Und zum Dessert ein Schweinebrateneis

Kalt, nicht knusprig: Schweinebrateneis aus Taipeh. Foto: Snow King

Im letzten Jahr vermeldete das Land mit mehr als einer Milliarde Einwohnern einen neuen Rekord an Patentanmeldungen. Von wegen nicht erfinderisch. Diese Woche war ich mal wieder in der Bäckerei bei uns um die Ecke. Da warben sie für ein neues Wintergetränk: «Purple Potatoe Latte». Auf dem Bild: ein dampfendes lila Kartoffelmischgetränk für umgerechnet zwei Euro 50. Kartoffellatte, lila. Muss man erst einmal darauf kommen.

Für Hipster und Diabetiker

Ich tippe mal, die Hälfte der Patente wurde von Chinas Lebensmittelindustrie eingereicht, Abteilung Knabbern und Schlecken. Vom Grüne-Erbsen- und Gelber-Mais-Eis, das sich hier in allen Kühltruhen findet, habe ich schon einmal erzählt, neulich stolperte ich über «Erdbeer-Tomate». «Na und?», werden jetzt einige von Ihnen sagen: Wenn ichs mir mal so richtig crazy geben will, dann krieg ich in der Münchner Amalienstrasse hinter der Uni auch eine Kugel Schweinebrateneis, die ich beim anschliessenden Flanieren diskret im Rinnstein entsorgen kann.

Das ist aber nun doch ein gewaltiger Unterschied: Ob sich in Europa ein Boutique-Eismacher einen Gag einfallen lässt oder ob sich in China ein ganzes Volk Tag für Tag mit stillem Ernst rote Bohnen in gefrorener Form reinzieht. (Im Übrigen, von wegen Schweinebrateneis: Eben das serviert die kleine Eisbude hinterm Bahnhof von Taipeh mit dem Namen «Snow King» seit sage und schreibe 70 Jahren. Zielgruppe des taiwanischen Erfinders damals waren nicht gelangweilte Hipster, sondern die Diabetiker unter seinen Kunden).

Blaubeere, Mango, Litschi: Chips-Variationen aus dem Reich der Mitte. Foto: Tine Steiss (Flickr)

Heute habe ich zur Einstimmung für diese Kolumne im Chips-Regal wieder einmal die Sorte «Pepsi und Huhn» gesucht, aber ich glaube, die wurde eingestellt. Ehrlich gesagt: Kein grosser Verlust. Wir haben da noch die Kreation «Betäubend und Scharf» (mala), welche die Seele Sichuans einzufangen sucht, ein Blitzangriff von Blütenpfeffer und Chili. «Fühlt sich an, als ob man seine Zunge zuerst in die Steckdose steckt und hernach in Eiswasser tunkt», schrieb vor ein paar Jahren der Verkoster einer Shanghaier Stadtzeitschrift.

«Saure und scharfe Fischsuppe»-Chips kommen zumindest in meiner Familie nicht so gut an, wohingegen die gelungene Komposition von Aromastoffen, Lebensmittelfarbe und Monosodiumglutamat in einer Tüte «Rotgeschmortes Schweinefleisch» das komplexe Zusammenspiel von Sternanis, Kandiszucker, Reiswein, Sojasauce und Schweinefleisch erstaunlich gut simuliert.

Ein kleiner Test. Raten Sie mal, welche der folgenden Chips-Sorten es nicht gibt in China: Paprika, Gurke, Zitronentee, Blaubeere, Seegras, Kimchi, Käse und Hummer, Bolognese, gegrillter Aal. Na? Richtig: Paprikachips habe ich bis heute nicht entdecken können.

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