Kann Singen Sünde sein?

Ezio Capri alias Franco Califano. (Video: Youtube)

Busfahren und Singen, das lässt sich schon mal ohne Gefahr behaupten, ist nicht dasselbe. Kombinierbar hingegen wären die beiden Aktivitäten schon, vielleicht sogar mit Gewinn für die Passagiere. Doch diese Geschichte geht etwas anders. Der Römer Ezio Capri ist Busfahrer, Angestellter der nicht eben gut beleumdeten, von chronischer Unpünktlichkeit und hoher Verschuldung geplagten städtischen Verkehrsgesellschaft Roms, der Atac. Und er ist Sänger, ein talentierter Imitator des 2013 verstorbenen Liedermachers Franco Califano. Auf Youtube gibt es Filme von Capris Auftritten im schwarzen, offenen Hemd, wie es einst der «Maestro» trug. Auch die Haare – zum Verwechseln. Selbst die hohen Töne trifft das Double problemlos. Wenn er ins Publikum winkt, wirkt das sehr professionell.

Honig für nostalgische Seelen

Ezio Capri aber nennt sein Singen ein Hobby, wenigstens vor Gericht. Schon zweimal haben sich Richter um seinen Fall gekümmert, beide Male zu seinen Gunsten, und das ist zumindest bemerkenswert. Es ist nämlich so, dass Ezio Capri sich mindestens fünfmal krank meldete, ein ärztliches Zeugnis einreichte, seine Schicht aussetzte und am Abend dann jeweils dennoch auftrat – in der Bar Dante etwa in Zagarolo bei Rom, im Nuovo Gusto oder in der Music Hall. Atac bezahlte den Ausfall, er soll ja krank gewesen sein. Mal war es eine Kolik, mal hoher Blutdruck, mal Diarrhö. Doch einen Verdacht hatte das Unternehmen schon. Auffallend war, dass Capri an speziellen Tagen fehlte: Silvester, Valentinstag, Tag der Frau – immer dann, wenn seine Kunst wie Honig auf verliebte oder nostalgische Seelen fliessen sollte.

Und so sass in der Bar Dante in Zagarolo auch die Guardia di Finanza, Italiens Finanzpolizei. Der Verdacht lautete auf Betrug am Staat. Ein römischer Untersuchungsrichter leitete ein Verfahren ein, der «singende Busfahrer» gab zu reden, weil er irgendwie ganz gut ins Bild passte. Capri aber wähnte sich verfolgt: «Es ist absurd», sagte er in einem Interview, «ich war zwar unpässlich, aber nicht moribund. Seit wann ist Singen ein Verbrechen?» Er habe sich am Abend jeweils wieder viel besser gefühlt. Und was er in der Freizeit tue und lasse, sei privat.

Es muss ein Wunder sein

Nun, der Untersuchungsrichter kam tatsächlich zum selben Schluss und stellte das Verfahren ein. Er hielt es für plausibel, dass Capri zwar zu krank fürs Busfahren war, nicht aber fürs heitere Singen. Ausserdem habe sich der Angeklagte während der Arbeitszeit zu Hause aufgehalten, bereit für etwaige Kontrollen der Gesundheitsbehörden, und habe die Wohnung erst nach Ablauf der Dienstzeiten verlassen. Atac ging in Berufung, weil, wie es die Staatsanwaltschaft für objektive Ohren durchaus treffend formulierte, eine Pathologie nicht einfach so und genau zu Feierabend wieder aufhöre. Mehrmals. Und immer an speziellen Tagen.

Ezio Capri sang immer grossartig, auch mit Kolik und Diarrhö. Es muss ein Wunder sein, eine Sensation. Nun hat er auch das Berufungsverfahren gewonnen. Man wünscht sich, dass er in Zukunft Arbeit und Kunst zeitlich zusammenlegt, das Busfahren und das Singen. «Tutto il resto è noia», heisst ein berühmter Titel aus dem Repertoire von Franco Califano, den er gerne vorträgt: «Alles andere ist Langeweile.»

2 Kommentare zu «Kann Singen Sünde sein?»

  • Bernhard Strässle sagt:

    Albert Einstein war im Patentamt in Bern angestellt. Statt sich um eingereichte Patentanträge zu kümmern, verbrachte er die grösste Zeit mit wissenschaftlichen Arbeiten. Erst mit seiner Disseration, später mit seinen Arbeiten zur Relativitätstheorie. Wie das Patentamt diese Arbeitszeit verbuchte (Beitrag zur Wissenschaftsförderung?) ist nicht dokumentiert. Die Atac tät gut daran, die physische und psychische Vorbereitung ihres Mitarbeiters auf sein abendlichen Auftritt unter Kulturförderung abzubuchen. Besser eine angebliche Diarrhö zu Hause als eine tatsächliche im Bus…

    • Adriano sagt:

      Es ist ein Mythos, dass Einstein während seiner Arbeit auf dem Patentamt untertags an der Relativitätstheorie gearbeitet habe. Wahrscheinlich spukte sie ihm im Kopf herum, natürlich, denn solche geniale Ideen brauchen ja auch viel Intuition, welche einfacher kommen mag, wenn der Kopf mit Routinearbeit vernebelt ist. Einstein hat aber, so viel ich weiss, das verlangte Minimum an Arbeitsleistung stets geliefert. Und im Gegensatz zu diesem Vogel nicht wiederholt gezielt blau gemacht.

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