Chili, Knoblauch, Himmelfahrt

Welttheater

China-Nudeln sind in China am besten. Dazu trinkt der Chinese Cola und Bier – gleichzeitig. Foto: Jeff/Flickr

Komme eben vom Essen. Im Nachbar-Hutong. Nudeln. In Öl geschwenkt. In Chili gepudert. Unter Knoblauch begraben. Und dann: Himmelfahrt, aber auf dem kürzesten Weg.

Kaum habe ich mich an den rosa Wölkchen und singenden Englein vorbei wieder abgeseilt, lese ich die Zeitung, die meine. Da steht: «Das Essen im Hutong ist hervorragend und die Idee höchst stimmig.» Sowieso, denke ich. Aber woher wissen die das? Die Hutongs, das sind Pekings Altstadtgassen. Da wohne ich. Es stellt sich heraus, die Durchdringung der Kulturen ist schon weiter als gedacht: München hat sich einen Hutong in die Stadt geholt. Vielmehr: einen «Hutong Club». Ein Restaurant. Und das hat gerade den SZ-Gourmet-Award gewonnen, unter anderem, weil da «die Zubereitung einer Nudel schon mal zwei Minuten dauert». Bravo, Nudelzubereiter.

Wir fressen uns tagtäglich vor und zurück durch unseren Hutong. Ich rede gern stolz von den «mindestens ein Dutzend Lokalen», die sich in 100 Meter Umkreis von uns befänden. Gezählt hatte ich sie allerdings noch nie. Bis vor zehn Minuten. Also: Da ist das Jiaozi-Lokal, in dem sie die besten Fenchel-Teigtäschchen servieren. Die Rindfleischnudeln vor unserer Tür. Dann die «Nummer 9», da gibts jetzt Grillfleisch. Weiter unten das Sichuan-Restaurant, davor die Spiesschenfrau. Gegenüber gibts Fleischtaschen. Ein Yunnan-Restaurant (die Rösti!). Dann ein Restaurant der Zhuang-Minderheit, daneben Lammnierchen, im Feuertopf. Ganz hinten noch ein Grill-Koreaner und zum Abschluss der Laden mit den Goldfischen. Ach so, die gibts gar nicht zum Essen. Macht zusammen elf, den Goldfischladen verbuche ich einfach mal unter «Take-away».

Making noodles

Echte Handarbeit: Nudelherstellung in einem Strassenimbiss. Foto: Jeremy Keith/Flickr

«Die Gäste im Hutong erwartet Little-China-Atmosphäre», lese ich im Münchner Lokalteil, dazu «schwarz lackierte Decken, tiefhängende Lampen, stilvolles Ambiente». Die Gäste in unserem original Hutong erwartet schwarz gerusste Decken, gleissendes Neonlicht, speckige Kellner, ein die Nudelzubereiter zusammenstauchender Chef («ZWEI Minuten pro Nudel! Wenn ichs doch SAAAGE. Hab ich heute in einer DEUTSCHEN Zeitung gelesen!»), als Stilelement das von einem Aschenbecher festgehaltene Nichtraucherschild, und als Zugabe den sattesten Sound, den glückliche Münder in Aktion zu produzieren imstande sind. Dolby Surround, 3-D. Grosses Kino. Grosses China.

Wobei: Chinesische Freunde warnten uns, gleich nach dem Einzug. «Seid Ihr wahnsinnig?!? Wisst Ihr überhaupt, was hier im Land los ist?» Gift im Essen. Ratte im Lamm. Abwasser im Öl. Quecksilber im Reis. Skandal über Skandal. Im Hutong, so der Rat, geht man AUF KEINEN FALL mehr essen: zu billig, zu schmutzig. Und es stimmt schon. Diese Woche erst zerschlug die Polizei wieder einen Quallenfälscherring. Sie beschlagnahmte 10 Tonnen Quallenhaut, welche die Gauner so bearbeiteten, dass die Qualle hernach tatsächlich so aussah und schmeckte wie der in Essig und Zucker marinierte Tesafilm, den die Chinesen so gern als Salat essen. Oder wars anders herum? Egal.

Wir haben uns das angehört. Wieder und wieder. Und dann haben wir in die Restaurants bei uns hineingespitzt. Geschnüffelt. Wieder und wieder. Irgendwann sagten wir: Scheiss drauf. Vielleicht stimmt es ja, und das Essen ist in Peking so giftig wie die Luft. Aber immerhin: Das Essen schmeckt. Wölkchen, Engel, das volle Programm.

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