Schlacht um die Zuckersteuer

Cans of Coca-Cola sit on a shelf in a store in London, Britain March 16, 2016. REUTERS/Stefan Wermuth - RTSAPUQ

Acht Teelöffel Zucker sind in jeder Dose. Ob Coca-Cola eine Zuckersteuer einfach so hinnimmt? Foto: Reuters

Typisch Engländer. Als die britische Regierung jüngst bekannt gab, in zwei Jahren womöglich eine «Zuckersteuer» auf gesüsste Softdrinks zu erheben, jubelte der Londoner Starkoch Jamie Oliver: «Grossartige Neuigkeit! Ein bedeutender Schritt, der um die ganze Welt gehen wird.» Was der «nackte Chefkoch» übersehen hatte: Die grossartige Neuigkeit ging bereits um die Welt, ohne dass im alten Empire offenbar davon Notiz genommen wurde. Mexiko führte im Januar 2014 eine derartige Abgabe ein, und Südafrika will alsbald folgen – falls dem Kap der Guten Hoffnung nicht zuvor die Puste ausgeht.

Denn was die Kapländer in ihrer sympathischen Naivität womöglich übersehen haben: Mit ihrem Vorstoss weckten sie keinen schlafenden, sondern einen munter vor sich hin produzierenden Riesen, der die Welt seit 130 Jahren mit inzwischen täglich 1,8 Milliarden Flaschen überzuckerter Flüssigkeit überflutet. Die Rede ist von einer der erfolgreichsten Firmen aller Zeiten, die unter anderem für den roten Mantel des Weihnachtsmanns verantwortlich zeichnet: Die Rede ist von Coca-Cola. Wer über so viel Geld und Macht verfügt, lässt sich nicht gerne in das Soda spucken, vor allem, wenn es sich um die Regierung eines läppischen Entwicklungslands handelt.

Am Donnerstag, dem 21. April, wird Coca-Cola der südafrikanischen Regierung die Leviten lesen. An diesem Tag ist ein Treffen zwischen Pretorias Beamten und der Beverage Association of South Africa anberaumt, in der ausser Coca-Cola auch Pepsi und SAB Miller vertreten sind – Letztere repräsentieren den grössten Getränkehersteller der Welt. Die Vereinigung der Zuckerschleudern hat bereits ihre PR-Kanonen aufgefahren: «Diskriminierung!», schreien die Süssstoffkrieger: Ausser zahllosen Kleinunternehmen, die vom Softdrinkvertrieb lebten, würden vor allem die armen südafrikanischen Konsumenten unter dem unüberlegten Vorschlag leiden. Sie müssten sich dann nämlich andere Quellen zur Stillung ihrer Zuckersucht suchen.

Ein Weniger, so die saure Botschaft der süssen Barone, gebe es nicht: Dafür wurden die Konsumenten von den Softdrinkproduzenten viel zu erfolgreich angefixt. Täglich nimmt ein Durchschnittssüdafrikaner 17 Teelöffel Zucker zu sich, ein Drittel davon in Form eines Softdrinks. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt vor jedem Löffel über dem zehnten. Allein acht Teelöffel befinden sich in einer Dose Coca-Cola, die mit anderen Stoffen angereichert werden muss, damit der menschliche Körper den übersüssten Klebesaft nicht gleich wieder ausspeit. Jeder fünfte Südafrikaner ist inzwischen übergewichtig, die Zahl der Diabetiker breitet sich in aller Welt wie ein Lauffeuer aus. Aus den derzeit 350 Millionen Zuckerkranken würden in den nächsten 20 Jahren 700 Millionen werden, warnt die WHO.

Man weiss noch vom PR-Feldzug der Tabakindustrie, was nun folgen wird: Die Schlacht der wissenschaftlichen Untersuchungen. Die Vereinigung der Zuckerschleudern will bereits herausgefunden haben, dass der mexikanische Kalorienverbrauch nach der Einführung der Softdrinksteuer gar nicht gesunken sei, während andere darauf hinweisen, dass der Limonadenverkauf um 12 Prozent zurückgegangen sei. Nach Erhebungen von Forschern der Johannesburger Witwatersrand-Universität könne eine 20-prozentige Softdrinksteuer 250’000 Südafrikaner vor Überfettung bewahren: Auch dieser Untersuchung werden die Zuckerbarone gewiss etwas entgegenzusetzen haben.

Wie die Schlacht ausgehen wird, steht noch nicht fest. Dass ihr Ausgang von wissenschaftlichen Untersuchungen entschieden wird, ist unwahrscheinlich: Schliesslich geht es der südafrikanischen Regierung auch in erster Linie darum, das gähnende Loch in ihrer Kasse zu füllen. Besonders gut eignen sich für solche Zwecke Angefixte, die sich in ihrer Sucht nicht wehren können – es sei denn, sie werden von mächtigen Freunden unterstützt.

7 Kommentare zu «Schlacht um die Zuckersteuer»

  • K.Stauffer sagt:

    Der grösste Teil der schwarzen Bevölkerung ernährt sich ungesund.Zuviele Chps, Maisbrei,Schokoladenriegel und vorallem zuwenig Gemüse ausser Kartoffeln,auch lieben sie das weisse Brot weil das dunkle ist schmutzig.Es ist nicht leicht sie von ihren ungesunden Essensgewohnheiten zu überzeugen!!

  • Nick Schaefer sagt:

    Eine Zucker- oder Fettsteuer müsste in der Schweiz geradezu exorbitant hoch sein, um irgend eine Wirkung zu entfalten.
    Die Fettsüchtigen könnten auch viel zu einfach auf andere Kohlenhydrate, und auf selbst importierte Nahrungsmittel umsteigen.

    Da erscheint mir eine direkte Besteuerung der Fettleibigen über einen Krankenkassenzuschlag sehr viel sinnvoller.

    Wie bei vielen Gesellschaftskrankheiten wäre wohl auch hier eine bessere soziale Integration und Empathie die beste vorbeugende Massnahme:
    Wer mit hochgeschätzten Menschen zum Sport geht, hat wohl ein deutlich verringertes Risiko.

  • Denise sagt:

    Ich bin absolut einverstanden mit einer Zuckersteuer und wäre auch für eine Fettsteuer. Alkohol und Tabak werden ja auch besteuert. Ausserdem müsste man nach dem weltweiten Feldzug gegen Raucher nun auch konsequent sein. Sonst ist diese Gesundheitsoffensive nicht wirklich glaubwürdig.

    Übrigens werden auch bei Alkohol und Tabak die Armen übermässig besteuert somit ist dieses Argument nur zu betrauern.

    • Nick Schaefer sagt:

      Magersucht ist heute leider weit verbreitet.

      Betroffen sind zumeist sehr intelligente Mädchen und Frauen, welche die Verlautbarungen von Respekpersonen (v.a. narzisstische Mütter in der Midlife-Crisis), und von Massenmedien mit ihrem Modelkult allzu wörtlich nehmen.
      So wie weiland die Nonnen sich dem lieben Herrgott hergaben, so opfern diese Mädchen heute dem Magerkeitswahn.
      Somit wurde eine Wahnvorstellung durch eine andere abgelöst, wobei die Nonnen im besten Fall wenigstens dem Allgemeinwohl dienten.

      Eine Zucker- und Fettsteuer würde diesen Magerwahn noch weiter begünstigen.

  • Peter Müller sagt:

    Wenn man anschaut was die Konsequenzen von unserem Zuckerkonsum sind macht eine Zuckersteuer zur Diabetes Vorsorge auch bei uns durchaus Sinn.Alle wo es stinkt dass die Krankenkasse jedes Jahr ansteigen müsste eigentlich dafür sein, wir bezahlen nämlich alle für den übermässigen Zuckerkonsum mit.
    Es gibt eine Studie welch online erhältlich ist von der Credit Suisse wo genau dies empfiehlt (Sugar consumption at a crossroads)

  • Nick Schaefer sagt:

    Mir ist Cola mittlerweile viel zu süss.
    Die Colas mit künstlichen Süssstoffe sind im Geschmack entweder ebenso süss, oder haben einen grässlichen metallisch-chemischen Nachgeschmack.

    Warum nicht einfach anstatt 10% Zucker, nur 1% oder 0% Zucker in die Cola?
    Das wäre dann auch ein Getränk mit einem echten Charakter, so wie Kaffee.

    Mein Konsum würde sich damit schlagartig von 0.5 Liter/Jahr, auf 10 Liter pro Jahr erhöhen:
    Das wäre eine Umsatzsteigerung von 2000% !!

  • Martin M. sagt:

    Ein läppisches Entwicklungsland würde ich Südafrika nicht grad bezeichnen. Die Regierung (inkl. Präsident) hat schon noch Verbesserungspotential. Aber das hat ein Teil unserer Regierung auch…
    Liebe Grüsse nach Joburg !

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