Von Mauern und Maurern

Zum 70. UNO-Jubiläum wurde die Chinesiche Mauer im Oktober 2015 blau beleuchtet. (Reuters)( Li Sanxian)

Monument der Absurdität: Zum 70. UNO-Jubiläum 2015 wurde die Chinesische Mauer blau beleuchtet. (Reuters/Li Sanxian)

Einmal stieg ein Mann über mich drüber, der war auf dem Weg von London nach Australien. Mit dem Fahrrad. Da lag ich gerade auf der Mauer, der chinesischen, oben auf einem zerklüfteten Bergkamm, blinzelte ins Blaue und teilte mit einer Freundin die wilde Einsamkeit und die letzte Pusteblume. «Hey mate», sagte der Mann, sein Rad geschultert. Wir starrten ihn erst einmal nur an.

Das Länderabsperren durch Mauern und Zäune scheint wieder in Mode zu kommen. Da hätte die Welt einiges zu lernen vom welttollsten Mauerbaumeister. Das Grosse an der Chinesischen Mauer ist ja, dass sie nicht bloss steingewordener Triumph des Willens und des Grössenwahns ist, sondern auch das wohl eindrücklichste Monument der Absurdität menschlichen Tuns. Diesseits der Mauer wohnten einst die Bauern, die Sesshaften, also die Zivilisierten. Jenseits hausten die Nomaden, also die Barbaren, die es draussen zu halten galt. Dafür zwangen Chinas Könige und Kaiser ihre Bauern zu Fron und Leid und liessen sie dieses so grossartige wie aberwitzige Bauwerk über schroffe Berggrate und durch tiefe Schluchten ziehen. Ein Vorhaben, für das Unzählige ihr Leben liessen, entkräftet, zerschmettert, zu Staub geprügelt; ein Leid, das sich in Legenden und Liedern niederschlug.

Bittere Pointe: Als es darauf ankam, tat die Mauer nicht einmal das, was sie hätte tun sollen. Die Nomaden des Nordens und Westens kletterten einfach drüber, wann immer es ihnen gefiel. Die Mongolen und die Mandschuren eroberten jeweils gar das ganze Reich und gründeten ihre eigenen Dynastien. Lehre Nummer eins: Solche Mauern sind zu nicht viel nutze, es sei denn, sie sind breit genug für eine Picknickdecke, sodass man dann, wenn sie ihrem historischen Zweck entwachsen sind, sich an ihrem malerischen Verfall ergötzen und eine schöne Frau ins Staunen bringen kann. (Tausende von Kilometern, Tausende von Jahren. Nur für uns zwei. Nur für heute.) Lehre Nummer zwei: Überbau sticht Bau. Im kollektiven Diskurs entfaltet noch die sinnloseste Mauer eine eigene Kraft: in China Jahrtausende lang als Symbol für die Grausamkeit des ersten Kaisers; unter dem nicht weniger grausamen Kaiser Mao Zedong dann als Symbol nationaler Einheit und Stärke. Lehre Nummer drei: Die integrative Kraft menschlicher, rationaler und selbstbewusster Mehrheitsgesellschaften ist phänomenal. Die einfallenden Mongolen und Mandschuren gerierten sich bald chinesischer als die Chinesen selbst. Einschränkende Bemerkung: Es hilft, wenn man eine gute Küche hat. Lehre Nummer vier: Wenn man keine schöne Frau dabeihat, einfach so tun, als sei da gar keine Mauer.

Wie jener Australier. Da lagen wir, im Niemandsland, auf schroffem Gebirgskamm, als plötzlich aus dem Nichts dieses Fahrrad über die Mauer geflogen kam. Dann die Satteltaschen. Dann, keuchend hinterher kriechend, der Radler. Ein Australier auf dem Weg von London nach Tasmanien, in der Tasche eine Landkarte, die den Trampelpfad der Bauern hoch durchs Gestrüpp zur wilden Mauer – an dieser Stelle seit Jahrhunderten unberührt – tatsächlich als ordentliche Gebirgsstrasse auswies. «Hey mate», sagte der Mann und kratzte sich den Kopf. Den Weg nach Australien kannten wir nicht, aber den nach Peking zeigten wir ihm. «Cheers mate», sagte er, und verschwand auf der anderen Seite. Wir legten uns wieder auf den Rücken und blinzelten ins Blaue.

16 Kommentare zu «Von Mauern und Maurern»

  • Max Bernard sagt:

    Hätte der Autor von seinem Thema ein wenig Ahnung, so würde er nicht solchen Unfug schreiben. Dann wüsste er nämlich, dass die chinesische Mauer über Hunderte von Jahren die ihr zugedachte Aufgabe sehr wohl erfüllte. Als sie von den Nachkommen Dschingis Kahns doch noch überwunden wurde, so geschah dies aufgrund innerchinesischer Wirren, die dazu führten, dass ein Kommandant die Tore seines Abschnittes freiwillig öffnete. Von wegen überklettern! Handelte es sich doch bei diesen Nomaden um Reitervölker, die ausschliesslich zu Pferde kämpften. Aber vielleicht glaubt Strittmatter diese seien von ihren Reitern über die chinesische Mauer gehoben worden. Die Analogie zu Europa ist sowieso absurd.

  • Ruth Falk sagt:

    Leider sind Mauern, und seien sie noch so widerwärtig, manchmal auch notwendig: seit der Mauer fliegen in Israel wesentlich weniger Schulbusse, Cafes, Marktstände in die Luft.

    Ich habe als Lehrerin an 3 verschiedenen Attentaten 3 Schülerinnen beweinen müssen. Bin längst in Pension und froh, dass es meinen Kolleginnen, Dank der scheusslichen Mauer, erspart bleibt.

    Wie sagt Schiller: Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.

  • Florian Müller sagt:

    Bravo, schön. Die selbe Balance von Abgrenzung und Verbindung (am Radio auch ohne gute Küche) konnte man heute Mittag auf srf 1 beobachten. Kathy Ricklin (CVP Zürich) als Abgrenzende, die weiss was gilt, und Daniel Häni (Grundeinkommen) als Öffnender mit Vertrauen in Mitmenschen und Zukunft. Ricklin baut Mauern gegen die Lebenssicherung aller, Häni will jedem Selbstbestimmung geben.

  • Rico Hauser sagt:

    Man kann es auch anders formulieren: Massen- und Völkerwanderungen wie die zur Endzeit des Römischen Reiches kommen wieder in Mode. Auch die Römer hiessen die Wandalen, Goten und Langobarden willkommen und nahmen sie in ihre Armee auf, weil sie hofften, so den Germanenansturm abwehren zu können. Im Geschichtsbuch kann man nachlesen, dass das Gegenteil geschah. Andererseits ermöglichten feste Stadtmauern im Mittelalter manchen mutigen Verteidigern die erfolgreiche Abwehr feindlicher Anstürme. Die Mentalität ist entscheidend !

  • Meinhard S. Rohr sagt:

    Das Castello von Bellinzona wäre auch noch ein gutes Beispiel, dieses wurde nach den diversen Eroberungen jeweils einfach „gedreht“.

  • Jacques Taittinger sagt:

    Dschingis-Khan kam bis Europa, die Hunnen gar bis Paris. Zum Glück wurden sie dann „vereint“ geschlagen. Wer will schon unter der Herrschaft solcher Barbaren und Berserker leben. Man hat schon mit den „eigenen“ genug zu tun. Was am besten schützt, darüber kann man gut streiten. Vielleicht eine Kombination. Es existiert ein Problem. Probleme muss man lösen.

  • Max Meier sagt:

    Länder mit anderen ökonomischen, sozialen und auch ethisch, moralischen Voraussetzungen und Vorstellungen müssen nicht zwingend Ihre Grenzen sichern und auch nicht den Zustrom von Menschen aus anderen Kulturkreisen regulieren.
    Die Welt geht nicht unter wenn sie das nicht tun.
    Was allerdings passiert, und damit müssen die Bewohner dieser Länder dann leben, ist die Angleichung und damit auch der Verlust von bisherigem Wohlstand, Reduzierung der sozialen Errungenschaften und der teilweise Verlust von eigenen moralischen und kulturellen Standards. Ob dies so gewollt ist, sollten die Bürger dieser Länder selbst entscheiden – dann aber bitte nicht jammern und nach Bisherigem rufen.

    • Ronnie König sagt:

      Das Gegenteil passierte in China und römischen Reich, persisches Reich, Ägypten und Indien! Ihre Behauptung ist in der Fachliteratur widerlegt. Aber die Reiche durften nicht zerfallen, also kein Krieg herrschen bei der Vermischung. Nur bei kriegerischer Durchmischung gerät alles aus den Fugen.

  • Ralf Schrader sagt:

    ‚Bittere Pointe: Als es darauf ankam, tat die Mauer nicht einmal das, was sie hätte tun sollen. Die Nomaden des Nordens und Westens kletterten einfach drüber‘

    Das ist falsch. Ein chinesischer General öffnete den Mandschu ein Tor der Mauer, weil in Be Jing eine Bauernrevolte die Ming- Dynastie gestürzt hatte. Verständlich war der chinesischen Elite barbarische Aristokraten näher als die eigenen Bauern.

    Erstere assimilierten sich dann auch sehr schnell und nannten sich in Qing (die Reinen, in Anspielung an die moralische Verkommenheit des letzten Ming- Kaisers) um. Ein gelungenes Beispiel für die uns bevorstehende Verschmelzung mit der nahöstlichen Kultur.

    • Florian Müller sagt:

      Ich habe auch schon gehört, dass die Mandschu die Mauer einfach umgingen, im Westen wo sie nicht optimal befestigt war.

    • Lori Ott sagt:

      Dass Wege an die Mauer heranführen und auf der anderen Seite der Mauer weitergehen, deutet doch eher darauf hin dass es falsch ist zu behaupten es sei falsch dass die Nomaden einfach über die Mauer kletterten. Das schliesst natürlich nicht aus, dass ein chinesischer General in der Mandschurei ein Tor in die Mauer hat machen lassen, und dass Andere die Mauer einfach umgingen.

      • Max Bernard sagt:

        Die chinesische Mauer war nicht einfach zu überklettern. Dazu fehlte den Nomaden einerseits das erforderliche Sturmwerkzeug (Leitern, fahrbare Holztürme), denn die Mauer war bemannt. Andererseits hatten die Nomaden überhaupt kein Interesse diese zu überklettern, da es sich bei diesen nicht um Fusstruppen sondern um Reiternomaden handelte, deren Stärke der Kampf zu Pferde war, und diese lassen sich nun mal nicht über eine solch gewaltige Mauer hieven. Kurzum: Strittmatter hat keine Ahnung sondern verzapft Blödsinn!

  • Ronnie König sagt:

    Um Hindernisse zu überwinden die effektiver wie eine Mauer sind, haben gewisse Insekten ihre eigene Strategie entwickelt und selbst Wasserströme können überwunden werden. Die Menschen nicht minder erfolgreich haben schon die Grenze oder unsichtbare Mauer zum Weltall überwunden. Wo nicht überwunden untergraben. Oder schmuggeln sich durch. Pfeiffen im dunklen Wald hilft auch, aber nützt dei echter Gefaht nix. Der Limes, die chinesische Mauer, die Mauer von Grosszimbabwe, sie alle standen nach der Überwindung noch lange wie ein Mahnmal, aber der Mensch ignorierts und baut unverdrossen anderes weiter. Aber den Lauf der Dinge nicht aufhaltend, verbissen und gläubig wie Mitglieder einer Sekte.

  • Wildberger sagt:

    Der implizite Vergleich der Chinesischen Mauer mit den wieder aufkommenden Grenzen in Europa ist Unvollständig. Die Mongolen eroberten China, weil sie militärisch überlegen waren und die Chinesen blieben Chinesen, weil sie kulturell und Mengenmässig überlegen waren. Die Mongolen/Chinesen wurden erst in Vietnam gestoppt, wie die USA im 20. Jahrhundert und sicher nicht mit einer Willkommenskultur. Grenzen allein helfen sicher nicht, sondern es braucht auch ein (Selbst-)bewustsein der eigenen Werte ohne geistiges einmauern, das ist Stärke. Der Niedergang Chinas im 16. Jahrhundert hat genau so angefangen: Isolationismus mit Stagnation und so wurde China zum Spielball der Kollonialmächte.

  • Matthias sagt:

    Wie der Stacheldraht und die militärische Grenzbewachung, die von den Warmduschern gefordert wird, die sich in die Hosen machen, nur weil gerade ein paar Flüchtlinge nach Europa kommen, hatte die chinesische Mauer halt primär einen psychologischen und symbolischen Sinn. Sie markiert unmissverständlich eine klare Trennung zwischen „uns“ und und „den anderen“ und Sie gibt einem ein wohliges (wenn auch illusionäres) Gefühl in einer sicheren Burg zu sitzen, so ähnlich wie die Burgen, die wir als Kinder nachts aus der Bettdecke bauten, um die Monster der Dunkelheit abzuhalten. Wie gross wir auch werden, irgendwo bleiben wir doch immer Kinder, welche sich vor eingebildeten Monstern fürchten.

    • Max Bernard sagt:

      Na ja, wer keine Geschichtskenntnisse hat, der kann den militärischen Wert von Mauern und Burgen leicht leugnen. Der weiß eben nicht, dass diese Befestigungsanlagen über Hunderte von Jahren sehr wohl ihren Zweck erfüllten. Das galt nicht nur für den Limes sondern ebenso für die chinesische Mauer.
      Als Warmduscher würde ich eher diejenigen bezeichnen, die glauben man könne die Staatsgrenzen nicht gegenüber Flüchtlingen sichern, wobei das Gegenteil – siehe Balkanroute – längst bewiesen ist.
      Besonders albern ist zudem Ihre Auffassung, wonach die Menschen in Europa Angst vor den „paar“ Flüchtlingen hätten. Die Abneigung Millionen von diesen aufzunehmen hat v.a. finanzielle und kulturelle…

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