Schlau, schlauer, Süditalien

Frühere Tests in Italien ergaben ein exakt umgekehrtes Klassement: Oben der Norden, in der Mitte das Zentrum, unten der Süden. Foto: studentville.it

Frühere Tests in Italien ergaben ein exakt umgekehrtes Klassement: Oben der Norden, in der Mitte das Zentrum, unten der Süden. Foto: studentville.it

Manch Wunder verwelkt schon im allgemeinen Unglauben, bevor es seinen schönen Zauber entfalten kann. Dieser Tage, mitten in den grossen Schulferien, hat das italienische Erziehungsministerium die Resultate des aktuellen Jahrgangs der Maturanden veröffentlicht. Da erfuhr man zum Beispiel, dass von allen Prüflingen im Land nur gerade 0,5 Prozent durchgefallen sind. Macht eine Erfolgsquote von sagenhaften 99,5 Prozent. Und die durchschnittliche Leistung derer, die bestanden haben, soll auch noch deutlich besser gewesen sein als im Vorjahr.

Noch erstaunlicher aber ist die geografische Verteilung jener schlauen Köpfe, die bei den Schlussexamen nicht nur die maximale Punktzahl erreichten, sondern dazu auch noch eine Auszeichnung erhielten: «100 e lode», 100 cum laude. Am meisten hochbegabte junge Menschen gibt es demnach in den süditalienischen Regionen Apulien, Kampanien, Sizilien und Kalabrien, in dieser Reihenfolge. Der geballte Mezzogiorno – er steht für einmal ganz oben, mit erdrückendem Vorsprung auf den Norden. Jedes fünfte Genie der neuen Generation lebt offenbar in Apulien, auf einem doch recht kleinen, schmalen Fleck Erde am Absatz des Stiefels.

600 Euro für die Allerbesten

Nun, so sehr man dem ausgezehrten Süden eine solche Revanche über den oftmals etwas blasierten Norden gönnen würde: Niemand vertraut den Zahlen. Im Norden sind sie sogar ziemlich empört ob der guten Zensuren im Süden, weil die Punktezahl ja darüber entscheidet, an welcher Hochschule man studieren darf. In Italien ist es ausserdem so, dass der Staat die Allerbesten, eben jene mit «100 e lode», mit einem Bonus beschenkt: Früher gab es dafür 1000 Euro, nun sind es nur noch 600 Euro. Aber immerhin.

«Die Rechnung geht nicht auf», schreibt die Zeitung «Corriere della Sera» aus Mailand. Sie erinnert an die Ergebnisse unabhängiger nationaler und internationaler Tests aus der jüngeren Vergangenheit, die ein exakt umgekehrtes Klassement ergaben: oben der Norden des Landes, in der Mitte das Zentrum, unten der Süden. Die Pisa-Studie etwa zeigte, dass in keiner Region Italiens die 15-Jährigen einen grösseren Bildungsrückstand aufweisen als in Sizilien. Das ist zwar schon zehn Jahre her. Doch niemandem wäre aufgefallen, dass das Bildungswesen auf der Insel in der Zwischenzeit markant verbessert worden wäre. Nun zählt Sizilien aber plötzlich doppelt so viele Topleistungen als die Lombardei.

Regionale Solidarität der Lehrer

«Mal ehrlich», fragt der «Corriere» rhetorisch, «ist so ein Umschwung möglich?» Verhandelt wird die These, wonach die Lehrer im Süden allgemein grossherziger sind mit ihren Schülern, weil im Süden nun einmal alle an diesem diffusen Gefühl der Randständigkeit und der Vernachlässigung leiden – aus regionaler Solidarität also.

Natürlich liesse sich die Verzerrung beheben, indem man alle Prüflinge im Land jeweils demselben Examen unterzöge und ihre Elaborate dann zur Bewertung einer zentralen Prüfungskommission unterbreitete. Zumindest bei den schriftlichen Examen ginge das leicht. Das wäre auch fairer. Doch ist fair in diesem Fall auch wirklich gut? Man muss nämlich annehmen, dass noch viel mehr Jugendliche im Süden die Schule frühzeitig abbrechen würden, wenn sie nicht wie durch ein Wunder immer weiterkämen. Immer, immer weiter mit aufmunternd guten Noten.

4 Kommentare zu «Schlau, schlauer, Süditalien»

  • Gianni Bonardi sagt:

    Seit zwei Jahren verbringe ich als pensionierter ein Grossteil meiner Zeit ganz unten in Apulien. Finibus Terrae.. oder Leuca… Nein bin kein Pugliese und die von Oliver Meiler erwähnten Resultate sind mir bekannt. Tatsachlich begegne ich hier immer wieder einigen jungen Menschen mit hervorragender Ausbildung und Kenntnissen. Aber beim Applizieren des Wissens ist dann tote Hose. Einmal weil es in der unmittelbaren Umgebung null Angebote gibt und weil Sie oftmals kaum über den Tellerrand raus sehen und Ihnen die eigenen Charakterzüge und Kultur im Wege stehen. Vom System hier will ich gar nicht reden. @ Meinhard S. Rohr. Ja die Ferien, so erging es mir auch, aber als Jahresaufenthalter kann es enorm anstrengend sein. Kaum zurück in der Schweiz übermannt mich aber tiefe Nostalgie !!!

  • Meinhard S. Rohr sagt:

    Habe gerade wieder drei Wochen in Apulien verbracht.
    Die Menschen sind an Freundlichkeit kaum zu übertreffen, was sich jedoch auch in den letzten Jahren überhaupt nicht verändert hat: auch bei den Jungen spricht kaum jemand eine andre Sprache als Italienisch…

  • Margot sagt:

    Das ist in Frankreich, Spanien und Portugal auch ganz ähnlich. Deutschland hat aufgrund dessen das Niveau absenken müssen, der Abiturienten Anteil ist von 38% auf 55% gestiegen. In der Schweiz ist das Niveau bei ca. 38% geblieben. Nur das SECO hat davon noch nichts gemerkt und lobt jedes mal aufs Neue, die gute Akademisierung Quote der PFZ Zuwanderer.

  • Johann Betz sagt:

    Das erinnert irgendwie an das Bildungsgefälle in Deutschland: Bremen hat viel mehr und viel bessere Abiturienten als Bayern, aber Bayern ist wirtschaftlich und politisch viel erfolgreicher als Bremen.

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