Visa, selbst für die Himmelspforte

Freier Zutritt in 172 von weltweit 218 Staaten: Für Schweizer sind fast Grenzen offen. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Freier Zutritt in 172 von weltweit 218 Staaten: Für Schweizer sind fast alle Grenzen offen. Foto: Martial Trezzini (Keystone)

Zuerst ein Disclaimer: Mit meinem deutschen Pass kann ich mich eigentlich nicht beschweren. Er ist das potenteste Reisedokument der Welt, indem er in 177 von weltweit 218 Staaten mühelos die Grenzbarrieren öffnet. Man muss dafür nicht einmal einen dieser gottverdammten Aufkleber, Visum genannt, vorweisen können (mit 172 Staaten steht die Schweiz übrigens auf Platz 6). Trotzdem läuft mir beim Wort Visum stets ein kalter Schauer über den Rücken, denn die 41 zu einem Full House fehlenden Staaten scheinen alle in meinem afrikanischen Berichterstattungsgebiet zu liegen.

Bei fast jeder Reise auf dem Kontinent muss ich mich um einen Aufkleber bemühen – und damit ist nicht nur eine stattliche Zahlung, sondern vor allem erheblicher Aufwand verbunden. Die Fahrt zu einer der im 70 Kilometer entfernten Pretoria gelegenen afrikanischen Botschaften gehört zu den Schattenseiten meines Korrespondentenlebens. Denn meistens kommt dem triumphierend lächelnden Konsularbeamten dann doch noch ein fehlendes Papierchen in den Sinn, das nachgeliefert werden muss – ein Ritual, das sich zwei bis dreimal wiederholen kann. In der Regel klebt am Schluss aber doch ein Aufkleber im Pass.

Das «biometrische Passfoto»

Mit einem derartigen Happy End kann allerdings nicht jeder rechnen. Geht es um die umgekehrte Reiserichtung, und will ein Afrikaner in meine europäische Heimat gelangen, sind seine Aussichten wesentlich schlechter. In Westafrika, fand eine Untersuchung kürzlich heraus, wird jeder dritte Antrag auf ein Schengen-Visum abgelehnt. Halten wir uns mal das Los eines sierra-leonischen Kollegen vor Augen, der in meine deutsche Heimat kommen will. Da es in dem westafrikanischen Staat keine deutsche Botschaft gibt (für die Schweiz gilt dasselbe), muss er in die ghanaische Hauptstadt Accra fliegen.

Er sollte mindestens vier Wochen vor seinem Abflug einen Termin beim dortigen Konsulat buchen und muss folgende Dokumente mitbringen: ein ausgefülltes Antragsformular (gibt es umsonst!). Ein biometrisches Passfoto (was das ist, muss der Bewerber selber eruieren). Einen Pass mit noch zwei freien Seiten, gültig bis drei Monate nach der Rückkehr (warum?). Abgelaufene alte Pässe (warum?). Eine Flugreservation, natürlich mit Rückflug. Seine Geburtsurkunde (brauchte ich noch bei keinem Visum). Hotelreservierungen oder andere Unterkunftsnachweise (für die gesamte Reise). Nachweis einer Krankenversicherung (anerkannt sind nur von der Botschaft akkreditierte Versicherungsfirmen; da es in Sierra Leone keine solche gibt, muss es eine ghanaische sein). Nachweis über ausreichende finanzielle Mittel während des Aufenthalts in Europa (etwa beglaubigte Bankauszüge). Einladungsschreiben vom Gastgeber. Passkopie des Gastgebers. Nachweis eines Arbeitsplatzes in Sierra Leone durch Arbeitsvertrag und Gehaltsüberweisungen der vergangenen drei Monate; falls selbstständig: Firmenregistrierung, ausserdem Konto-Auszüge und «andere Geschäftspapiere». Eventuell Heiratsurkunde und Geburtsurkunde von Kindern. Schliesslich: Begleitschreiben vom Arbeitgeber, von der Universität oder der Schule. Und last, not least: 60 Euro Visa-Gebühr, was in Sierra Leone weit mehr als dem Monatsgehalt eines Journalisten entspricht. Fettgedruckt wird darauf hingewiesen: «Im Fall einer Ablehnung des Antrags wird diese Gebühr nicht zurückerstattet.»

Nach einer Recherche des Magazins «New African» haben Afrikaner im vergangenen Jahr 50 Millionen US-Dollar an Gebühren für nicht ausgestellte Visa verloren. Jeder dritte Visumantrag soll abgelehnt worden sein.

Europäer ins Hotel, Afrikaner ins Massenlager

Hat sich ein europäischer Innenminister mal Gedanken darüber gemacht, warum so viele Afrikaner auf gefährlichste Weise ohne Papiere durch die Wüste und übers Mittelmeer nach Europa zu kommen suchen?

Haben sie ihre Visa-Formalitäten tatsächlich erfolgreich hinter sich gebracht, müssen Afrikaner auch auf ihrer Reise mit mancher Unbill rechnen. Bei der Landung in Frankfurt oder Zürich werden sie gleich nach dem Verlassen des Flugzeugs an einem ersten Vor-Check kontrolliert, der in der Regel nur Passagiere mit dunkler Hautfarbe trifft. In Istanbul können «gewöhnliche» Fluggäste bei einem längeren Zwischenaufenthalt an einem Automaten ein Transitvisum erstehen und bekommen von Turkish Airlines die Nacht in einem 4-Stern-Hotel bezahlt. Afrikanische Pässe nimmt der Automat jedoch nicht entgegen: Deren Inhaber können in einem Massenschlafsaal auf dem Flughafen übernachten.

«Wenn ein Europäer nach Afrika umzieht, entschuldigt er sich dafür nicht», kommentiert die kenianische Schriftstellerin Ciku Kimeria: «Nur wir müssen überall schwören, dass wir nirgendwo länger als ein paar Tage bleiben werden.» Afrikanische Universitäten beklagen sich bereits über Probleme beim wissenschaftlichen Austausch, weil Forscher immer öfters davor zurückschrecken, die langwierigen und oft erfolglosen Visa-Prozeduren über sich ergehen zu lassen. Im Rahmen einer Studie unter afrikanischen Wissenschaftlern gaben 34 Prozent der Befragten an, wegen der Ablehnung von Visa-Anträgen bereits berufliche Nachteile erfahren zu haben. «Ich warte nur noch darauf», feixt Schreiberin Kimeria, «dass ich auch im Himmel ein Visum vorzeigen muss.»

16 Kommentare zu «Visa, selbst für die Himmelspforte»

  • René Müller sagt:

    Eine Katastrophe war das Dänische Konsulat ind Benin, das auch für die Schweiz zuständig war. 90% der Anträge wurden abgelehnt. (Aussage eines ehemaligen Angestellten.) Heute muss man auch nach Accra reisen. Vergleichbar wenn sie in der Schweiz wohnen, müssten sie in München das Visum holen. Nur brauchen sie nach München mit dem Auto nicht gegen zehn Stunden. Mein Stiefsohn, schon dreimal in der Schweiz. Guter Job in Benin. Familie drei Kinder. Denkt nicht daran Benin zu verlassen. Er sollte in die Schweiz kommen, um Erb-Angelegenheiten zu unterzeichnen, was seine persönliche Anwesenheit bedingt. Die „Dame“ auf dem Dänischen Konsulat lehnte es ohne Begründung ab. Es gäbe Lösungen wie früher, aber die Departemente hüten ihre Gärtchen, obwohl es viel teurer ist.

  • Daniel Steinmann sagt:

    Danke für den Beitrag. Kann ich exakt so bestätigen. Ich lebe mit meiner ugandischen Frau (Ugandischer Pass) und unseren zwei Kindern (Schweizer Pass) zwischen Südafrika und der Schweiz.
    Seit letztem Jahr mit festem Wohnsitz in Kapstadt. Es ist jedes Mal ein schier endloses Prozedere. Für einen Verwandtenbesuch in England fast ein Ding der Unmöglichkeit und saftig teuer. Aber auch mit der Schweiz ein Spiessrutenlaufen. Nach 6 Jahren verheiratet haben wir uns gefreut, dass jetzt meine Frau auch einen sogenannten 1. Welt-Pass erhält und wir endlich nicht mehr schikaniert werden. Nach Auskunft des Schweizer Konsulats dauert das Prozedere mit vielen Formularen und Interviews ein bis zwei Jahre . . .

    • Martin sagt:

      Nach 6 Jahren verheiratet haben wir uns gefreut, dass jetzt meine Frau auch einen sogenannten 1. Welt-Pass erhält und wir endlich nicht mehr schikaniert werden.
      ..
      Sie muessen sich bei den Leuten bedanken, welche heiraten und ihren Ehepartner ins Zielland bringen, um sich 2 Monatate spaeter scheiden lassen.
      Ich hatte es auch nicht einfach, als ich nach Australien ging (als Schweizer mit Aussi 7 Jahre verheirated und Kinder alle fuenf von mir).
      ..
      Zum selben Zeitpunkt wollte eine 55 jaehrige Australierien ihren Afrikanischen Mann 30 Jahre alt, gutaussehend nach Australien bringen, wurde abgelehnt. Kam in der Zeitung hier in Australien.

    • Hans Peter sagt:

      Kann bis zu. Ich habe mich vorher etwas naiv gestellt und beim Kanton informiert. Und der Gemeinde. Umd beim Gemeindeschreiber. Dann alles eingereicht, was mindestens einer der drei genannt hat. Bezahlt. Dann kamen im Zweimonatsrhythmus noch nachzureichende Formulare aus Bern/Kantonshauptstadt. Das tollste nach x Monaten: Der Pöstler läutet an der Tür und will die Einbürgerung per Nachnahme abgeben. Da wir nicht gerade 750 Franken einfach so im Portemonnaie hatten, dauert es halt einen Tag länger, bis meine Frau den Entscheid am Schalter abholen konnte.

  • Asress sagt:

    Herr Dietrich vielen Dank für den Artikel. Sie sprechen mir aus der Seele. Als Afrikaner brauche ich sogar auch für die Hölle ein Visum. Oft ist es traurig, was ich alles über mich ergehen lassen musste, ob beruflich oder privat. Meine Frau und meine Kinder – alle Schweizer können fast überall spontan reisen, während ich mich rechtzeitig ums Visum kümmern muss.
    So ist nun mal die Welt. Und noch dazu: die Versicherungsprämie fürs Auto hängt in CH auch davon ab welchen Pass man hat.

    • Alberto La Rocca sagt:

      Als Schweizer muss man sich für die meisten afrikanischen Länder selbst als Entwicklungshelfer ein Visum kaufen – m.a.W. , obwohl die entsendende Organisation dem Einreise-Land Tausende bis Zig- oder Hundert-Tausende von Franken zugute kommen lässt, kommt man in die meisten afrikanischen Länder nicht gratis rein – also Ball flach halten, Asress.

  • Ruth sagt:

    All das ist weder neu noch überraschend, sondern schon seit Jahrzehnten so. Mag sein, dass das eine oder andere Regularium neu dazu gekommen ist, aber eben nicht aus Jux und Tollerei, sondern weil die Visen massenhaft missbraucht wurden und werden.
    Ich wohne auch in Afrika und leider höre ich in regelmässigen Abständen, wie man Visas „kauft“, also illegal beschafft. Egal, welche Hürden man sich z.B. betreffs des Schengen-Visas ausdenkt, die Kriminellen sind immer schneller und verdienen sich dabei noch eine goldene Nase. Ein Visum: bitte gerne, kostet € 10.000.
    Meint Herr Dietrich in echt, dass die Visas für Afrika abgeschafft werden sollen?

    • René Müller sagt:

      Sie scheinen keine Ahnung zu haben wie die Schengen-Visa intern weitergemeldet werden. Das wäre nur möglich mit einem korrupten Beamten aus Europa. Und der wäre sicher nicht lange auf dem Posten. Bitte klarere, bessere Beweise.

  • Reto Albiser sagt:

    Wir senden jedes Jahr ca. 50 Angolanische Mitarbeiter zur Ausbildung nach Houston, Dubai,London,Kairo, Celle, SIngapore und hatten noch nie Probleme. Es stimmt schon dass es ein grosser AUfwand ist aber wenn die HR Abteilung gut ist koennen die das ganz gut loesen. Alles halb so wild. Herr Dietrich uberspitzt die ANgelegenheit natuerlich , denn er moechte eine schoene Geschichte schreiben. Aber die Wirklichkeit ist ein klein wenig einfacher.

    • Klemens J. sagt:

      Mit Verlaub, ihre Angolanischen Mitarbeiter sind wohl auch bei einer westlichen Firma angestellt, welche für sie um ein Visum weibelt. Ein Luxus, den nicht viele Arbeiter haben.

      • Alberto La Rocca sagt:

        Die Arbeitnehmer, die nicht bei einer westlichen Firma arbeiten, haben aber auch kaum das Kleingeld, sich in einer westeuropäischen oder nordamerikanischen Destination aus eigener Kraft finanziell über Wasser zu halten. Ganz im Gegensatz zu den afrikanischen Potentaten, die schon mal zum größten Grundbesitzer Brasiliens aufsteigen können (Angola) – und dabei die aus dem (portugiesisch-)brasilianischen Kaiserreich hervorgegangenen 100 Familien ausstechen oder den größten Teil des Jahres im Genfer *****Hotel InterContinental statt zuhause verbringen können (Kamerun).

  • Der Bünzli sagt:

    Danke für diesen wertvollen Beitrag. Es führt uns vor Auge wie gut es uns geht und wie wenig sich die Situation für die anderen geändert hat. Das afrikanische Kontinent hat stark gelitten und wir sind daran nicht unbeteiligt. Wenn wir das Ende der politischen Kolonisation vor knapp 60 Jahren feierten, können wir heute nüchtern die Verbreitung der ökonomischen Ausbeutung feststellen.

    Wir meinen immer noch im Zentrum der Welt zu stehen. »Mit der Abstumpfung gegen das Mitleiden verlierst du zugleich das Miterleben des Glücks der andern.« Albert Schweitzer.

    • Rolf Zach sagt:

      Es ist nicht die ökonomische Ausbeutung, die ein Problem ist, die schlägt sich in Zahlen gar nicht so sehr zu Buche, wie wir dies im allgemeinen annehmen. Was haben wir Europäer als koloniales Vermächtnis als ihre Elite hinterlassen? Schlimmeres hätten wir diesen Völkern gar nicht antun können. Warum sind stinknormale Afrikaner, genau die gleichen Menschen wie stinknormale Europäer, an der Macht zu derartigen Monstern ausgewachsen.
      Wir hatten dort Schulen mit allen Idealen der Aufklärung, wir hatten dort Missionen wie die Weißen Väter, was wurde daraus? Eine Katastrophe!

  • H.-R. Hodel sagt:

    Ob die damit Diplomaten meinten?

  • Urs Muller sagt:

    Stimmt leider nicht.
    Wer nach Hollaendisch Guyana – heute Surinam – reist benoetigt mit einem Schweizer Pass ein Visum, obwohl das Land praktisch Hollaendisch geblieben ist.

    • Alberto La Rocca sagt:

      Surinam ist ein autonomer Staat in Südamerika – wo ist der Bezug zum Thema, dass die meisten Afrikaner ein Visum benötigen, wenn sie in der Welt herumreisen?

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