Stosszahn des Anstosses

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So liebten die Römer ihren Elefantino auf der Piazza della Minerva … Foto: Elisabetta Stringhi/flickr.com

Ein spitzes Stück Stein, zwölf Zentimeter lang nur bei einem Durchmesser von acht Zentimetern, sorgt gerade für einen monumentalen Aufschrei – für einen «Choc Capitale», wie ihn die römische Zeitung «Il Messaggero» mit einem Wortspiel beschreibt. Der Schock, so soll man das verstehen, ist so sehr einer für die Kapitale Italiens, wie er kapital ist, also irgendwie kolossal: Das «Elefantino della Minerva», eine berühmte Statue Berninis beim Pantheon, hat die Spitze seines linken Stosszahnes verloren. Sie lag einfach so am Boden, abgebrochen, zwei spanische Touristinnen haben sie gefunden. «Il Messaggero» widmet dem Vorfall drei volle Zeitungsseiten – die erste, zweite und dritte. Da soll mal einer behaupten, es gebe in diesen Tagen nichts Wichtigeres als Trump und Trumpitüden. Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi sagt: «Die Statue so verhunzt zu sehen – das verletzt uns alle.»

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… und so schaut er heute aus, mit abgebrochenem Stosszahn. Immerhin lächelt er noch. Foto: Nathalie Naim/facebook

Man muss nämlich annehmen, dass das gedrungene Elefäntchen mit dem Obelisken auf dem Rücken, das die Römer wegen seiner tapsigen Form liebevoll Schweinchen nennen, «porcino» eben, das Opfer eines Unholds wurde. Einfach so abgefallen könne der Stosszahn nicht sein, versichern die Restauratoren, unmöglich. Und so dürfte die «Amputation des Elefanten», die «Schändung», diese «Beleidigung unserer Kunst», wie man auch in anderen Zeitungen lesen kann, ein weiteres Beispiel für den diffusen Vandalismus sein, den Rom seit etlichen Jahren erleidet und auch ein bisschen erduldet. Jedenfalls muss sich die Stadtregierung vorwerfen lassen, sie schütze den reichen Kulturschatz nicht genügend, der seine öffentlichen Piazze und Pärke ziere: die Brunnen und Büsten, Stelen und Statuen.

Nur Mörtel statt wertvoller Marmor

Nur eine einzige Videokamera, jene über dem Eingang der Senatsbibliothek, könnte den Vorfall am Elefanten gefilmt haben. Vielleicht. Die Polizei hat die Aufnahmen beschlagnahmt. Vorstellen könnte man sich zum Beispiel, dass mal wieder ein Tourist im Suff auf die Statue gestiegen ist, um sich da fotografieren zu lassen – oder, auch sehr beliebt, um ein Selfie zu machen, und sich dafür am linken Stosszahn festhielt. Möglich wäre aber auch, dass ein Fussball den Schaden verursacht hat, ein amateurhafter Fehlschuss. Der Rektor der Basilica Santa Maria sopra Minerva, Don Gian Matteo Serra, berichtet, das Portal seiner Kirche diene den nächtlichen Kickern auf dem Platz als Tor: «Das ist doch ein bisschen untragbar, nicht?», sagt er. Don Serra hat sich oft beschwert über die feuchtfrohen Feste, das «Drama» sei ja absehbar gewesen.

Drama? Das abgebrochene Stück Stosszahn, so erfährt man nun von der Oberaufsicht der römischen Kulturgüter, ist kein Original, kein Marmor von 1667, dem Baujahr des Elefantino. Die Spitze ist aus Mörtel, eine Prothese, Frucht einer Restaurierung. Gar nicht lange her. An der Ewigkeit der Stadt muss manchmal halt notdürftig geflickt und gekittet werden. Man kann die Spitze wieder ankleben, in zwei oder drei Tagen, das kostet nur 1500 bis 2500 Euro. Vielleicht löst sich dann auch die Schockstarre wieder.

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