Italiens schmelzender Nationalstolz

Welttheater

Das Glace gehört im Sommer zum italienischen Alltag wie der Kaffee. Foto: Romrodinka (iStock)

Beim Genuss eines Gelato gibt es diesen Moment, und er setzt schon betrüblich früh ein, da schmilzt das Glace unter der Hitze der Sonne einfach weg. Es zerrinnt, als hätte es einem nie gehört, und tropft auf Hände, Hosen, Hemd. Gerade hatte es doch noch in den beschlagenen Stahlbehältern gelegen, rauchend vor Kälte, verlockend bunt und fest hinter dem Thekenglas: Stracciatella, Limone, Fragola, Bacio. Schon fliesst es weg, wie ein enttäuschtes Versprechen. Man versucht dann mit akrobatischem Drehen der «coppetta», des kleinen Kartonbechers, oder des «cono», des Cornets, bei gleichzeitigem Verdrehen des Kopfes die Wonne irgendwie zu retten. Wie man das immer tat, als Kind schon.

Sommer in Italien – es würde ihm ein schöner Teil seiner Süsse und Leichtigkeit fehlen, wenn es die Gelateria nicht gäbe, die Glace-Bar, diese Raststätte der Versuchung.

Es gibt sie nun überall, und jedes Jahr werden es noch mehr: 40’000 Gelaterie zählt Italien mittlerweile. Das Geschäft wächst in der Wirtschaftskrise so gut wie wenige andere, was auch mal eine soziologische Studie rechtfertigen würde. Fünf Milliarden Euro setzt die italienische Eisindustrie mit ihren 150’000 Mitarbeitern jährlich um. Da gehört die Produktion von Eismaschinen und Kühlschränken dazu. Man ist globaler Marktleader, und das sollte niemanden verwundern: Die Chinesen mögen ja vielleicht die Ersten gewesen sein, die gesüsstes Eis assen; doch zur kulinarischen Alltagsfreude haben es die Norditaliener (mit Cremigem) und die Süditaliener (mit Fruchtigem) erhoben. Seither läuft das Crescendo.

Unten in der Gasse, an der zentralen Via dei Falegnami in Rom, öffnet gerade ein neuer Laden, der gefühlt tausendste im Viertel: Scimmia Factory heisst er, Affenfabrik, die Filiale einer Kette aus Neapel. Offenbar wird es immer schwieriger, die Originalität der vielfältigen Konkurrenz mit noch mehr Originalität zu kontern, auch beim Namen. Die Palette der Sorten, der «gusti», ist längst von Herrschaften revolutioniert worden, die das Gelato in die höhere Gastronomie entführt haben. Man trifft nun auch auf Glacé mit dem Geschmack von gut gealtertem Parmesan oder von Gorgonzola, von Trüffeln und Barolo. Tomatensorbet ist etabliert. Basilikum, Thymian, Lavendel – alles möglich, alles dabei.

Wie jeden Sommer erscheinen nun wieder die Ranglisten der besten Dielen im Land. Etwa so, wie man das von den Restaurants kennt. Auf Dissapore.com zum Beispiel erhält man die Übersicht über die 100 besten «Gelaterie artigianali» für 2016. Das Gütesiegel «hausgemacht» ist dabei natürlich besonders wichtig. Da die Gesetze es nicht genügend klar definieren, brüsten sich viele der Eigenproduktion, obschon sie nichts wirklich selber machen. Gut ist ein «Gelataio», ein Glace-Hersteller, nur dann, wenn er weder Farbstoffe noch Chemie beimischt und ausschliesslich Saisonfrüchte verarbeitet, frische Milch statt Milchpulver. Das Eis sollte auch ein bisschen etwas kosten, sonst ist es verdächtig.

Den ersten Platz belegt in diesem Jahr übrigens die Gelateria Capolinea im norditalienischen Reggio Emilia. Empfohlen wird das «Cremino tricolore» – Pistazien, weisse Schokolade, Himbeeren. Die Farben Italiens in aller Pracht, bevor sie unweigerlich und viel zu schnell ineinanderfliessen und über die Hände tropfen.

4 Kommentare zu «Italiens schmelzender Nationalstolz»

  • Martha sagt:

    Italienisches Glacé bleibt das beste – weltweit. Habe nie verstanden, warum in der Schweiz sich keine Gelateria durchgesetzt hat. In Österreich und Deutschland vermarkten die Italiener ihr herrliches Gelato mit grossem Erfolg.

  • Gregor sagt:

    Ist italienische Gelati noch relevant, wenn alle nach Frozen Yoghurt rufen weil es gesünder ist?

    • Hans Schmid sagt:

      Das wirkliche gesundheitliche Übel ist der Zucker und nicht das Fett, daher ist Frozen Yoghurt – wenn überhaupt – nur marginal gesünder.

  • Rémy sagt:

    Ein grünes Pistazieneis hat IMMER Farbstoffe drin. Pistazieneis ohne Farbstoff ist bräunlich. Ergo hat das „Cremino tricolore“ von Capolinea auch Frabstoff drin und gehörte eigentlich nicht in die Liste. Da aber niemand braunes Pistazieneis verkauft, sondern nur Grünes, ist die Liste eigentlich überflüssig!

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