Wie Zimbabwes Flagge zum roten Tuch wurde

Es war ein mieser Tag, erinnert sich Evan Mawarire. Der 39-jährige Zimbabwer wusste nicht, wo er das Schulgeld für seine Kinder hernehmen sollte – keiner seiner Bekannten konnte ihm noch etwas Bares leihen. Das muss im Kopf des Pastors einen Schalter umgelegt haben: Statt nach Hause zu gehen, zog er sich eine zimbabwische Flagge um die Schulter und setzte sich vor seinen Computer.

«Diese Flagge … diese wunderschöne Flagge», begann Mawarire einen herzzerreissenden Monolog, in dem er in meisterhafter Form alles herauskotzte, was sich über die Jahre in ihm angesammelt hatte. «Das Grün hier soll für den Mais in unserem Land stehen … Aber ich sehe keinen Mais … Das Gelb steht für die Mineralien, die gestohlen worden sind … Und rot symbolisiert das Blut der Befreiungskämpfer, die dies gewiss zurückfordern würden, wenn sie wüssten, was aus ihrem Land geworden ist.»

Vier Minuten später endet Mawarire mit dem emphatischen Aufruf an seine Landsleute, endlich den Mund zu öffnen. «Wir haben lange genug am Rand gestanden», fügt der Pfarrer hinzu: «Es ist jetzt Zeit, dass etwas passiert.»

Dann drückte der Pastor «Send» – und kurz darauf stand seine Heimat Kopf.

Der einzigartige Fahnen-Appell (siehe Video) wurde in den kommenden Tagen mehr als 150’000-mal unter #thisflag abgerufen – und das in dem von seinem Präsidenten Robert Mugabe ruinierten Bettelstaat, in dem Computer so rar wie Edelsteine sind. Die Zuschauer reagierten mit einer Flut von «Likes», mit Ermunterungen und eigenen Appellen, bis die Kampagne schliesslich auch aufs richtige Leben überschwappte: Einige Hauptstadtbewohner gingen mit umgehängter Flagge auf die Strasse.

Schon fühlt sich mancher an die Anfangszeit des arabischen Frühlings erinnert – darunter offenbar auch die nervösen Angehörigen des Establishments. Es handele sich lediglich um «den Furz eines Pfarrers in den Korridoren der Macht», kommentiert Erziehungsminister Jonathan Moyo: Mawarires Sympathisanten seien «namen- und gesichtslose Trolle», die der Geltungssucht des Geistlichen auf den Leim gegangen seien.

In einer verzweifelten Volte ruft der schillernde Politiker einen eigenen Hashtag, #ourflag, ins Leben: Der muss sich allerdings mit einer Handvoll Likes und ein paar höhnischen Kommentaren begnügen.

Zum Afrikatag am 25. Mai gibt die Regierung 600’000 US-Dollar aus, um eine Million Menschen in die Hauptstadt zu karren: Sie sollen ihre Verehrung des 92-jährigen und altersstarren Präsidenten ausdrücken. Unterdessen muss Mawarire neben den aufmunternden Zurufen auch drohende Telefonanrufe entgegennehmen: «Weisst du nicht, dass dich die Flagge, die du um den Hals hängen hast, auch erwürgen kann?», fragt eine ihm unbekannte Stimme des Nachts.

Selbst vor dem Parlament macht der Flaggenstreit nicht Halt. Zwei Oppositionsabgeordnete werfen sich ostentativ das bunte Tuch um die Schulter – nur um vom Parlamentschef zum sofortigen Verlassen des ehrenwerten Hauses aufgefordert zu werden. Der Regierungspartei ist das nationale Symbol zum roten Tuch geworden: Genau das, was Pastor Mawarire zum Ausdruck bringen wollte.

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2 Kommentare zu «Wie Zimbabwes Flagge zum roten Tuch wurde»

  • Ronnie König sagt:

    Mugabe hatte seine einstigen Verdienste schon lange verspielt! Er hatte nichts begriffen. Und England spielte ihm noch in die Hand (M.Thatcher!). Bis dieses Land wieder auf die Beine kommt, da wird es noch sehr lange dauern, selbst, wenn morgen schon Mugabe Geschichte wäre! Der war ja nicht alleine, er hatte seine Helfer und deren Familien/Klane. Zwei grössere Volksgruppen/Stämme die sich nicht so grün sind. Dann eine grössere Anzahl an Farmern die man vertrieb und die Zecken die sich darauf einquartiert haben. Die Elita hätte Geld, aber das liegt ausserhalb des Landes, kann blockiert werden und würde dan auch noch fehlen, obwohl blutig, wäre es nötig.

  • Remo Nydegger sagt:

    Simbabwe ist nur eines von vielen Ländern in Afrika, das im Hass auf die Weissen zu Grunde gewirtschaftet wurde. Dabei war (Süd-)Rhodesien einmal der „Brotkorb Afrikas“. Selbst als man sich vom Vereinigten Königreich loslöste war man wirtschaftlich erfolgreich und Schwarze wie Weisse lebten gleichberechtigt.

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