Umstrittene App-Safari im Krügerpark

Ein Elefantenbulle kreuzt den Weg eines Safari-Wagens. (Reuters/Mike Hutchings)

Highlight jeder Safari-Tour: Elefantenbulle kreuzt den Weg eines Konvois im afrikanischen Krügerpark. (Reuters/Mike Hutchings)

Natur und Technik zu versöhnen, ist ein alter Traum der von ihren natürlichen Wurzeln entfremdeten Menschheit. Der jüngste Träumer ist der südafrikanische Teenager Nadav Ossendryver, der mit seinen Eltern regelmässig eines der grössten Naturreservate Afrikas aufsucht, den südafrikanischen Krügerpark. Dort zwang der Junge seine Eltern, die Insassen jedes entgegenkommenden Fahrzeugs ausführlich nach deren Sichtung wilder Tiere zu befragen – bis Mama und Papa irgendwann die Nase voll hatten und sämtliche Autos an sich vorbeirauschen liessen.

Traditionelle Safari-Werte verdrängt

Daraufhin sah sich der 15-jährige Naturfreund zu einer Rückbesinnung auf seine technologische Intelligenz gezwungen. Nadav entwickelte eine App, mit der Besucher des Krügerparks ihre Begegnung mit jagenden Löwen oder ohrenwedelnden Elefanten auf ihrem Smartphone registrieren konnten – einschliesslich der GPS-Daten, versteht sich. Die Erfindung stellte sich als derartiger Erfolg heraus, dass Nadavs Website Latestsightings.com zu einer der populärsten Internetseiten am Kap der Guten Hoffnung reüssierte. «Wir haben das Naturerlebnis der Menschen noch wesentlich besser gemacht», schlägt sich der Computerfreak an die Brust.

Naturschutzprofis sind allerdings anderer Meinung. Die Behörde des Krügerparks will Nadavs App sogar verbieten: Die technologische Errungenschaft habe die traditionellen Safari-Werte völlig durcheinandergebracht, wettert die Marketingchefin des staatlichen Reservats, Hapiloe Sello. Statt wie bisher entspannt und unter Einhaltung der Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h durch die tierreiche Steppe zu gondeln, rasten die mit einer App ausgerüsteten Parkbesucher heute bei jeder «Latestsighting» mit Vollgas zu den angegebenen GPS-Koordinaten – nur um am Zielort auf einen ganzen Wagenpark angelockter Touristen zu stossen und auf dem Weg so manches Erdmännchen überfahren zu haben. Raserei und Road-Kill nähmen immer besorgniserregendere Ausmasse an, klagt Sello: Das Naturerholungsgebiet drohe zu einem Rallye-Parkour mit Punktesystem für angesammelte Tiersichtungen zu verkommen.

Wie Fliegen auf einem Büffelrücken

Ossendryver & Co. wollen solche Vorwürfe nicht auf sich sitzen lassen. Die Parkbehörde suche nur ihre eigenen Fehler auf andere abzuwälzen, kontert Südafrikas Mark Zuckerberg: Wie das von Geldgier getriebene Bemühen, immer mehr Besucher in den Park zu locken. Waren im Jahr 1998 noch lediglich 2000 Autos täglich im Park unterwegs, so seien es heute mehr als 3000, rechnet Ossendryver vor: Kein Wunder, dass sich die Fahrzeuge bei interessanten «Sightings» wie Fliegen auf einem Büffelrücken häuften. Auch die Raserei sei keineswegs neu: Allerdings seien dafür nicht zuletzt die Wildhüter selbst verantwortlich, die sich an keine Geschwindigkeitsbegrenzung gebunden fühlten und den grössten Schaden anrichteten.

Experten, die weniger von der Natur, aber mehr von Technik verstehen, fragen sich ausserdem, wie die Parkbehörde ihr App-Verbot überhaupt durchsetzen will. Sie könnte höchstens allen Besuchern beim Eintritt ins Reservat das Handy wegnehmen oder den Empfang im ganzen Park stören – die Versöhnung von Natur und Technik bleibt so nach wie vor ein Traum.

5 Kommentare zu «Umstrittene App-Safari im Krügerpark»

  • Marcel Graf sagt:

    Good news fuer die Wilderer. Koennen nun mittels App-crowd sourcing sogar entscheiden, ob ein Ziel verfolgenswert ist oder nicht. Elefant und Nashorn, was nice to know you.

  • Ruth Falk sagt:

    Wie überall: gedankenlose Menschen „lieben“ die Natur zu Tode. Auch Afrikas Naturparks sollten die Besucherzahlen, wie in Galapagos, streng reduzieren, und zum Ausgleich die Eintrittspreise hochschrauben, dann reguliert sich das Problem von selbst. Ist vielleicht nicht sehr sozial, aber die Tiere, wie die ganze Natur, haben ihre eigenen Rechte, die die Menschen schon lange genug mit Füssen trampeln.

  • Tino Brunner sagt:

    Als ehemaliger Safari Guide im Kruger Park und Botswana sehe ich eine grosse Gefahr in dieser App. Natuerlich ist ein Verbot nicht durchzusetzen. Trotzdem ist es ein grosses Problem vorallem in den staatlichen Bereichen des Parks, wo die Touristen mit dem eigenen Auto fahren koennen. Ja die Safari Guides sprechen sich untereinander ab und geben an, wo sie was gesehen haben, aber das passiert nur in den sogenannten Privat Concessions. Wo es ganz klare Regeln hat wie viele Safari Fahrzeuge pro Tag zugelassen sind und wie viele Fahrzeug um ein Tier herum stehen duerfen. Mit dem heutigen Poaching Zahlen etc ist diese App eine grosse Gefahr.

  • Yves Baumann sagt:

    Die Parkbehörde hat ja selber Latestsightings eingeführt. An jedem Rastpunkt gibt es eine Tafel, wo die Besucher angeben können, welche Tiere sie wo gesehen haben. (Ist natürlich nicht so aktuell wie eine App, aber geht in die gleiche Richtung.)

    • Irène Kühnis sagt:

      und die Wildhüter oder Safari-Guides kommunizieren ja auch über Funk und Handy, damit jeder jedem mitteilen kann, was wo gesichtet wurde… sehe den Grund der Hysterie nicht. Zu viel Leute? Zu viele Wagen? Ja. Alles andere Humbug.

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