Cappuccino der guten Hoffnung

Welttheater

Südafrika im Jahr null nach Starbucks: Ein Angestellter in Johannesburg. Foto: Gianluigi Guercia (AFP)

Eigentlich hätte ich gewarnt sein sollen. Als ich meine Tochter vor unserem jüngsten Berlinbesuch fragte, was sie unbedingt sehen möchte, kam wie aus der Pistole geschossen: «Starbucks». Dazu muss man wissen, dass Südafrika nicht nur geografisch am Ende der Welt liegt. Auch kulturell wird das Kap der Guten Hoffnung von der Menschheit gerne links liegen gelassen oder muss zumindest mit einer «Auslöseverzögerung» rechnen. Erstmals in ihrer fast 30-jährigen Karriere beehrte uns Kylie Minogue jüngst mit ihrer Anwesenheit: Sie wurde wie der Messias begrüsst.

Und dann kam Starbucks. Die amerikanische Kaffeekette kündigte ihr Kommen noch pompöser als die australische Pop-Prinzessin an. Schon Wochen zuvor wurde in Talkshows die Bedeutung des bahnbrechenden Events für Südafrikas neue Rolle in der Weltgemeinschaft debattiert. Als es Anfang vergangener Woche tatsächlich so weit war, bildeten sich vor dem weissen Gebäude mit dem Emblem der grünen Nixe schon am Abend vor der Eröffnung lange Schlangen – als ob es hier das erste iPhone zu ergattern gelte. Die ganze Nacht über harrte eine gute Hundertschaft angefixter Schwärmer schlaftrunken, aber erwartungsselig unter der grünen Nixe aus und wurde am nächsten Morgen mit einem heillos überzuckerten Caramelized Honey Frappuccino oder einem fettigen Grande Smoked Butterscotch Steamer belohnt.

Die Schlangen vor dem ungemütlichen Kaffeehaus werden seitdem nur allmählich kürzer. Selbst am achten Tag der neuen Zeitrechnung stehen sich Dutzende von Liebhabern des misshandelten Kaffees die Beine in den Bauch: darunter die 16-jährige Emilie aus dem Johannesburger Vorort Alberton, die mit ihren sechs Freundinnen unverdrossen zwei Stunden lang auf ihren Milk Chocolate Melted Truffle Mocha gewartet hat. «So süss», sagt das Mädchen beglückt, «macht ihn sonst keiner.» Der Konzern ist mit seinem Marketingerfolg dermassen zufrieden, dass er am Ende der Welt bereits weitere 150 Filialen plant: Die zweite soll in der soeben zwischen Johannesburg und Pretoria fertiggestellten Mall of Africa eröffnet werden – dem mit zehn Millionen verbauten Backsteinen, 130’000 Quadratmeter Ladenfläche sowie 65’000 Parkplätzen grössten Einkaufszentrum des Kontinents.

Der Rummel um die Shoppingmall übertrumpft den Starbucks-Hype sogar noch: Am Tag ihrer Eröffnung zog die Mall of Africa 125’000 Besucher an. Expertenwarnungen, wonach das Kap der Guten Hoffnung in der wachsenden Flut von Einkaufszentren und ausländischen Kaffeeketten ertrinken könne, werden genauso in den Wind geschlagen wie einst die Befürchtung von Moralaposteln, die beim Launch des ersten südafrikanischen «Playboys» vor 20 Jahren das Ende des Anstands gekommen sahen. Längst sucht man das Busenmagazin am Kap vergebens: Ein Opfer der rasend getakteten Aufmerksamkeit, die nach dem jüngsten Walnuss-Latte-macchiato bereits auf die nächste über den Atlantik schwappende Schaumwelle schielt.


Aufgeregte Kunden in Erwartung des Kaffeegenusses: Bericht eines südafrikanischen TV-Kanals. Video: Lebogang Mokoena (Youtube)

6 Kommentare zu «Cappuccino der guten Hoffnung»

  • Heike L. sagt:

    So überteuert ist der Kaffee ja gar nicht. Starbucks hat doch die Preise extra angepasst.

    „So kostet Filterkaffee oder Espresso tall 17 Rand (1,10 €), mit 38 Rand (2,45 €) ist der Caramel Macchiato venti das teuerste Kaffeegetränk auf der Karte.“

    http://www.madiba.de/blog/starbucks-goes-south-africa/

    Dennoch gehe ich weiter zu Truth Coffee 😉 Aber natürlich kann man an allen Dingen etwas schlechtes finden.

    Im Grunde ist es doch ein Zeichen an Südafrika: Wir nehmen euch ernst, sehen hier Potential für uns. Sprich ein Land im Aufwind. Schöner als wenn ständig über Wilderei berichtet wird.

    just my 2 cents

    Heike

  • Gustav Brenner sagt:

    Erbärmlich diese von der Werbung völlig absorbierten Konsumentenschafe!
    Ich gehöre dazu, also bin ich…

  • Michael sagt:

    Lasst doch den Jugendlichen die überteuerten Kaffeekreationen (auch wenn ich sie gerne aufklären würde, dass woanders selbst der gewöhnliche Kaffee günstiger ist). Je älter ich werde, umso weniger gehe ich zu Starbucks. In Basel hatten wir auch einen Riesenauflauf mit Dunkin‘ Donuts und ihren Wucherpreisen. Nun hat sich das Interesse gelegt.

  • bernhard sagt:

    Es geht um ‚ the quest to belong‘ oder die Wannabees! Schrecklich.

  • Margrit Müller sagt:

    Typisch Südafrika, alles was aus Amerika kommt, ist himmlisch!! Von gutem Kaffee haben sie sowieso keine Ahnung, nur süss muss er sein. Unseren Kaffee aus der italienischen Kaffeemaschine de Longhi finden sie bitter. Ich habe einmal im Flughafen Zürich einen Starbucks Kaffee getrunken – und bin für alle Zeiten geheilt. Ich kann nur sagen: Geschmack ist anders, aber Südafrikaner haben keinen.
    Margrit Müller, Pretoria

  • jane nuessli sagt:

    Auch die Leute in SA werden merken dass der Kaffee von Starbucks leider grottenschlecht ist und der Kaffee im lokalen Laden um die Ecke 1000 mal besser schmeckt. Da gibt es dann aber auch keine dieser scheusslich süssen Mischgetränke die Jugendliche im Starbucks konsumieren. Kaffeegenuss geht anders!

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