Nun ich kann dies einseitig sehen Westen gut Osten (DDR) alles .. Kurz nach der Wende NDR ein Gewerkschafterin berichtete Frauen hätten sich beschwert Arbeitgeber(West) Ja ich würde sie einstellen wenn sie einen ärztl. Nachweis haben das sie sterilisiert sind. Sie könnten ja schwanger werden was Kosten bedeutet.
    Nun wer hat die meisten Reparationen gezahlt, es gab auch ein Handelsembargo (Vergl. Kuba). Man wird hier nichts lesen das D. zehn Mio. Arbeitslose hat (inklu. H4). Nun und 500000 Obdachlose in D. sind auch nicht wenige! Wanderarbeiter Ost-> West! Themen von NSA, Echelon bis NSU Ruhestörer in Essen erschossen. In Limburg Bischof baut sich Luxussitz -> immer mehr Tafeln in D.!
    Keine Ahnung ob die Ostkirchen (Leipzig) die die Wende vorangetrieb. haben so vorgestellt..!

  • Ralf Schrader sagt:

    Die DDR war kein kommunistischer Staat und wollte auch kein kommunistischer Staat sein. Es war ein interessantes Experiment, welches auch und gerade vom Standpunkt des Marxismus aus gesehen scheitern musste. Das erstaunlichste war die ausserordentlich lange Dauer.

    • Martin sagt:

      Das ist Quatsch. Die DDR war ein kommunistischer Staat und wollte es auch sein. Nicht die Bevölkerung an sich, aber nachdem die Russen die späteren Westsektoren Berlins verließen, begann die Spaltung in Ost und West, die Sowjetunion wußte, daß die Umerziehung nur mit Repression gelingen kann. Wilhelm Piek und Walter Ulbricht, die ersten installierten deutschen Machthaber, waren Kommunisten. Die Bevölkerung war der Vergangenheit überdrüssig – erst Nazi-, dann SED-Diktatur, dazwischen der Krieg, dazu kam noch, daß die Sowjets alles abbauten und abtransportierten und die DDR sich ganz allein aus dem Dreck ziehen mußte, da hatte man andere Sorgen und fügte sich halt. Es war sicher nicht einfach nur ein Experiment. Nur die Repression bis zum Schluß sorgte für die außerordentlich lange Dauer.

      • Ralf Schrader sagt:

        Werfen Sie gelegentlich einen Blick in ein Wörterbuch und schlagen den Begriff ‚Kommunismus‘ nach. Besser ist es natürlich, das ‚Kommunistische Manifest‘ zu lesen, das hat die Definitionshoheit. Wilhelm Piek und Walter Ulbricht nannten sich Kommunisten, waren aber keine. So wie sich heute viele Sozialdemokraten nennen, aber keine sind.

        Die Teilung Deutschland wurde von den 4 Alliierten vor Kriegsende auf der Konferenz von Teheran beschlossen. Ein gemeinsames Deutschland wurde bereits 1944 von allen Siegermächten ausgeschlossen. Konsequent wurde die BRD vor der DDR, die Bundeswehr vor der DDR- Armee gegründet.

  • Martin Frey sagt:

    Angesichts des Leidens der Opfer dieses Unrechtsstaates ein widerwärtiges Ereignis zweifelsohne. Andererseits werden diese DDR Dinosaurier alle in Bälde mal aussterben.
    Was mehr Sorge macht, dass derartige Ideologien in den Köpfen nicht auszurotten sind. Wieviele Menschen nach wie vor diesen fehlgeleiteten Idealen nachrennen, sich mit Genossen anreden und bei Treffen die Internationale singen. Nicht nur in Deutschland, überall, nicht zuletzt auch bei uns.
    Wenn es eine Lehre aus der Geschichte gibt, dann die, dass der Mensch nicht aus der Geschichte lernt.

    • Ralf Schrader sagt:

      Wenn es eine Lehre aus der Geschichte gibt, ist es die, dass der Mensch darin nicht stattfindet.

      • Joachim D. sagt:

        Nun ja ich kann das so sehen wenn ich aus dem Westen komme, etabliert bin.Wir können viel schreiben vom Unrechtsstaat DDR! Ja und von der Demokratie im Westen. Es ist aber eine Demokratie des Geldes Selbst vor Gericht ist man nicht gleich – sondern welchen Anwalt kann ich mir leisten? Unter der Woche trifft man im Osten zumeist Rentner / H4 udgl. ! Die anderen sind arbeiten zumeist im Westen. Wieviel waren vor der Wende arbeitslos und obdachlos? Ob man im Osten gesagt hätte Wir sind das Volk wir wollen H4 ? Man wusste genau unter den Vorzeichen wie sie es heute gibt wäre die Wende ausgefallen. Selbst die OECD bemängelt D. Billiglohnland / (Frauen fast nur noch Teilzeit..).
        1989 durfte man noch sagen Artikel 14
        2) Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle ..

  • Martin sagt:

    Ach Herr Eigenmann, lassen Sie doch den paar alten Männern ihre Ostalgie. Wer auch in 2017 noch glaubt, es war alles richtig und gut, was in der DDR ablief, der glaubt es auch in 2018 noch. Er war entweder als Führungspersönlichkeit längst der Realität enthoben oder hat es sich als normaler Bürger gemütlich eingerichtet. Wer denken konnte, involviert oder betroffen war, weiß es sowieso besser. In beiden Fällen wird sich das „Problem“ mit der Zeit von selbst erledigen und nur noch die Erinnerungsindustrie übrig bleiben – für die Touristen, wie Sie richtig sagen. Harmlos. Als Deutschland-Korrespondent ist Ihnen sicher bekannt, daß auch Nord und Süd anders denken und sprechen, nicht nur Ost und West. Es ist falsch, immer nur das Trennende hervorzuheben und es gibt nicht nur Berlin.

    • Joachim D. sagt:

      Nun wenn man sich die Menschen im Osten eher als Absatzmarkt sehen wird das mit der Ostalgie noch sehr lange dauern. Es gibt wenige Glanzpunkte z.B. Porsche in Leipzig! In Eisenach hies es Opel Eisenach droht Schliessung. Hoffnung nun mit PSA! Ansonsten sehr viel Stellenabbau und Schliessungen!
      Aber wir haben ja nun die Kirche – die sagt im nächsten Leben wird alles besser!
      Ob dies Bischof Tebartz-van Elst in Limburg ein wenig anders gesehen hat.? Im Osten sagt man dazu es wird Wasser gepredigt und Wein getrunken! Siehe nicht nur Atomindustrie..!

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